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Das Ende der Gruppe 47 : Literatur? Alles läppisch

Doch wo in den Avantgarden der Gefolgschaftswille oder die aggressive Aktion zur Gruppenbildung drängten, stand im Zentrum der Gruppe 47 ein ganz anderes Sozialmodell: die Diskussion. Das war, wie die Kölner Historikerin Nina Verheyen in ihrem klugen Buch „Diskussionslust“ (Göttingen 2010) gezeigt hat, zeittypisch. Nach 1945 stand in Deutschland unter dem Einfluss vor allem der amerikanischen Besatzungsmacht die politische Erziehung durch Diskutieren in höchstem Ansehen. Hans Werner Richter und sein Schriftstellerkollege Alfred Andersch hatten im Unterricht für Kriegsgefangene als Lehrer den jüdischen Emigranten Henry W. Ehrmann, der wie viele andere Pädagogen der Re-Education die Übung im Diskutieren als Einführung in die demokratische Praxis verstand. Wer diskutiert, muss lernen, vom Status eines Sprechers abzusehen, muss sich die Perspektive anderer vor Augen führen und begreifen, dass Dissens konstruktiv sein kann, wenn er nicht zwangsläufig auf den Sieg einer Position über eine andere hinausläuft, sondern zu wechselseitigem Lernen und zu Kompromissen führt.

Dass Schriftsteller durch Diskussion voneinander lernen können, gehörte zu den Gründungsideen der Gruppe 47. Nikolaus Wegmann, der heute in Princeton Germanistik lehrt, hat zusammen mit seinem Berliner Kollegen Cornelius Reiber die Materialien zur historischen Tagung von 1966 – erst vor fünf Jahren wurde der komplette Tonbandmitschnitt in einem Büroschrank in Princeton entdeckt – wie überhaupt zur Gruppe 47 gesichtet. Er bringt sie in Verbindung zu dem, was Johann Wolfgang von Goethe 1795 in seinem Aufsatz über „Literarischen Sansculottismus“ schrieb. Kurz gefasst: Ein Land ohne politische Metropole, in dem die räumlich voneinander getrennten Schriftsteller dazu neigen, vor sich hin zu schreiben, hat den Vorteil, dass sie nicht unter starkem sozialen Nachahmungsdruck und dem Diktat der Mode stehen. Es hat aber den Nachteil, dass seine Nationalliteratur leicht eine von Sonderlingen werden kann. Also ist es wichtig, dass sie bereit sind, voneinander zu lernen und einander zu korrigieren. Die Gruppe 47, deren Tagungsorte vor 1966 zumeist Landgasthöfe in der tiefen Provinz waren, versuchte in diesem Sinne das fehlende Zentrum der deutschen Literatur zu ersetzen.

Wem las die Gruppe 47 wirklich vor?

Zu sehen, was die anderen machen, sich daran zu schulen und insofern einen state of the art zu vergegenwärtigen, war zumindest ihr Ideal. Hinzu kamen Rollenübergänge zwischen Schriftstellern und Kritikern. Nicht nur kritisierten die Dichter einander, es gab auch jede Menge Doppelrollen: In Princeton las als Erster der Kritiker, Professor und Dramatiker Walter Jens aus einem wohl zu Recht vergessenen Theaterstück. Weitere Mehrfachbegabungen der Gruppe waren beispielsweise Walter Höllerer, Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger. Das berührte freilich die Frage der Unabhängigkeit von Kritik und Literatur ebenso, wie es die Anwesenheit von Journalisten und Verlegern beim „Lernprozess“ der Autoren tat. Eigentlich hätte man ihrer, wenn es nur um Verbesserungen an Texten gegangen wäre, nicht bedurft. Oder, anders formuliert: Mit zunehmender medialer Prominenz der Gruppe 47 wurde immer unklarer, ob man die Texte einander oder nicht vielmehr einer angeblich ausgeschlossenen Öffentlichkeit vorlas, die aber in Gestalt von Journalisten und Verlegern präsent war.

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