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Autorin Samanta Schweblin : Sprache kann gefährlich sein

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Samanta Schweblin, Tochter eines Programmierers und Enkelin eines Kupferstechers, wuchs in einem Vorort von Buenos Aires auf. Bild: Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag

Manche halten ihren Roman „Hundert Augen“ für eine Dystopie oder für Science-Fiction. Dabei schreibt nur niemand in ihrer Generation so gegenwärtig: Eine Begegnung mit der argentinischen Schriftstellerin Samanta Schweblin.

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          Kentukis sind keine Puppen und kein Spielzeug. Sie sehen aus wie Maulwürfe oder Kaninchen, wie Krähen, Pandas, Drachen oder Eulen. Sie wirken wie Plüschtiere, wenn sie still auf ihrer Ladestation stehen. Kentukis riechen „nach Technik, Plastik und Baumwolle“, wie es in „Hundert Augen“ heißt, dem neuen Roman der argentinischen Schriftstellerin Samanta Schweblin; unter ihren Körpern befinden sich kleine Räder aus Hartgummi. Der Drache zum Beispiel ist wasserdicht und kann Feuer speien, die Krähe in die dunkelsten Ecken spähen. Ein Kentuki ist kein Haushaltsroboter und kein Sextoy, obwohl er Brüste berühren kann oder Geschlechtsteile. Die Krähe gibt es auch in phosphoreszierendem Grün mit einer Zorro-Maske über den Augen. Hinter den großen vertrauensvoll blickenden Augen verbirgt sich eine Videokamera, die irgendwo auf der Welt mit einem anonymen User verbunden ist. Kentukis sind so etwas wie beste Freunde ihrer Besitzer: Wenn sie sprechen könnten, würde man mit ihnen die intimsten Gespräche führen.

          „Manche Leser halten meinen Roman für eine Dystopie oder für Science-Fiction, aber für mich ist er nichts davon“, sagt Samanta Schweblin. Sie öffnet die Tür ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg und erschrickt, weil sie den Interviewtermin vergessen hat. Sie beendet das Telefonat mit der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa, mit der sie am Drehbuch für einen Kinofilm arbeitet, und geht in die Küche, um Kaffee zu kochen. Dann sitzt sie auf dem Sofa und erzählt von der Arbeit an „Hundert Augen“: „In meinem Roman existiert nichts, das nicht längst Teil unserer Gegenwart wäre. Die Kentukis sind lediglich Sinnbild einer Technologie, die jeder von uns täglich nutzt.“

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