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Barbaros Altuğ im Gespräch : Die Verdummung des türkischen Volkes

Barbaros Altuğ im Foyer des Berliner Hotels „Michelberger“, wo seine Novelle teilweise spielt und wo er sie auch geschrieben hat Bild: Jens Gyarmaty

Barbaros Altuğ hat über die Erfahrung des Exils geschrieben, bevor er selbst die Türkei verließ. Ein Gespräch über die junge türkische Generation, die es nicht mehr aushält unter Erdogan.

          6 Min.

          Herr Altuğ , Ihre Novelle „Es geht uns hier gut“ handelt von drei jungen Türken, die nach den Gezi-Protesten nach Berlin kommen, um hier den Schmerz über die enttäuschte Hoffnung zu vergessen. Ihr Glaube, dass ein Leben in persönlicher Freiheit in der Türkei möglich ist, wurde durch die blutige Niederschlagung der Revolte zerstört. Damals kehrten tatsächlich viele Türken ihrem Land den Rücken. Mittlerweile hat sich die Situation dort noch verschärft. Gibt es überhaupt noch junge, liberal eingestellte Menschen, die in der Türkei bleiben wollen?

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die meisten versuchen tatsächlich, wegzukommen. Wem sich diese Chance bietet, der geht. Ein Freund hat mir gerade erzählt, dass sich mittlerweile neunzig Prozent der Absolventen der privaten Gymnasien in der Türkei – sie sind die besten Schulen im Land – für ein Studium im Ausland bewerben. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Aufschlussreich sind auch die vollbesetzten Sprachkurse ausländischer Kulturinstitutionen wie des Goethe-Instituts oder des Institut français. Das Erlernen einer Fremdsprache ist oft der erste Schritt, wenn man die Koffer packen will. Doch nicht jeder, der diesen Wunsch hegt, hat auch die Mittel dafür. Schon für junge Menschen aus der Mittelschicht ist der Weg ins Ausland finanziell kaum zu bewältigen. Für die kurdische Jugend ist er nahezu unmöglich.

          Auch Intellektuelle, die längst eine berufliche Karriere vorzuweisen haben, verlassen das Land – vorausgesetzt, ihnen wurde nicht der Pass entzogen. Sie selbst leben gerade in Paris.

          Die Liste ist lang: Regisseure, Journalisten, Designer, Wissenschaftler. Der Türkei bricht wirklich die intellektuelle und kreative Basis weg. Wenn meine Freunde und ich uns früher zu Abendessen getroffen haben, waren immer etwa zwanzig Leute da. Wenn ich jetzt nach Istanbul komme, sitzen wir nur noch zu dritt am Tisch. Ein befreundetes Paar lebt mittlerweile in Griechenland, ein Freund in Amerika, einer in London, einer ist gerade nach Kroatien gezogen und ein anderer ebenfalls nach Paris.

          Auch nach dem Militärputsch von 1980 haben viele türkische Intellektuelle das Land verlassen. Ist die Situation vergleichbar?

          Die Menschen gehen nicht, weil im vergangenen Sommer das Militär versucht hat, die Macht an sich zu reißen. Sie gehen, weil wir seit geraumer Zeit einen zivilen Coup d’État erleben. Wir leben seit 15 Jahren unter einer AKP-Regierung. Sie hat das Land extrem verändert und tut alles, um die Pluralisierung der Gesellschaft wieder zurückzudrehen. Durch das Referendum wurde der Weg für eine Verfassungsänderung geebnet, die es nahezu unmöglich macht, diese Regierung abzuwählen. Den jungen Leuten, die jetzt das Land verlassen, ist die Hoffnung abhandengekommen. Bei den Exilanten von 1980 war das anders. Die Türkei hatte damals schon einige Militärputsche erlebt und die Menschen hatten die Erfahrung gemacht, dass sich nach einigen Jahren alles wieder normalisiert. Die Exilanten wussten, dass der Moment der Rückkehr kommen wird. Diesmal zieht man fort, um sich woanders ein ganz neues Leben aufzubauen.

          Wie leicht fällt das Ihnen und Ihren Freunden?

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