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Samuel Becketts letzte Briefe : Das ist schlimmer als Auge in Auge

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Risse man ihm das Herz heraus, käme „gräßliches schwarzes Zeug“ ans Licht, befürchtete Samuel Beckett. Hier sieht man ihn in Tanger im August 1978. Bild: François-Marie Banier/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Vorsätze Doppelpunkt Null Stop – Hoffnungen Doppelpunkt Null Stop“: In Samuel Becketts späten Briefen klingt der Abschied durch jede Zeile.

          Becketts letzter Brief geht an einen Fernsehmann, der „Murphy“ verfilmen will. „Lieber Michael Kuball“, schreibt er am 19. November 1989 auf eine Briefkarte, „Ich bin krank & kann nicht helfen. Leider. Also: machen Sie ohne mich weiter.“ Am 6. Dezember wird der Dreiundachtzigjährige ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem ihn seine Schwester bewusstlos im Zimmer des schlichten Pariser Pflegeheims gefunden hatte. Am 11. Dezember fällt Beckett ins Koma, zwei Tage vor Heiligabend stirbt er. Die Briefe, die er in den Monaten vor seinem Tod schreibt, sind genauso wie die, die er in den Jahren zuvor geschrieben hatte: Der Abschied dringt klaglos durch jede Zeile.

          Selbst in den schlichtesten Ausführungen zu Reiseverläufen oder Wetterlagen, Rechtefragen oder Inszenierungsfehlern schleicht sich ein kurzes, schneidendes Wort vom Ende ein. Schon im Dezember 1968 heißt es lapidar: „Einziger Ehrgeiz: passendes Loch finden und nicht mehr aufstehen“, seinem deutschen Verleger Siegfried Unseld stellt Beckett sich im März 1969 „als endender, wenn nicht geendet habender Schriftsteller“ vor, und an seine langjährige Geliebte Barbara Bray schreibt er aus Tanger im Sommer 1975: „Kann kaum glauben, dass ich jemals zwei Wörter zusammengebracht habe.“ In Erwiderung auf eine Geburtstagskarte heißt es dann 1983 nur noch knapp: „Der Esel stirbt weiter.“

          Becketts letzte Briefe. Zusammengefasst in einem knapp tausendseitigen „letzten Band“, der ein großangelegtes, mehr als dreißig Jahre dauerndes Editionsprojekt abschließt: Korrespondenz aus 24 Jahren, von 1966 bis zu seinem Tod, wobei nur Becketts Schreiben abgedruckt sind und nicht die der Gegenseite. Ausgewählt wurden sie von einem Herausgebergremium, das sich Becketts schwierigem Wunsch verpflichtet hat, es sollten nur Briefe veröffentlicht werden, die „für mein Werk von Belang sind“. Natürlich ließe eine solche Willenserklärung „Raum für Interpretationen“, gestehen die Herausgeber einleitend zu, beteuern aber auch, dass nach bestem Wissen kein Brief ausgeschlossen wurde, „der neues Licht auf Becketts Werk oder Leben geworfen hätte“. Insgesamt sind trotzdem nur zwölf Prozent der verfügbaren Briefe aus dem angegebenen Zeitraum berücksichtigt worden – die ungeheure Zahl, die insbesondere nach der Nobelpreis-Verleihung im Oktober 1969 noch einmal sprunghaft ansteigt, überfordert wohl jeden Herausgeber und Verlag.

          Beckett korrespondierte mit unermüdlicher Ausdauer. Kein Freund des Telefons und auch dem persönlichen Gespräch gegenüber misstrauisch – „am Telefon bin ich nicht zu gebrauchen, das ist noch schlimmer als Auge in Auge“, schrieb er 1966 an seine langjährige Freundin Jocelyn Herbert –, verschickte er trotz nachlassender Kräfte Antwortschreiben in alle Welt. Vorzugsweise benutzte er dafür Brief- oder Korrespondenzkarten mit aufgedrucktem Absender, aber auch Kunstpost- und Ansichtskarten, um dem eigenen Schreiben von vornherein Grenzen zu setzen.

          „Halten Sie sich von meiner Arbeit fern“

          Vieles, eigentlich das meiste in diesem Briefband ist technischer Natur. Es geht um Erklärungen von Passagen in seinem Prosawerk und um nachdrückliche Vorgaben zur Inszenierung seiner Stücke. Verfilmungen werden abgelehnt, Bitten um mögliche Geschlechterwechsel bei der Besetzung ausgeschlagen und wiederholt nachdrücklicher Widerwillen gegen eine Biographie geäußert. Ärztliche Ratschläge werden weitergegeben („Verbot, die zwei Brillen gleichzeitig zu tragen. Weniger trinken. Weniger rauchen“), Warnungen an Verehrer ausgesprochen: „Halten Sie sich von meiner Arbeit fern“ rät Beckett 1970 einem schwärmerisch-suizidgefährdeten Medizinstudenten.

          Was der irische Dramatiker nicht mag, sind Fragen nach seinen literarischen Einflüssen: „Es gibt keine Anspielung auf Platons Phaedo in Molloy, von der ich wüsste“, schreibt er, oder: „Nein, ich habe nichts von Wittgenstein.“ Gegenüber engen Freunden wie dem Maler Avigdor Arikha, der Theaterwissenschaftlerin Ruby Cohn oder dem Verleger Jérôme Lindon zeigt er sich jedoch einfühlsam, mitunter fast herzlich. Weit über hundertmal enden seine Briefe in jenen Jahren mit der Ermutigungsformel „Bon courage“. Er selbst hingegen beschreibt lapidar seine Verzweiflung: „Worum geht es letzten Endes, für uns alle, vom ersten Schrei an, als darum, es hinter sich zu bringen?“, heißt es in einem Brief an seine Tante Peggy 1976. Und an Barbara Bray, an die mit Abstand die meisten seiner späten Briefe gehen, schickt er im Mai 1986 sechs Zeitungsartikel über sein Werk und fügt in Anspielung auf die Schlusssätze im „Letzten Band“ hinzu: „Ich will sie nicht zurück. Nicht bei all der Asche in mir jetzt.“

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