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Alejchems Eisenbahngeschichten : Als der Handlungsreisende noch einmal lächelte

  • -Aktualisiert am

Ein endlos rasender Zug als Bühne für die aus allen Verankerungen gelöste Gesellschaft: Der Express von Moskau nach St. Petersburg Mitte des 19. Jahrhunderts. Bild: INTERFOTO

In der absoluten Ruhe einer Liegekur dachte sich Scholem Alejchem zurück in das Gedränge eines russischen Waggons dritter Klasse: Seine meisterlichen „Eisenbahngeschichten“ sind witzige Trauerarbeit an brutaler Moderne.

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          Es gehört zu den vielen Ironien der Geschichte der jiddischen Literatur, dass das Herzstück eines emotional intensiven Meisterwerks über die Juden Russlands in St. Blasien im Schwarzwald geschrieben wurde. Scholem Alejchem, eigentlich Scholem Rabinowitsch, heute vor allem bekannt als Schöpfer des Milchmanns Tewje aus Anatewka, der seine Töchter verheiraten will, brach am 13. August 1908 nach einer Lesung in Baranowitsch zusammen. Endlos lang hatte er lesen müssen. Immer neue Zugaben wurden gefordert. Denn wann, fragte man sich vorher, würden die Juden von Baranowitsch ihn wiedersehen, ihren großen Erzähler, ihren Tschechow, ihren Mark Twain? Er verwandelte ihren Alltag in Geschichten, über die man zugleich lachen und weinen musste, und in eine Sprache von solcher Energie und Subtilität zugleich, dass sie sich erhoben fühlten in die Welt literarischer Kunst. Sie ließen ihn nicht gehen.

          In der Nacht erlitt Sholem Alejchem einen massiven Blutsturz. Ärzte aus Wilna und Minsk eilten herbei und diagnostizierten eine offene Lungentuberkulose. Sieben Wochen blieb Alejchem in Baranowitsch, arm und todkrank. Es war das Ende einer großen Lesereise durch Osteuropa, Tausende von Kilometern im Zug, meist nachts. Er hatte sie unternehmen müssen, weil er in Amerika finanziell gescheitert war und jetzt auf Pump lebte. In Baranowitsch kreuzten sich die Linien Lemberg–St. Petersburg und Warschau–Moskau, darum war er da. Die Baranowitscher Juden päppelten ihn auf; dann schickten ihn die Ärzte nach Nervi bei Genua.

          Doch die Glut des Sommers 1909 tat ihm nicht gut, und da der Schwarzwald unter russischen Intellektuellen gut beleumundet war, kam er in die Villa Briand im verregneten St. Blasien. Er hasste die Monotonie: „Die Kunst des Heilens besteht bei den Deutschen darin, dass die Kranken von morgens bis abends im Freien herumliegen.“ Von Freunden forderte er jiddische Zeitungen an und von Lesern Briefe über ihr Leben. Aber es müsse alles wahr sein. Er wollte nur Tatsachen.

          Unter die „Halbtoten“ verbannt, begann er, auf einem selbstentworfenen Gestell eine Reihe von Monologen zu schreiben. Sie bildeten de den Grundstock der „Eisenbahngeschichten: Schriften eines Handlungsreisenden“. In der absoluten Ruhe der Liegekur dachte sich Scholem Alejchem zurück in das Gedränge und den Lärm eines russischen Waggons dritter Klasse. Dort notiert sein Stellvertreter aus Langeweile, was er hört, wie „Pani Scholem Alejchem“ es in „Tewje, der Milchmann“ selbst getan hatte.

          Doch die Begegnung „mit seiner Majestät, dem Engel des Todes“, und das Wissen, akut zu den Todgeweihten zu gehören, hatte verändert, wie Scholem Alejchem ,zuhörte‘, das heißt, wie und was er erzählte. Es fehlt jetzt völlig das Gefühl der Stasis, der Unveränderbarkeit der Schtetl-Welt. Ein endlos rasender Zug gibt die Bühne ab für eine Darstellung einer aus allen Verankerungen gelösten jüdischen Gesellschaft, die ihre profunde ökonomische, soziale und moralische Gefährdung als haltlosen Sturz in den Abgrund erlebt. Die Idylle von Kasrilewke war zu Ende, oder, wie der israelische Literaturwissenschaftler Dan Miron formulierte: „Der Waggon als Schauplatz signalisiert das Ende der Intimität der Schtetl-Literatur.“ Jede Form der Beschütztheit durch alte Formen der Frömmigkeit fällt weg.

          Scholem Alejchem (1859 bis 1916).

          Als Gegenkraft zur neuen Zentrifugalität der brutalen Moderne führt Scholem Alejchem eine konzentriertere Form des Erzählens ein, die im Gegensatz zu den hyperaktiv slapstick-nahen früheren Monologen direkt ins emotionale Zentrum des Sprechenden führt. Die Fähigkeit, intensive Gefühle sympathisch nachzuvollziehen, hält diese jüdische Gesellschaft gerade noch an seidenen Fäden zusammen. Sympathie ist die Basis des Zuhörens. Und noch ist der allen gemeinsame innerster Kern (wie bei Tewje) die Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Doch gerade sie wird in diesem Buch hier mit einer Intensität erschüttert, dass man in der Weltliteratur lange ihresgleichen suchen muss.

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