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Josef Haslinger zum 60. : Feind des Machtgeplänkels

Josef Haslinger Bild: Picture-Alliance

Sein Roman „Opernball“ hat es gezeigt: Wie kaum ein Autor der Gegenwart beherrscht Josef Haslinger die Fähigkeit, eine Welt zu erfinden, die morgen unsere sein könnte. An diesem Sonntag wird er 60 Jahre alt.

          Gemeinhin gelten Schriftsteller als einsame Menschen. Sie kämpfen sich durch das Gestrüpp ihrer Gedanken, oft jahrelang. Sie treten ein in ein Zwiegespräch mit Stimmen aus der Vergangenheit, mit Werken, die längst geschrieben sind. Und wenn sie dann fertig sind, zuckt die Welt mit den Achseln oder zerrt sie in ein Blitzlichtgewitter, von dem sie sich erst nach Jahren erholen. Wenn es allerdings einen Autor gibt, für den all das nicht gilt, dann ist es der Österreicher Josef Haslinger.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Zunächst einmal hat sich Haslinger wie kaum ein anderer Autor an öffentlichkeitswirksamen Themen abgearbeitet. In der 1985 veröffentlichten Novelle „Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek“ verarbeitete er die Enge seines ländlich geprägten Elternhauses und bastelte damit zugleich einen Widerhaken, an dem er die soziale und politische Situation Österreichs Mitte der achtziger Jahre aufspießte. Zwei Jahre später folgte der Essay „Politik der Gefühle“, in dem Haslinger die Kandidatur Kurt Waldheims für das Amt des österreichischen Staatspräsidenten kritisierte – und sich endgültig an der Vorderfront der littérature engagée positionierte.

          Mit Ernst und Überzeugung

          Einem breiteren Publikum wurde er mit dem Roman „Opernball“ bekannt, der 1995 erschien und so weite Kreise zog, dass Sat.1 den Stoff mit deutlich mehr Sprengkraft, aber auch deutlich weniger Feinheiten verfilmte. Haslinger spielt in dem Roman einen fiktiven Giftgasanschlag von Rechtsradikalen auf den Wiener Opernball durch, der am Ende nur deshalb zustande kommt, weil Medieninteresse und politisches Machtgeplänkel sich unheilvoll verstärken. Seine Sprache ist präzise, schnörkellos; sein Blick dem Dokumentarischen verpflichtet, selbst dann noch, wenn es um erfundene Situationen geht. Wie kaum ein Autor der Gegenwart beherrscht Haslinger die Fähigkeit, eine Welt zu erfinden, die morgen unsere sein könnte.

          Aber auch abseits seines Schreibens war Josef Haslinger stets eine öffentliche Person – als Herausgeber der Literaturzeitschrift „Wespennest“ bis 1992, seit zwei Jahren als Präsident des P.E.N.-Zentrums Deutschlands und seit fast zwanzig Jahren als einer der drei Leiter des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL). Wer ihn dort erlebt hat, kann bezeugen, mit welchem Ernst und welcher Überzeugung Haslinger den schriftstellerischen Nachwuchs zu fördern versucht. Es gibt im DLL kaum Seminare, die besser besucht wären, und kein Büro, in dem sich die Studenten länger aufhielten. An diesem Sonntag wird Josef Haslinger sechzig Jahre alt.

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