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Festgehaltener Schriftsteller : Ich machte ein Foto und wurde neunzig Sekunden später verhaftet

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„Wie soll ich da noch irgendjemandem empfehlen, herzukommen?“ Jörg Albrecht (rechts) mit Lukas Bärfuss in Abu Dhabi. Bild: Wallstein-Verlag

Drei Tage im Gefängnis, dreißig Stunden ohne jeden Kontakt zur Außenwelt: Wie das Emirat am Golf mit einem deutschen Gast umgeht, den es zu seiner Buchmesse eingeladen hatte. Ein Interview mit dem Schriftsteller Jörg Albrecht.

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          Mit welcher Begründung hat Sie der Geheimdienst in Abu Dhabi verhaftet?

          Ich wurde am 1. Mai inhaftiert, weil ich Botschaftsgebäude fotografiert habe. Allerdings – und ich weiß, dass das sehr naiv war – wusste ich nicht, dass es Botschaften waren. Ich ging nach meiner Ankunft gegen 14.40 Uhr aus dem Hotel, lief zwei Straßen weiter und machte Fotos zweier sehr schöner Gebäude. Neunzig Sekunden nach dem letzten Foto wurde ich schon angehalten, dann auf eine Wache gebracht, später zu einem Verhör und dann ins Gefängnis. Dort kam ich am 2.Mai um 6.30 Uhr morgens an – fünfzehn Stunden nach der Festnahme.

          Sie waren drei Tage in Haft. Wie ist Ihre jetzige Situation? Wann können Sie nach Deutschland zurückkehren?

          Es sieht derzeit noch genauso aus wie am 4. Mai, als ich aus der Haft kam: Mir wird gesagt, dass mein iPad noch untersucht werde, der Staatsanwalt habe die Akte aber geschlossen, es sei eine, so wörtlich, „lächerliche Angelegenheit“, alle hätten ein Interesse, die Sache schnell zu beenden. Heute hieß es dann, vielleicht gehe der Fall an einen anderen Staatsanwalt. Der Grund dafür und was mir vorgeworfen wird, ist unklar. Ein Sekretär bei Gericht sagte heute, frühestens Anfang kommender Woche würde sich etwas bewegen. Ich weiß immer noch nicht, wann ich hier endlich weg kann.

          Wie sind Sie während Ihrer Inhaftierung behandelt worden?

          Mir ist wichtig zu sagen, dass alle Beamten der Geheimpolizei und im Gefängnis sehr freundlich waren. Das Problem war, dass ich mich mit Englisch nicht immer gut verständigen konnte. Alle bedeuteten mir aber – eben sehr höflich –, ich sollte mir keine Sorgen machen, es wäre schnell vorbei. Dennoch durfte ich erst nach dreißig Stunden jemanden kontaktieren. Zum Glück hatte aufgrund des Einsatzes von Thorsten Ahrend, meines Lektors, die Deutsche Botschaft schon versucht, mich zu erreichen, und da ein Gefängniswärter etwas unachtsam war – vielleicht auch absichtlich –, konnte ich dort zurückrufen und ein Lebenszeichen geben. Man muss sich das so vorstellen: Ich bangte, ob mich überhaupt jemand sucht, und die anderen bangten, ob sie mich finden würden. Ich wurde dann noch zweimal ins Gericht gebracht, aber nicht mehr verhört. Da war dann jeweils eine Angestellte der Botschaft dabei. Einen Anwalt hatte ich nicht, das wurde mir auch nicht empfohlen – es könne als konfrontative Reaktion gewertet werden, hieß es. Das ist natürlich ein ganz anderes Verständnis von rechtsstaatlichem Vorgehen als in Deutschland.

          Haben Sie zur Zeit Kontakt mit staatlichen Behörden in Abu Dhabi? Werden Sie vom Geheimdienst überwacht?

          Ich habe keinen offiziellen Kontakt. Ich bin seit meiner Freilassung jeden Tag zum Gericht gegangen und habe den Staatsanwalt genervt. Der spricht aber auch kein Englisch, so dass ich an einen anderen Sekretär oder Assistenten verwiesen werde. Mir wurde von mehreren Seiten gesagt, dass der Geheimdienst natürlich weiter ein Auge auf mich habe. Ich versuche also, auch wenn ich mich nun frei bewegen kann, mich jetzt nicht in irgendeiner Weise auffällig zu benehmen. Ich gehe davon aus, dass meine gesamte Kommunikation beobachtet wird –also auch unser Gespräch.

          Wie agiert die deutsche Botschaft?

          Sie tut hier wirklich alles in ihrer Macht Stehende. Das genau verunsichert mich ja auch so extrem: Wenn die äußersten Mittel bereits gewählt wurden, wieso geschieht dann nichts? Wird hinter den Kulissen noch an einer neuen Anklage gebastelt? Dauert es nur, wie alles hier, ewig, weil die Arbeit langsamer gemacht wird? Ist mein Fall womöglich zu unwichtig und unter irgendeinem Aktenstapel verschwunden? Ich werde irre, allein durch diese Spekulationen. Am Ende sind sicher ganz andere Dinge entscheidend, die niemand einschätzen kann.

          Was kann die deutsche Öffentlichkeit tun, um Ihnen Ihre Situation zu erleichtern und Sie zu unterstützen?

          Wir haben ja versucht, die Situation geheim zu halten, um nicht zu provozieren. Aber nach zehn Tagen konnte ich meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde nicht mehr belügen. Es ist bestimmt sinnvoll, eine Petition an das Kulturministerium zu richten – also an die Leute, die mich eingeladen haben. Natürlich hilft da jede Unterschrift. Denn Abu Dhabi will sich ja gerade als internationale Metropole aufbauen. Auf einer Insel werden hier zur Zeit eine Louvre-, eine Guggenheim-, eine NYU- und eine Sorbonne-Dépendance gebaut. Man will weltoffen sein. Aber ich kam zur Internationalen Buchmesse nach Abu Dhabi, eben von dieser Weltoffenheit eingeladen, und darf nun nicht mehr gehen. Wie soll ich da noch irgendjemandem empfehlen, herzukommen?

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