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Lukas Rietzschel zum Osten : „Dann haben wir irgendwann einen guten Tierpark, aber keine Schulen mehr“

  • -Aktualisiert am

Lukas Rietzschel auf dem Balkon eines alten Hauses in Görlitz, das er mit anderen zu einem Atelierhaus umgestaltet Bild: Robert Gommlich

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel spricht über Nachwendekinder, Entmündigungserfahrungen, seinen neuen Roman und das, was eine neue Bundesregierung braucht.

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          Ihr Debütroman trug den Titel „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Vor Kurzem haben Sie eine sarkastische „Anleitung zu einem Roman über eine sächsische Mittelstadt“ veröffentlicht. Darin steckt der Vorwurf, dass sich Westdeutsche den Osten nicht ohne Klischees vorstellen können. Da scheint eine große Wut zu sein?

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Auf jeden Fall. Dieser Blick auf den Osten stört mich schon sehr. Aber andererseits ist die Rolle des „Osterklärers“ auch ein seltsames Konstrukt. Manche behaupten, das zu sein – aber das zeugt von einer großen Hybris, die ich gerne hätte.

          Wie spiegelt sich diese Problematik in Ihrem Werk?

          Ich versuche in meinen Texten Figuren einzubauen, die sehr daran leiden, dass über sie erzählt wurde und wird. Wenn ich an die Generationen meiner Eltern und Großeltern denke: Die können sich gar keine Berichterstattung vorstellen, die nicht von ihnen handelt. Da fehlt so ein bisschen ein Gegengewicht.

          Im neuen Roman „Raumfahrer“ heißt es über den Protagonisten Jan: „Immerzu zog es ihn in die Vergangenheit.“ Ist also auch Ihre Generation noch so stark darin gefangen?

          Stimmt schon: Ich habe zum Beispiel irgendwann angefangen, alte Sachen zu sammeln. Wenn ein Haus oder eine Fabrik abgerissen wurde, bin ich rein, um Fliesen oder Steckdosen rauszuholen. Also wirklich absurde Sachen, die kein Mensch braucht. Oder ich denke: Warum nimmst du dir schon wieder eine „Kabinett“-Zigarettenschachtel mit oder halb vergammelte „Florena“-Dosen? Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich muss das festhalten.

          Es ist auch die Rede von „Schmerzen, die wie Steine weitergereicht werden in einer Menschenkette“.

          Das schließt an Diskurse an wie bei Valerie Schönian mit „Ostbewusstsein“ oder Johannes Nichelmann mit den „Nachwendekindern“: Sie reichen eine Art von Kränkungs- oder Entmündigungserfahrung weiter, auch wenn die sie bei Weitem nicht so betroffen hat wie ihre Eltern und Großeltern. Ich habe manchmal das Gefühl, das sind so Phantomschmerzen.

          Und wenn in Ihrem Buch jemand fragt: „Wie kann man in dieser Zeit nur Kinder kriegen wollen?“: Ist das nur ein Roman-Satz, oder liegt er auch Ihnen nah?

          In erster Linie zielt das auf den Geburtenknick der Nachwendezeit. Ich bin selbst 1994 geboren, das war einer der geburtenschwächsten Jahrgänge. Ich weiß gar nicht, woran es genau lag, aber man sah ab 1990/91 eine große Verunsicherung, was die Zukunft betrifft. Heute höre ich den Satz aber auch von Freunden und frage mich: Wohin soll er führen? Soll man den Menschen absprechen, dass sie Kinder kriegen? Das klingt ja, als wäre nie etwas gut gegangen, als würde auch jetzt nichts gut gehen und als wäre eine gute Zukunft gar nicht denkbar. Da fehlt mir die Selbstwirksamkeit.

          Sie wohnen in Görlitz. Finden Sie, dass man dort und in der Region gut leben kann?

          Ich lebe gut, sonst wäre ich weggezogen, da bin ich egoistisch genug. Aber wie es in Zukunft aussieht, ist eben die Frage. Wenn ich etwa auf Listen sehe, wo diese Kohle-Gelder nun hingehen sollen: Das ist eine Farce. Da werden Milliarden in eine Region gepumpt, die man in Bildung und Infrastruktur stecken könnte, in ärztliche Grundversorgung. Aber stattdessen kommt dann so etwas wie „Digitalisierung des Zittauer Tourismus“, oder in Görlitz fließt Geld in den Tierpark. Dann haben wir irgendwann einen guten Tierpark, aber keine Schulen mehr.

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