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Literatur und Wetter : Die Deutschen und der Schnee

  • -Aktualisiert am

Wo es monatelang schneit: Busfahren im winterlichen Nowosibirsk. Bild: imago/ITAR-TASS

Kreuzfahrten an den Polarkreis und der Hype um Eisbär Knut: Hängt die Liebe der Deutschen zum reinen Weiß mit Reinlichkeitsfantasien zusammen? Der Autor hat in Sibirien nach Antworten darauf gesucht.

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          Stunde um Stunde verfolge ich das Geschehen im Freigehege der beiden Polarwölfe Axel und Grayson im International Wolf Center in Ely, Minnesota. Die Live Cam zeigt mir eine Schneelandschaft, die Temperatur liegt weit unter null Grad, und wenn später am Vormittag die Sonne hervorkommt, habe ich gute Aussichten, die beiden Tiere zusammengerollt auf der kleinen Anhöhe liegen zu sehen, wie sie ihren Mittagsschlaf halten. Der scharfe Wind streicht durch Axels weißes Fell. Grayson zuckt mit dem Ohr.

          Stunde um Stunde – wenn auch nicht alle 88 Folgen zu je 120 Minuten – schaue ich die Slow-TV-Sendung „Reinflytting minutt for minutt“ des norwegischen Staatsfernsehens. Ich betrachte die Rentiere beim langen Zug zu ihren Frühlingsgründen. Auf dem Weg dorthin müssen sie eine Bucht durchschwimmen, doch entgegen dem Zeitplan, wie er von der Dokumentarfilm-Redaktion aufgestellt wurde, verzögert sich das Geschehen um mehrere Tage, weil die Rentiere entscheiden, aufgrund eines neuerlichen heftigen Schneesturms eine weitere Zwischenrast einzulegen. Schneidender Schneewind, Rauschen, und inmitten der konturlosen Landschaft hier und da eine Ansammlung hellbrauner Flecken – das sind die Rücken der Rentiere. Träge, geduldig, halb im Schlaf warten sie ab, dass es weitergeht.

          Die weiße Welt hinter dem Bildschirm, die große Leere, bevölkert mit ein paar Tieren, die kaum zu erkennen sind: Nichts hätte mich mehr faszinieren können im zurückliegenden Pandemie-Frühjahr, als sich ein Tag eintönig an den anderen reihte und der Blick auf die kontinuierlich steigenden Inzidenzwerte von Mal zu Mal meine Hoffnung zunichte machte, der Lockdown könnte in absehbarer Zeit enden.

          Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Herdentier, das sich nach Einsamkeit sehnt. Und in der Einsamkeit sehnt es sich nach der Herde.

          Im Rest der Welt wird den Deutschen ein krankes Verhältnis zum Schnee nachgesagt. Vielleicht hängt das mit unseren nicht eben gesunden Reinlichkeitsfantasien zusammen. Wo auch immer es während des vergangenen Corona-Winters in einer ansonsten nicht weiter bemerkenswerten Mittelgebirgsgegend über Nacht geschneit hatte, mussten die ­malerischen Schneeflächen am folgenden Tag von Abertausenden ungeimpfter Wochenendausflügler zertrampelt werden. Mit Einbruch der Dunkelheit zogen sie sich fröhlich und erschöpft in ihre Behausungen zurück.

          Möglich, im kollektiven Unbewussten schlummern noch heute Filmerinnerungen an „Die weiße Hölle vom Piz Palü“. Möglich, man ist sich der Tatsache bewusst, an diesem herrlichen Sonnentag könnte man den allerletzten deutschen Schnee gesehen haben.

          Schön unbefleckt

          Die Deutschen kratzen aberwitzige Summen zusammen in der Hoffnung, bei einer Kreuzfahrt an den Polarkreis den womöglich letzten Eisbären auf einer Eisscholle zu Gesicht zu bekommen. Das schöne, unbefleckte, leuchtend-weiße Fell. Eine Welt ganz in Weiß.

          Schon seit einer Weile wird die Öffentlichkeit sanft, aber mit nachhaltigem Druck darauf vorbereitet, von den inneren Schneebildern Abschied zu nehmen. Mit der Geburt des Eisbären Knut im Zoologischen Garten Berlin ergab sich Ende 2006 eine unverhoffte Möglichkeit, diesen Abschied ein wenig leichter zu machen. Von seinen frühen Lebenstagen an wurde der Eisbärennachwuchs medial umfassend begleitet, und die Präsenz einer solchen absurden Niedlichkeit mitten in der deutschen Hauptstadt zog nicht nur Landes- und Bundespolitiker an, die sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln darum bemühten, gemeinsam mit Knut fotografiert zu werden. Indem die Öffentlichkeit Tag für Tag verfolgte, wie sich der junge Eisbär entwickelte, gelang es, die Menschen an eine Zukunft heranzuführen, in der das Fell eines Eisbären nicht mehr strahlend weiß sein wird, eine Zukunft, in der Eisbär und Eislandschaft nicht mehr selbstverständlich zusammengehen.

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