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Das Ende der Gruppe 47 : Literatur? Alles läppisch

War die Regel, Öffentlichkeit nicht zu suchen, also im Licht der tatsächlichen Praxis unglaubwürdig, so dementierte die Regel, dass der kritisierte Schriftsteller selbst zu schweigen habe, den offiziellen Zweck der Tagungen. Denn weshalb sollte dem Autor eine Antwort auf Kritik versagt bleiben, wenn es primär um Lernen an Texten gehen soll? Und warum hatte die Kritik spontan, unter dem Eindruck des soeben gehörten Vortrags zu erfolgen, wo doch nicht Schauspielerleistungen, sondern schriftstellerische in Frage standen? Dass Paul Celan bei einer Tagung der Gruppe 47 wohl auch darum durchfiel, weil der Stil seines Vortrags nicht konvenierte, weckt Zweifel am Zweck der gegenseitigen Verbesserung des Schreibens. Denn für die Bedeutung eines Gedichts ist es ja ganz gleichgültig, ob sein Autor es vorteilhaft aufzusagen vermag.

Handkes fünf Minuten Ruhm

Ging es bei den Tagungen der Gruppe 47 also doch noch um etwas anderes als um Lernen durch Diskussion und Verbesserung der deutschen Literatur mittels Zusammenkunft von dezentralen Existenzen? Auch Peter Handke verstieß mit seiner „Alles läppisch“-Intervention in Princeton gegen eine Regel der Gruppe. Es sollte nämlich immer nur über den gerade vorgetragenen Text gesprochen werden, jedoch nicht über ästhetische Maßstäbe im Allgemeinen und auch nicht über die Tagungstexte im Vergleich. Warum nicht? Handkes Verstoß gegen diese Regel war flagrant: Zu Hermann Peter Piwitts Lesung, die seinem Auftritt voranging, verlor er kein einziges Wort. Dafür wurde er von Hans Werner Richter auch gleich mehrmals gerügt: „Sie müssen zum Text sprechen“, „kein Seminar“.

Handke war es egal. Er hatte durch eine Intervention, von der danach die Worte „Beschreibungsimpotenz“, das „Mädchen“ über die Männer und „läppisch“ erinnert wurden, seine fünf Minuten Ruhm, aus denen sich Weiteres ergab. Was die Treffen der Gruppe 47 früh ausgezeichnet hatte, die Begleitung durch die Medien, war hoch effektiv genutzt worden. 1947 waren die Strukturen der öffentlichen Verteilung von Ruhm in der deutschen Literatur noch schwach ausgeprägt. Auch sie sind in einer Kultur ohne maßgebliche Metropole, wie sie von Goethe beschrieben worden war, oft unterentwickelt. Die Selbsterzeugung von Ruhm durch privilegierte Mitgliedschaft, Wettbewerb und Diskussionen, die als solche bewiesen, dass sie sich lohnten, gehörte zu den Funktionen dieses Spiels: Literatur als Ereignis.

In den Akten von Princeton ist nachzulesen, wie wichtig einzelne Schriftsteller das Ereignis nahmen – nur eben nicht mehr literarisch wichtig: Heinrich Böll etwa fand, dass die Diskussion von „ach so bewährten kritischen“ Texten in Amerika den Anschein erwecke, bei der Bundesrepublik handele es sich um ein freies Land. Andere zweifelten, ob man sich von Leuten einladen lassen dürfe, deren Staat gerade in Vietnam Krieg führte. Es ging also gar nicht mehr primär um die Verbesserung an Texten; sondern die Aufmerksamkeit, die man sich erarbeitet hatte, wurde längst moralisch bewirtschaftet. Auch über diese Abwendung von der Sprache hin zur „so genannten deutschen Gegenwart“ machte sich Handke lustig. Dass ihm das seinerseits Ruhm eintrug, beweist, wie gut die Weiterverwertung von Literatur in anderen Zusammenhängen inzwischen funktionierte. Zwanzig Jahre nach ihrer Gründung bedurfte der Literaturbetrieb der Gruppe 47 nicht mehr.

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