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Botho Strauß wird 75 : Die Phantome des Zeichners

Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß. Bild: Wolfgang Stahr/laif

Was wäre wohl geschehen, wenn er den Nobelpreis bekommen hätte? Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Botho Strauß, der im politischen Spektrum der Gegenwart keinen Platz hat und jetzt zwei neue Bücher herausbringt.

          6 Min.

          In den letzten Wochen ertappte man sich manchmal bei dem Gedanken, was wohl passiert wäre, wenn anstelle von Peter Handke der andere große deutschsprachige Schriftsteller seiner Generation in diesem Jahr den Nobelpreis bekommen hätte: Botho Strauß. Hätten die Kritiker, die Kulturfunktionäre, die anderen Schriftsteller auch ihm den Prozess gemacht, politisch wie moralisch? Hätte man auch ihm vorgeworfen, was er vor fünf, vor zehn, vor fünfundzwanzig Jahren geschrieben hat?

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ja, doch, genau das wäre wohl passiert. Und es hätte keinen Mangel an Belegen gegeben, die gegen den in Alfred Nobels Testament geforderten Menschheitsnutzen und die „idealische Richtung“ von Strauß’ Büchern und Schriften gesprochen hätten.

          Denken wir nur an den inzwischen legendären, vor sechsundzwanzig Jahren im „Spiegel“ erschienenen „Anschwellenden Bocksgesang“ und seine Tiraden gegen „die Verhöhnung des Eros, die Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und Autorität“, gegen die Intellektuellen, die „freundlich zum Fremden“ und „grimmig gegen das Unsere“ seien, gegen den „Demokratismus“ der Demokratie. Oder die zwischen Klage und Philippika schwankende „Glosse“ zum Flüchtlingsstrom – „die Flutung des Landes mit Fremden“ – des Jahres 2015, in der Strauß die „politisierte Schmerzlosigkeit“ anprangert, „mit der man die Selbstaufgabe befürwortet, zum Programm erhebt“.

          Und dann die Prosabände, die Erzählungen, von „Paare Passanten“ bis „Wohnen, Dämmern, Lügen“, von „Die Fehler des Kopisten“ bis „Oniritti“, mit ihren immer wiederkehrenden Nackenschlägen gegen die Mobilen und Beschleunigten, die Gegenwartsnarren, die Seinsvergessenen unserer Tage, gegen den Kritizismus, der alles Heilige und Große zum Talkshow-Thema macht, gegen Genderbeauftragte, Konsenswächter, Smartphone-Plapperer, die ganze miese Massenkonsumgesellschaft auf der Mattscheibe und auf den Straßen. Die Menschheit als Flachwasserschwarm: „Es verbuttet das Kind, das Tier, der Greis und das Liebespaar. Es verbutten die Onliner mit Übergewicht. Noch mehr mehlige Gesichter und Mehlspeisgelichter, flache Köpfe, Gründlinge kriechend.“

          Er verteilt seinen Menschenhass gleichmäßig

          Aber was hätten die Ankläger, ebenjene Kritikaster, denen Strauß alle Naselang seine Verachtung bezeugt, damit eigentlich bewiesen? Ziemlich wenig. Denn von politischer Parteinahme, gar von persönlicher Bekanntschaft mit Mordgesellen und Kriegstreibern wie bei Handke kann bei Strauß keine Rede sein. Nie hat er einem Höcke die Hand gereicht, nie sich von braunen Verlegern für deren Zwecke einspannen lassen.

          Strauß verteilt seinen Menschenhass gleichmäßig nach allen Seiten, und die Rechten mit ihrem Kantinenpatriotismus – „als gäbe es noch Deutsche und Deutsches außerhalb der oberflächlichsten sozialen Bestimmungen“ – bekommen dabei ihr gerüttelt Maß ab.

          Über den gerade wieder auflebenden Antisemitismus hat er schon Anfang der achtziger Jahre das Nötige gesagt: „Wenn man die plötzliche Hassbelebung bemerkt, die bei den sehr jungen nicht seltener ist als bei den älteren, erprobten Rassisten, könnte man den Eindruck gewinnen, als habe das deutsche Gemütsleben seit langer Zeit im Wesentlichen aus einer Lücke bestanden; nichts vom bunten Allerlei, das hineintraf, konnte diese erfüllen, nichts regte sich; erst wenn der Fremdenhass hineintrifft, spürt man sofort: Passt!“ Man liest „Paare, Passanten“ und reibt sich die Augen: Damals schon? Damals schon!

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