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Schillers profane Reliquien : Wundersame Holzsplittervermehrung

  • -Aktualisiert am

Nein, kein einfacher Holzsplitter: Fragmente von Schillers Bett Bild: Literaturarchiv Marbach

Kein anderer Dichter wurde im neunzehnten Jahrhundert von den Deutschen derart vergöttert. Ein skurriles Resultat des Kults um Friedrich Schiller liegt im Marbacher Archiv.

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          Der Nachlass Schillers wurde, wie die meisten Nachlässe, nicht geschlossen überliefert, er wurde zersplittert, und das gleich in doppelter Hinsicht. Gab Schillers Tochter die von ihr verwahrten Hinterlassenschaften des Dichters in das Archiv nach Weimar, dem letzten Wohn- und Sterbeort Schillers, so sammelte man in Marbach, seinem Geburtsort, nach und nach einen erklecklichen Bestand an Briefen, Manuskripten und Lebenszeugnissen, mit anderen Worten Nachlasssplitter, so dass man heute zwei große Schiller-Bestände an zwei verschiedenen Orten hat.

          Aber Zersplitterung gab es auch auf anderer Ebene. Caroline von Wolzogen, die Schwägerin und Nachlassverwalterin Schillers, zerschnitt etliche der nur spärlich erhaltenen Manuskripte des Meisters, um die Autographen-Schnipsel freigiebig an Schiller-Verehrer zu verteilen. Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen, und so wurde der Volksdichter Schiller im neunzehnten Jahrhundert tatsächlich unters Volk gebracht. Geschäftstüchtige Antiquare machten sich diese Situation zunutze und verkauften die Schnipsel zu Preisen weiter, die allenfalls für das gesamte Manuskript gerechtfertigt gewesen wären – manchmal ist die Summe der Teile eben doch mehr als das Ganze. So gleichen einige der fragmentarisch überlieferten Manuskripte Schillers einem Puzzle, dessen Bestandteile da und dort liegen, vorzugsweise aber in Marbach und in Weimar. Der Geschichte dieser deutschen Teilung ist nun ein weiteres kurioses Kapitel hinzuzufügen.

          Es mag ihm der Schweiß von der Stirne heiß geronnen sein, dem wackeren Arbeitsmann, der 1886 an Schillers Bett in seinem Wohnhaus in Weimar – inzwischen längst Museum – eine Plakette anzubringen hatte, und es beschleicht einen der Verdacht, dass vielleicht der Zimmermann durch die Axt im Hause ersetzt worden war und dabei rohe Kräfte sinnlos walteten, denn bei dem Arbeitsvorgang lösten sich einige Holzsplitter von Schillers Bett; wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Aber Splitter von Schillers Bett sind beileibe kein profaner Abfall, es fand sich umgehend ein Interessent dafür, und damit alles seine Ordnung habe, erhielt dieser auch eine offizielle Bescheinigung:

          Frau Bertha Lobe, Castellanin im Schillerhaus Weimar, den 23 Juni 1886

          Beim Auflegen einer Meßingplatte an Schillers Bettstelle sind die Splitter Holz abgefallen welche ich Herrn Hartmann gegeben habe. Dießes bescheinigt (daß dieselben nicht unrechter Weiße abgeschnitten sind) d.O.

          Diese handschriftlich beschriebene Visitenkarte hat sich nebst den Holzsplittern selbst wie zur weiteren Beglaubigung in einem mit dem Namenszug „Ed. Lobe’s Wwe. Castellanin Schillerhaus Weimar“ bedruckten Umschlag erhalten. Es ist zu hoffen, dass Frau Bertha Lobe (1831 bis 1890), die Witwe des Malers, Kunsthändlers und ersten Aufsehers im Weimarer Schillerhaus Eduard Lobe (1799 bis 1873), die auch Ansichtskarten und Schiller-Reiseandenken verkaufte, solche Briefumschläge mit entsprechenden Holzsplittern nicht mehrfach an den Mann gebracht hat – die Geschichte des Reliquienwesens kennt ja durchaus solche wundersame Holzsplittervermehrung. Dass aber derartige Schiller-Splitter bisher noch nie aufgetaucht sind, spricht für die Authentizität der vorliegenden, die über 130 Jahre pietätvoll im Familienbesitz verwahrt wurden. Zwischendurch, im Jahr 1929, vergewisserte sich ein Nachkomme Herrn Hartmanns vor Ort ihrer wahrscheinlichen Echtheit, wie eine gleichfalls beiliegende Notiz auf einer Ansichtskarte von Schillers Wohnhaus belegt – da war vielleicht mit der Zeit dann doch ein leichter Glaubenszweifel aufgekommen.

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