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Erasmus Schöfer wird 90 : Rote Fäden, graue Felsen

Erasmus Schöfer wird 90 Jahre alt. Bild: Friedrich, Brigitte

Erasmus Schöfers Romane sollen den Nexus von Protest, Illusionen und Tasten nach Anknüpfungspunkten an die Arbeiterbewegung entwirren. Jetzt wird der Schriftsteller neunzig Jahre alt.

          2 Min.

          Gewisse rote Fäden der Geschichte sind im Webmuster offizieller Historiographie fast unsichtbar. Man muss sie anders erzählen als staatstragend.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, vollendet 1981, ist der heroische Versuch, dies für die Zeit des deutschen Faschismus zu tun. Mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland wurde Vergleichbares zweimal gewagt: einmal von Günter Herburger mit seiner „Thuja“-Trilogie („Flug ins Herz“, 1977, „Die Augen der Kämpfer“, 1980 und 1983, schließlich „Thuja“, 1991), zum anderen von Erasmus Schöfer mit dem vierbändigen Werk „Die Kinder des Sisyfos“ („Ein Frühling irrer Hoffnung“, 2001, „Zwielicht“, 2004, „Sonnenflucht“, 2005, und abschließend „Winterdämmerung“, 2008).

          Die zwei Großkonstruktionen bestreiten einander manchmal im Tonfall, denn Herburger behandelt die geheime Übereinkunft zur Utopie und die Schönheit ihrer verborgenen Früchte, Schöfer dagegen den offenen Einspruch gegen das, was herrscht, als Leidensgeschichte. So verschieden der Ton, so sehr ergänzen sie einander, denn beider Feind ist das Sichabfinden mit dem Gegebenen. Herburger kennt bei aller Euphorie die Niedergeschlagenheit wie Schöfer bei aller Mühe den Genuss: „Sisyfos Lust – Lauter ewige Lieben“ heißt ein soeben erschienener Gedichtband des Letzteren, der von den „sanften Mulden/Im Schatten des Bergs“ weiß, „wo der Fels zur Ruhe findet“. „Ruhe“ meint hier freilich nicht Schweigen, sondern ein leises, hartnäckiges Lied „der lebensgroßen Hoffnung“.

          „Konterrevolutionäre Romanübungen“

          Als deren überlebensgroße Gegenmächte standen dem Autor nicht nur Kapital und Staat in der Sonne. Auch die Linke machte ihm zuweilen Scherereien: Man konnte im Land seiner wichtigsten Stoffe vor wie nach dem Ende von dessen Antipoden DDR einerseits linke Buchhandlungen finden, die Schöfers Bücher nicht führten, weil er als Parteikommunist autoritärer Neigungen verdächtig war, andererseits aber gab es verdiente Kommunisten, die ihm misstrauten und seine Werke „konterrevolutionäre Romanübungen“ nannten, weil er dem legendenumschäumten Datum „1968“ Geheimnisse zu entlocken suchte, die in der kommunistischen Betrachtungsweise, es handele sich bei den jenem Jahr zugeordneten Ereignissen um kleinbürgerlich-romantische Zuckungen, nicht erfasst werden. Aus diesem Grund ja hat Schöfer jene vier hocheigenständigen, motivisch vielfältig miteinander verflochtenen Romane aus roten Fäden komponiert, die den Nexus von Protest, Illusionen und Tasten nach Anknüpfungspunkten an die Arbeiterbewegung entwirren sollen, der seine Endsechziger-Erzählausgangslage bildet, als ein großes Aufbegehren kaum durchdacht und so gut wie gar nicht organisiert war.

          Wollte man vonseiten der Linken alles kaum Durchdachte oder schlecht Organisierte preisgeben, bliebe in der Tat schnell nur noch das gegnerische Geschichtsbild mit ein paar kommunistischen Kerben übrig. Die Allianz zwischen dem (nicht unbedingt weltweisen) Traum und der (absolut irdischen) Mühe als gleichgerichtete zu dichten, bleibt Erasmus Schöfers Arbeit – nicht gerade ein Spaß, aber eben doch oft eine ästhetische Lust. Heute wird er neunzig Jahre alt.

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