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Schriftsteller-Geheimnis : B. Traven - wer ist dieser Mann?

  • -Aktualisiert am

Der „Mystery Man” 1923 Bild: Will Wyatt

Musterschüler, Maschinenschlosser, Mime: Neu aufgefundene Dokumente zeigen, wie sich der Gewerkschaftssekretär Otto Feige in den Schauspieler und Schriftsteller Ret Marut verwandeln konnte. Unter dem Pseudonym B. Traven erlangte er dann Weltruhm - und wurde endgültig zum Mystery Man.

          10 Min.

          Die Literaturgeschichte kennt zahlreiche Großdichter, neben deren Werk wenig oder gar nichts überliefert ist, wodurch ihre Existenz beglaubigt werden kann. Ehe man aber auf einen Fall stößt, der dem des Schriftstellers B. Traven gleichkäme, muss man weit zurückgreifen. Und dessen schattenhaftes Dasein erklärt sich nicht - wie etwa bei den Minnesängern des vierzehnten Jahrhunderts - durch zeitliche Distanz und damit einhergehenden Quellenverlust. Vielmehr hat sich hier ein Autor absichtsvoll dem Interesse seines Lesepublikums an lebensgeschichtlichen Informationen widersetzt und statt dessen die Namenlosigkeit kultiviert. 1926 ließ Traven durch seinen Hausverlag, die Büchergilde Gutenberg, erklären: „Mein Lebenslauf ist meine Privatangelegenheit, die ich für mich behalten möchte.“ Noch 1980 sprach die Londoner „Times“ vom „größten literarischen Geheimnis“ des Jahrhunderts.

          Neben einem ethnographischen Reisebericht und zwei Erzählbänden ließ Traven zwischen 1926 und 1960 von Mexiko aus zwölf sozialkritische Abenteuerromane und -erzählungen erscheinen, darunter „Das Totenschiff“, „Die Brücke im Dschungel“ und „Der Schatz der Sierra Madre“. Übersetzt in mehr als vierundzwanzig Sprachen, erreichten sie eine geschätzte Gesamtauflage von dreißig Millionen Exemplaren. Neugierige Besucher hielt „der Mann, den keiner kennt“, durch ein umfassendes Sicherheitssystem von Deckadressen und Postschließfächern auf Distanz; für geschäftliche Kontakte schlüpfte er in die Rolle seines angeblichen Bevollmächtigten Hal Croves. Unter diesem Namen hat er sich 1947 von John Huston als Berater für die Romanverfilmung des „Schatzes der Sierra Madre“ (mit Humphrey Bogart) engagieren lassen und 1959 die Premiere des „Totenschiff“-Films (mit Horst Buchholz) in Berlin besucht - eine obskure Mehrfaltigkeit, die jahrzehntelang Journalisten, Gelehrte und ein unübersehbares Publikum in aller Welt beschäftigte.

          Proletarischer Schriftsteller ersten Ranges

          Diese Aufmerksamkeit hat seither merklich nachgelassen; zwei Drittel seines Werks sind nur noch antiquarisch erhältlich. Was genau an Traven sich als unbrauchbar für das einundzwanzigste Jahrhundert erweist, ist nicht einfach auszumachen. Die von ihm 1928 aufgeworfenen Fragen („Wodurch werden die Mühen und Leiden der Menschheit am wirkungsvollsten verringert? Was muss getan werden, um die beschränkte Lebenszeit des einzelnen Menschen so reich und so nützlich zu gestalten, wie immer es die verfügbaren Mittel nur irgendwie zulassen?“) sind nach wie vor unbeantwortet. Auch seine Themen, im „Totenschiff“ das Schicksal staatenloser Billiglohnarbeiter, im „Caoba“-Zyklus die Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Eher schon liefern die von ihm angewandten Kunstmittel einen Grund.

          Otto Feige als Schüler
          Otto Feige als Schüler : Bild: Jan-Christoph Hauschild

          Sein gutgemeinter Anspruch, für Männer und Frauen zu schreiben, „die wissen wollen, wie es im Ernst draußen in der Welt aussieht“, scheint sich gegen ihn zu wenden, jene charakteristische Mischung aus ethnographischer Fiktion, realistischer Darstellung und didaktischem Impetus. Denn in der deutschsprachigen Literatur, die keine koloniale Tradition kennt, gilt das Exotische seit jeher als Urgrund des Trivialen. Genau dort, in den Dschungeln und an den Peripherien der industriellen Zivilisation in den mexikanischen Bundesstaaten Chiapas, Tamaulipas und Vera Cruz, spielen fast alle Traven-Romane. Sein einstiger Vorzug, aus einer fernen Fremde zu erzählen, hat sich in ein Handikap verkehrt. Und der Rückgriff auf Elemente der Unterhaltungsliteratur ist einer dauerhaften Etablierung im Kanon der deutschen Literatur auch nicht gerade förderlich gewesen. In Verbindung mit seiner scharfen Kritik am kapitalistischen System, dem modernen Verwaltungsstaat und den Staatsreligionen verschaffte es ihm weltweit Geltung als proletarischer Schriftsteller ersten Ranges; die gesellschaftliche Mitte musste er damit verfehlen. Nicht der antibürgerliche Reflex als solcher, wohl aber der Dozententon, mit dem er seiner materialistischen Weltsicht Ausdruck verleiht, steht dem entgegen.

          Vollständiger Bruch mit der Vergangenheit

          Zwei Jahre vor seinem Tod am 26. März 1969 hatte Traven noch das zweifelhafte Vergnügen, von dem „Stern“-Reporter Gerd Heidemann als illegitimer Hohenzollern-Prinz „identifiziert“ zu werden - absurder Höhepunkt der Jagd nach einem Phantom, in deren Verlauf immer neue „Enthüllungen“ immer aberwitzigere Herkunftshypothesen generierten, die hier nicht wiederholt werden sollen.

          Als substantieller erwies sich die in Literatenkreisen der Weimarer Republik geäußerte Vermutung, dass Traven mit dem nicht minder geheimnisvollen Herausgeber der individual-anarchistischen Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ und Funktionär der Münchner Räterepublik Ret Marut identisch sei, dessen Spur sich 1919 mit der Flucht aus Bayern verlor. Sie wurde von Travens Witwe unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes für zutreffend erklärt. Doch warum er sich erst hinter dem Pseudonym Ret Marut versteckte (durch Buchstabentausch lässt sich daraus die Aufforderung „Ratet rum“ bilden), der eigenen Angaben zufolge am 25. Februar 1882 in San Francisco geboren war, blieb unklar. Und es sah auch nicht danach aus, als ob man es je herausbekommen würde.

          Unter Literaturinteressierten machte daher vor dreißig Jahren die Nachricht Sensation, dass es dem englischen Fernsehjournalisten Will Wyatt gelungen sei, Travens Identität auf unumstößliche Weise zu klären. Dokumente im State Department in Washington sowie im Londoner Home Office hatten Wyatt auf die Spur des Vorgänger-Ichs von Ret Marut geführt. In einer Tausend-Seelen-Gemeinde südlich von Hannover konnte er Ende Mai 1978 sogar zwei jüngere Geschwister jenes geheimnisvollen Unbekannten interviewen, den er einem verblüfften Publikum als Otto Feige präsentierte, Sohn eines Töpfers und einer Fabrikarbeiterin, geboren ein Vierteljahr vor der Eheschließung seiner Eltern am 23. Februar 1882 und aufgewachsen bei den Großeltern im heute polnischen Städtchen Schwiebus. Otto, erinnerte sich seine Schwester Margarethe, war ein ausgezeichneter Schüler, die Stadt Schwiebus bot ihm ein Stipendium für den Besuch einer auswärtigen Oberschule an, doch der schwierigen häuslichen Verhältnisse wegen musste er eine Schlosserlehre absolvieren. Im Sommer 1900 übersiedelten die Eltern Feige mit fünf jüngeren Kindern ins niedersächsische Wallensen; Otto folgte ihnen nach Abschluss der Lehre. Von 1902 bis 1904 leistete er in Bückeburg seinen Militärdienst ab. Ins Elternhaus zurückgekehrt, kam es zum Streit über die radikalen politischen Ansichten des Sohnes, woraufhin dieser der Familie für immer lebewohl sagte.

          Viel mehr war es nicht, was Wyatt in Erfahrung bringen konnte. Doch es genügte, um Marut-Travens vollständigen Bruch mit seiner Vergangenheit plausibel zu machen. Das elterliche Ziel, schreibt Marut 1917 im „Ziegelbrenner“, sei bei einem Knaben seit dem ersten Schultag „nur darauf gerichtet, die Grundlagen einer auskömmlichen Nahrungs-Sicherheit (Existenz) festzulegen“. „Von Kindheit an“ würden dem Menschen so „alle Bestrebungen, seinen Fähigkeiten und seinen Neigungen entsprechend zu leben, mit aller Macht und mit aller Strenge unterdrückt“. Ein Echo eigener leidvoller Erfahrungen, wie es stärker kaum sein kann.

          Triste Realität einer kümmerlichen Kindheit

          Das nächste Lebenszeichen, das die Feiges von ihrem ältesten Sohn erhielten, war zugleich das letzte: Anfang 1924 wurde ein preußischer Gendarm bei ihnen vorstellig, um in Erfahrung zu bringen, ob sie die Eltern eines angeblichen Otto Feige aus Schwiebus seien, der wegen Missachtung der Meldepflicht in London im Gefängnis sitze. Weil das Verhältnis zerrüttet war, stritten sie jede Beziehung ab. Wieso die britischen Justizbehörden den Häftling dennoch auf freien Fuß setzten, ist ungeklärt. Fest steht, dass er, wieder unter seinem behaupteten Namen Ret Marut, als Kohlentrimmer auf dem norwegischen Schiff „Hegre“ anheuerte. Im Sommer 1924 traf er in Mexiko ein, und dort starb er 1969 als mexikanischer Staatsbürger mit einem Ausweis auf den Namen Traven Torsvan, geboren angeblich in den Vereinigten Staaten am 5. März 1890 als Sohn von Burton und Dorothy Torsvan. Die Mystifikation hatte bis in den Tod Bestand.

          Wyatts mustergültige Recherche mündete zunächst in eine BBC-Dokumentation; zwei Jahre später kam sie auch als Buch heraus. Zunächst sah es danach aus, als würde sie sich als Arbeitsbasis in der Forschung etablieren. 1987 erschien dann die voluminöse Traven-Biographie des Harvard-Germanisten Karl S. Guthke. Und es ist alles andere als ein Zufall, sondern Folge von Guthkes komfortabler Alleinstellung als Biograph, dass Wyatts Ermittlungen etwa in Killys „Literatur Lexikon“ (1991), der „Deutschen Biographischen Enzyklopädie“ (1999) oder „Metzlers Autoren Lexikon“ (3. Auflage 2004) keine Berücksichtigung finden: Verfasser ist stets Karl S. Guthke.

          Hauptgrund für die schroffe Ablehnung eines beispiellos solide erarbeiteten Forschungsergebnisses dürfte wohl sein, dass die Wyattsche Lösung das Faszinosum Traven nachhaltig zu zerstören droht, eine - wie allein das Beispiel des irrlichternden Sensationsreporters Heidemann zeigt - nahrhafte Projektionsfläche für kommerziell einträchtige Legenden aller Art. Konnte man Traven vor Wyatt je nach Gusto für einen Grandseigneur von kaiserlichem Geblüt, einen Mann mit abenteuerlicher, wenn nicht krimineller Vergangenheit oder auch für das Gegenteil, eine Art Kaspar Hauser, halten, für jemanden ohne eigenes Wissen um seine Herkunft, woraus sich jeweils reizvolle Schlussfolgerungen ergaben, so drohte an die Stelle der berauschenden Phantasmagorien nun die triste Realität einer kümmerlichen Kindheit und Jugend im früheren Ostzipfel Brandenburgs zu treten. Die Eltern Proletarier, sechs Geschwister, fünf Umzüge in achtzehn Jahren, und vor allem: kein Kindermädchen und keine Universitäten. Schließlich dieser Name: Otto Feige!

          Eine gleichbleibende Geometrie

          Den Einwand, es habe diesen Feige wirklich gegeben, sein Leben sei urkundlich und durch die Berichte seiner Geschwister dokumentiert, konterte Guthke mit der Erklärung, es habe sich zweifellos um einen engen Freund gehandelt, auf dessen Identität Traven, der „Meister des Bluffs und der Doppelbluffs“, in der Drangsal der Londoner Untersuchungshaft kurzerhand zurückgegriffen habe. Ja, unter Travenologen wurde gelegentlich sogar von einem Mord gemunkelt, mit dem Marut-Traven den Identitätsspender Feige kurzerhand aus der Welt geschafft haben könnte.

          Seit einigen Jahren können die Gegner der Wyattschen Lösung außerdem auf eine Audiokassette verweisen, mit der Travens Stieftochter Malú 1999 die Teilnehmer eines Traven-Kongresses überraschte. Auf dieser Aufnahme ist der alte Mann für etwas mehr als zwei Minuten auf Deutsch zu hören, und zwar „Westniederdeutsch beziehungsweise Nordniedersächsisch“, wie ein Gutachten des Marburger Sprachwissenschaftlers Hermann Künzel zur Dialektfärbung der Sprachprobe ergab. Deshalb sei wohl sicher, dass er nicht in Ostdeutschland aufgewachsen ist, sondern - wie von Guthke 1987 vermutet - seine „Sprachprägephase“ im Raum zwischen Hamburg und Lübeck verbracht hat. Wies nicht der Name „Traven“ nach Schleswig-Holstein, gab es nicht bei Segeberg den Ort Traventhal und bei Kiel das ehemalige Adelsgut Marutendorf?

          Freilich handelt es sich gar nicht um eine Sprach-, sondern um eine Gesangsprobe. Ganze fünf Worte spricht Traven in seiner Muttersprache - und die in reinstem Hochdeutsch. Die linguistische Analyse stützt sich allein auf zwei von Traven gesungene Studentenlieder. Solche Lieder aber werden in der Regel einem Vorbild nachgesungen - unter Umständen in der mundartlichen Färbung des Originals. Und dass Traven ein Ohr für Dialekte besaß, die er den Hamburgern, den Berlinern, den Österreichern, den Schlesiern und den Bayern ablauschte, lässt sich an zahlreichen Texten des Autors belegen. Von ungleich größerer Beweiskraft als das Tondokument sind deshalb Fotografien, die uns aus den verschiedenen Lebensphasen vorliegen. Man muss nicht Kriminologe sein, um in den Gesichtern von Otto Feige, Ret Marut und Traven Torsvan eine gleichbleibende Geometrie zu erkennen.

          Funktion eines Abwehrzaubers

          Verstockte Travenologen ficht das nicht an. Spielte Traven nicht Klavier und Geige, sprach er nicht Englisch und Französisch, besaß er nicht gute Manieren? Für Guthke war der Fall klar: „Er liebte eine gewisse Förmlichkeit im Familienleben, Förmlichkeit der Kleidung, der Tischsitten, der Umgangsformen, wie sie einem Proletarier denn doch nicht recht zu Gesicht stehen würde. Ein Proletarier aus Schwiebus würde sich kaum tagaus, tagein zu den Mahlzeiten umziehen, wie Traven es tat nach Berichten seiner Familie.“ So gesehen, müsste es der intellektuelle Habitus des Erwachsenen ausschließen, dass Karl Philipp Moritz eine Hutmacher-, Uwe Timm eine Kürschnerlehre absolviert, Christa Reinig als Blumenbinderin gearbeitet haben könnte.

          Allerdings vermochten Wyatts Nachforschungen bisher keine Antwort auf die Frage zu geben (die auch im Hintergrund der Debatte um Shakespeares Identität steht), wie sich der Abstand zwischen den lebensgeschichtlichen Fakten und dem literarischen Werk überbrücken lässt, mit anderen Worten: wie, wo und wann Feige Zeit und Gelegenheit fand, sich die umfangreichen Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, über die Marut-Traven verfügte. Eben weil bisher so wenig aus diesem Leben bekannt war, konnte Guthkes Stereotyp vom bildungsresistenten „deutsch-polnischen Schlosserlehrling Otto Feige aus Schwiebus bei Posen“ unter Travenologen die Funktion eines Abwehrzaubers annehmen. Doch weder war dieser ein „deutsch-polnischer Schlosserlehrling“ (denn Schwiebus gehörte bis 1945 zur preußischen Provinz Brandenburg), noch liegt Schwiebus oder das heutige Wiebodzin „bei Posen“: Die Entfernung zu Frankfurt an der Oder beträgt siebzig Kilometer, nach Pozna sind es hundertzehn. Nach diesem Maß läge Hamburg an der Ostsee.

          Vielleicht war alles ja ganz anders? Vielleicht herrschte in Otto Feiges Kindheit eine Atmosphäre des proletarischen Fleißes und des Bildungsdrangs, waren die Großeltern, bei denen er aufwuchs, Inseln der Beständigkeit im unruhigen Wechsel der Familie. Vielleicht gab es jemanden, der eine Patenfunktion übernahm und Otto den Aufstieg über Bildung ermöglichte. Nur vielleicht? Neu aufgefundene Dokumente schlagen eine Brücke von Otto Feige nicht nur zu seinem Nachfolger-Ich, dem Schauspieler und Publizisten Ret Marut, sondern auch zu dessen Alias, dem Autor B. Traven in Mexiko.

          Agitation mit Unterhaltung

          Zunächst einmal ist nachzutragen, dass Otto Feige in Schwiebus wohl die evangelische Mittelschule für Knaben besuchte, die sich von 1896 an „Höhere Knabenschule“ nennen durfte und einer unvollständigen Realschule entsprach. Hier wurden Französisch und (in der obersten Klasse) Englisch gelehrt; Latein war fakultativ. Die Lehre als Schlosser absolvierte Otto in der Maschinenfabrik von Carl Meyer, hier dürfte er gegen Ende der Lehrzeit Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbands geworden sein, der ihm im Sommer 1906 die Leitung der Geschäftsstelle Gelsenkirchen anvertraute. Nun erklärt sich, wieso Travens Romane gelegentlich Bezüge auf die Region zwischen Rhein, Ruhr und Emscher enthalten, was in einem Umfeld, das rein mexikanisch ist, befremdlich wirkt: So wird in den „Baumwollpflückern“ (1926) an „eine Kohlenzeche in Herne“ erinnert, in der „Weißen Rose“ (1929) auf das effiziente „Transportsystem des Ruhrgebietes“ verwiesen, im Roman „Der Marsch ins Reich der Caoba“ (1933) sind „Kohlenminen an der Ruhr“ erwähnt.

          Der junge Gewerkschaftssekretär Otto Feige ist in Gelsenkirchen vor allem mit Bildungs- und Kulturarbeit hervorgetreten, wobei er Agitation mit Unterhaltung verband - ein Markenzeichen auch des Autors B. Traven. Überwachungsberichte der politischen Polizei dokumentieren, dass er im März 1907 auf gutbesuchten Festveranstaltungen der Freien Gewerkschaften Vorträge über die Revolution von 1848 und über Ferdinand Lassalle hielt. Namens des Metallarbeiterverbands kümmerte er sich um den Aufbau einer Gewerkschaftsbibliothek, vor allem aber um die Organisation von Musik- und Literaturabenden (Ibsen, Fritz Reuter) und Theatervorstellungen. Wahrscheinlich war er treibende Kraft bei der Gründung des „Dramatischen Klubs ,Freie Bühne'“, der in Gelsenkirchen öffentliche Theatervorstellungen gab; zuletzt wurde die Tragödie „An der Grenze“ des Arbeiterschriftstellers Ernst Söhngen einstudiert. Die Premiere am 8. Dezember 1907 anlässlich des ersten Stiftungsfestes des Klubs erlebte Otto Feige allerdings nicht mehr.

          Nichts von einem ernsthaften Geheimnis

          Von dem Schauspieler und Regisseur Ret Marut wissen wir nun, dass er sich im Herbst 1907 gewerkschaftlich organisierte und Mitglied des nächstgelegenen Lokalausschusses der Deutschen Bühnengenossenschaft wurde - in Essen. Seine Karriere begann er am 8. November als Graf Trast (die Lokalpresse sprach von einer „tadellosen Wiedergabe“) in Hermann Sudermanns Naturalismus-Drama „Die Ehre“, im März 1908 folgte die Titelrolle in „Othello“. Seine Bühne war die Gastwirtschaft „Zur schönen Aussicht“ in Idar, vom geschäftstüchtigen Besitzer in ein Thalia-Theater umgewandelt; das Ensemble hatte sich dieser per Anzeige im Fachblatt „Theater-Courier“ vom 4. Oktober 1907 zusammengesucht. Und was machte Otto Feige? Fünf Tage später meldete er sich bei der Polizei in Gelsenkirchen ab, um „auf Reisen“ zu gehen. Seine bürgerliche Existenz erlosch an diesem Tag, die von Ret Marut begann. Ganz ohne Mord.

          „,Ja, meine Kleine', sagte Frau Lapoutier, ,die Männer haben oft ihre Absonderlichkeiten. Aber hinter ihren Geheimnissen, die sie uns häufig als überaus wichtig hinstellen, ist meist nichts von einem ernsthaften Geheimnis zu finden . . . Manchmal soll ihnen das sogenannte Geheimnis nur dazu dienen, sich mit einem Nimbus zu umkleiden'.“ Das schrieb Ret Marut 1914 in „Die Fackel des Fürsten“.

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