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Übertreibung oder Realsatire? : Eine Frau wird gesteinigt und wehrt sich

Mischung aus Zumutung und Humor: Die französische Schriftstellerin Saphia Azzedine. Bild: F. Mantovani/Éditions Stock

Tausendundeine Unbeugsamkeit: Eine Begegnung mit der marokkanisch-französischen Schriftstellerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Saphia Azzeddines, deren Roman „Bilqiss“ gerade erschienen ist.

          Ob die Schriftsteller in Paris immer noch im „Café de Flore“ am Boulevard Saint-Germain sitzen? Natürlich. Wenn man zum Beispiel den Philosophen Bernard-Henri Lévy suche, könne man ihn genau dort finden, und viele andere auch, die Networker unter den Schriftstellern, sagt Saphia Azzeddine. Die seien weiter im „Flore“.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie selbst aber nicht. Sie habe kein Talent zum Networken und wolle das auch nicht. Sie versuche, für sich zu bleiben, was in der Enge des Pariser Literaturbetriebs, wo jeder jeden kenne, schwierig genug sei. Schlimmer sei es allerdings im Filmgeschäft, einfach weil es um viel mehr Geld gehe als bei Büchern und man den Leuten manchmal dabei zugucken könne, wie sie sich verkauften.

          Wir sind in Berlin im Auto, auf dem Weg von Neukölln nach Charlottenburg, wo Azzeddine an diesem Abend im Hotel übernachtet. Während der Fahrt macht sie Handyfotos von der Weihnachtsbeleuchtung am Kurfürstendamm für ihren kleinen Sohn. Sie könne morgen früh gar nicht raus aus dem Hotel, ein Teil des Manuskripts ihres neuen Romans müsse bis mittags bei ihrem französischen Verlag sein, den Éditions Stock, und dann gehe es gleich weiter zur Lesung nach Hamburg. Sie arbeite, sagt sie, gerade an lauter Dingen gleichzeitig, am neuen Roman und, in den letzten Zügen, an einem Drehbuch, die Dreharbeiten würden im nächsten Jahr in Paris beginnen, sie selbst führe Regie. Ein Talent zum Multitasking scheint sie zu haben, denkt man, und ist sich nicht ganz sicher, ob das alles wirklich so ohne Networking geht – ob nun im „Café de Flore“, jenseits des „Flore“ oder um das „Flore“ herum.

          Sie mussten die Brüste hüpfen sehen

          Saphia Azzeddine wurde 1979 in Marokko geboren, in Agadir, zog, als sie neun Jahre alt war, mit ihrer Familie nach Frankreich, studierte Soziologie, verbrachte, um Englisch zu lernen, ein Jahr in Houston, arbeitete als Diamantschleiferin in Genf und etablierte sich dann als Drehbuchautorin, Schriftstellerin und Regisseurin. Eine Weile lang war sie mit dem Komiker und Schauspieler Jamel Debbouze zusammen, das machte sie in Paris berühmt. Aber inzwischen ist das Jahre her. Sie verfilmte mit François Cluzet, dem Hauptdarsteller aus „Ziemlich beste Freunde“, ihren zweiten Roman, „Mein Vater ist Putzfrau“, der in der Pariser Banlieue spielt. Und sie schrieb weiter, erschrieb sich mit der für sie typischen Mischung aus bitterem Ernst und Satire, aus Zumutung und Humor eine völlig eigene Stimme, die ganz ohne Pathos und Umschweife daherkommt.

          In Saphia Azzedines Roman steigt Bilqiss aufs Minarett, singt anstelle des Muezzins - und soll deswegen gesteinigt werden.

          „Bilqiss“, heißt ihr gerade auf Deutsch erschienenes Buch, benannt nach der Hauptfigur, einer jungen Witwe, die in einem Land, das nicht näher präzisiert wird, das Afghanistan sein könnte oder der Irak, Syrien oder Pakistan, gesteinigt werden soll, weil sie anstelle des Muezzin, der an jenem Morgen zu betrunken war, aufs Minarett gestiegen ist, um zum Morgengebet zu rufen. Dass sie Make-up besitzt, einen Lyrikband und ein unbeugsames Selbstbewusstsein, macht es nicht besser. Bilqiss will sich den Mund aber nicht verbieten lassen. Sie will auch keinen Anwalt, sondern besteht darauf, sich beim Prozess selbst zu verteidigen, was vor allem den Richter überfordert – tags im Gerichtssaal und nachts in ihrer Gefängniszelle, wo er sie bald regelmäßig besucht.

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