https://www.faz.net/-gr0-a1w96

Jussi Adler-Olsen wird siebzig : Schreiben mit Gewinn

Jussi Adler-Olsen auf der Frankfurter Buchmesse 2018 Bild: SvenSimon

Auf Umwegen fand er zum Schreiben, inzwischen hat Jussi Adler-Olsen allein in Deutschland fast zehn Millionen Bücher verkauft. An diesem Sonntag wird der hochintelligente Menschenfänger siebzig Jahre alt.

          2 Min.

          Sein Weihnachtswunschzettel umfasst 1957 einundfünfzig Positionen, eine hat er durchgestrichen. Auf den ersten Listenplätzen stehen „Gewehr“, „Revolver“, „Werkzeugkasten“, dann folgen unter anderem „ganz viel Kabel“, „kleine Trompete“, „Zigarrenanzünder“, „ein Kreuz von Jesus“, eine „richtige Schreibmaschine“ und ein „Sputnik“. Der dänische Knabe, der diese so selbstbewusste wie unbescheidene Liste vorlegt, ist sieben Jahre jung und eines von vier Kindern des landesweit bekannten Psychiaters Henry Olsen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Jussi Adler-Olsen sei immer schon ein guter Geschichtenerzähler gewesen, aber dass er eines Tages ein erfolgreicher Schriftsteller werden würde, darauf habe nichts hingedeutet, schreibt Jonas Langvad Nilsson in seiner unterhaltsamen Biographie „Die vielen Leben des Jussi Adler-Olsen“ (2018). Dem Wunsch, dem Vater nachzufolgen, entspricht er zunächst mit einem Medizinstudium, einen Abschluss macht er aber in Filmwissenschaft. Zu der Zeit, Ende der Siebziger, ist er längst erfolgreicher Comic-Antiquar und träumt von einer Laufbahn als internationaler Thriller-Autor. Zunächst aber engagiert er sich in der Friedensbewegung, arbeitet für einen Verlag, schreibt Sachbücher, komponiert Filmmusik und beginnt Bruchbuden zu sanieren, die er mit Gewinn verkauft.

          Als Thriller-Autor debütiert er 1997 mit „Das Alphabethaus“ (dt. 2012). Der Erfolg dieses und zweier Nachfolgebände blieb überschaubar. Da Adler-Olsen als Geschäftsmann in Vermarktungschancen denkt – darin dem amerikanischen Schreibfabrikanten James Patterson verwandt –, hat er genaue Vorstellungen, wie viel er als Autor verdienen will. Er gibt sich noch eine letzte Chance, schreibt den in Dänemark spielenden Thriller „Erbarmen“ (dt. 2009), der von einer entführten Frau handelt, die in einer Druckkammer langsam zu Tode gefoltert werden soll – und schafft den Durchbruch.

          Kenntnisreicher Umgang mit menschlichen Abgründen

          Deutsche Leserinnen und Leser haben mit ihrer unstillbaren Sehnsucht nach skandinavischen Krimis daran maßgeblichen Anteil, denn sie verlieben sich sofort in Carl Mørck, den Ermittler des neu eingerichteten Sonderdezernats Q, das im Keller des Präsidiums kalte, komplizierte Fälle lösen soll. Privat läuft es für den angeschlagenen Mittvierziger nicht rund, und beruflich hat er es mit einem Typen zu tun, der eigentlich als Putzhilfe und Mädchen für alles eingestellt ist: Der Syrer Hafez el-Assad entpuppt sich allerdings als mindestens ebenbürtiger Profi, und er scheint über Erfahrung in Geheimdienstarbeit zu verfügen.

          Das Vorbild für Mørck ist ein Patient der psychiatrischen Klinik in Brønderslev, die Henry Olsen leitete. „Einen netten, kleinen Mörder“ nannte er Mørck, der der Familie in Haus und Garten zur Hand ging. Von Kindesbeinen an mit psychisch Kranken vertraut, geht Adler-Olsen mit menschlichen Abgründen kenntnisreich um. Stilistisch bleibt er unterkomplex und überlang, eine im Genre bewährte Methode, um ein Millionenpublikum zu halten.

          Adler-Olsen ist ein hochintelligenter Menschenfänger, den man bei Auftritten wie einen Popstar feiert. Sein im Gespräch mit dieser Zeitung geäußerter Plan, im Falle eines ökonomischen Scheiterns mit seiner Frau auf die Insel Langeland – Synonym für einfaches bäuerliches Leben – zu ziehen, ist gegenstandslos geworden. Adler-Olsen investiert, wenn er nicht schreibt, in Photovoltaik, entwickelt Nullenergiehäuser und handelt mit Immobilien. Der Deutsche Taschenbuchverlag nähert sich der Marke von zehn Millionen verkauften Exemplaren, weltweit wurden die Romane in vierzig Sprachen übersetzt. Acht Bände der Carl-Mørck-Serie sind bislang erschienen, den neunten schreibt Jussi Adler-Olsen gerade. Am Sonntag wird Deutschlands beliebtester Däne siebzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Wen laust der Affe?

          „Do not feed the Monkeys“ : Wen laust der Affe?

          Im Videospiel „Do not feed the Monkeys“ überwacht der Spieler Orte, Personen und Wesen und muss sich einen Reim auf die jeweiligen Aktivitäten machen. Das ist nicht immer einfach, wird aber zusehends besser.

          Topmeldungen

           Eine Mitarbeiterin des Instituts für Infektiologie Emilio Ribas zeigt den Impfstoff gegen SARS-CoV-2 des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac.

          „Versehen“ des RKI : Das Wumms-Papier aus der Berliner Corona-Zentrale

          Impfung im Herbst – das Schicksal meint es wirklich gut mit den Deutschen, so musste man das neue Positionspapier des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Strategie deuten. Bis der Traum ganz schnell zerplatzte.

          Wieder Proteste : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.