https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/salman-rushdie-pen-berlin-laesst-zur-solidaritaet-aus-werken-lesen-18261154.html

Solidarität mit Salman Rushdie : Vom Blutzoll einer Fatwa

Deniz Yücel auf der Bühne des Berliner Ensembles bei seiner Schlusslesung. Vor ihm ein Exemplar der „Satanischen Verse“. Bild: Andreas Platthaus

Gelungene erste öffentliche Veranstaltung: PEN Berlin lässt im Berliner Ensemble zwölf seiner Gründungsmitglieder zur Feier von Salman Rushdie und der Meinungsfreiheit lesen.

          2 Min.

          Gut, mit dem Singen hapert es etwas, wie man hören konnte, als Thea Dorn die Anfangsseiten der „Satanischen Verse“ vortrug, auf denen mehrfach gesungen wird. Aber das ist ja keine Hauptaufgabe der Mitglieder des neuen PEN Berlin. Der hat sich gegründet, um im Einsatz für Autoren und Meinungsfreiheit alles besser zu machen als das etablierte PEN-Zentrum Deutschland. Und im ersten direkten Vergleich hat PEN Berlin es nun auch wirklich besser gemacht: Während das PEN-Zentrum den in der vorvergangenen Woche bei einem Attentat nur knapp mit dem Leben davongekommenen Salman Rushdie zu seinem Ehrenmitglied ernannte – business as usual bei bereits mehr als hundert Vorgängern –, organisierte PEN Berlin binnen einer Woche eine Solidaritätsveranstaltung im Berliner Ensemble, bei der am Sonntagabend zwölf Gründungsmitglieder Texte von Rushdie vorlasen. Zugleich war das die erste öffentliche Veranstaltung des neuen PEN.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie ist geglückt. Wegen der gebotenen Sachlichkeit. Ein­gerahmt wurde die hundertminütige Leserunde von Eva Me­nasse und Deniz Yücel, der Doppelspitze von PEN Berlin. Keine Seitenhiebe gegen die Konkurrenz (die dem nach der 1989 vom Ajatollah Khomeini ausgesprochenen Fatwa jahrelang untergetauchten Rushdie in einer vergifteten Presseerklärung zur Ehrenmitgliedschaft ein damaliges Leben „im Luxus-Käfig“ bescheinigt hatte; F.A.Z. vom 16. August). Auch kein Selbstlob für die eigene Leistung, stattdessen Dank („mit einem Seufzer“, so Menasse) an die Personenschützer des Landeskriminalamts und die Berliner Polizei, die die Veranstaltung allgemein und einzelne Gäste speziell bewachten. Unter diesen befand sich die kurdische Schriftstellerin Meral Şimşek, die erst kurz zuvor mithilfe von PEN Berlin aus der Türkei ausreisen konnte; dort drohen ihr fünfzehn Jahre Haft wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

          „Weder Gott noch unser Prophet sind beleidigt“

          Şimşek las nicht, dafür aber mit Can Dündar ein prominenter Landsmann, der schon seit einigen Jahren im Berliner Exil lebt. Er erinnerte bei seinem Auftritt auch an den Satiriker Aziz Nesin, der im Frühjahr 1993 in einer von ihm herausgegebenen Zeitung ins Türkische übersetzte Auszüge aus Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ hatte abdrucken lassen. Beim An­griff eines islamistischen Mobs in der zentralanatolischen Stadt Sivas auf ein Hotel, in dem Nesin an einem alevitischen Kulturfestival teilnahm, kamen am 2. Juli 1993 fünfunddreißig Menschen ums Leben – der bislang höchste Blutzoll der Fatwa gegen Rushdie. Nesin überlebte verletzt, starb aber zwei Jahre später. Er hatte sein ­ganzes Leben dem Kampf um Meinungsfreiheit in der Türkei gewidmet.

          Die elf anwesenden Mitwirkenden auf der Bühne des Neuen Hauses vom Berliner Ensemble: von links Eva Menasse, Thea Dorn, Can Dündar, Seyran Ateş, Deniz Yücel, Yassin Musharbash, Eren Güvercin, Sven Regener, Priya Basil, Zoe Beck und Judith Schalansky. Günter Wallraff nahm per Video teil.
          Die elf anwesenden Mitwirkenden auf der Bühne des Neuen Hauses vom Berliner Ensemble: von links Eva Menasse, Thea Dorn, Can Dündar, Seyran Ateş, Deniz Yücel, Yassin Musharbash, Eren Güvercin, Sven Regener, Priya Basil, Zoe Beck und Judith Schalansky. Günter Wallraff nahm per Video teil. : Bild: Andreas Platthaus

          Mit der in Istanbul geborenen deutschen Anwältin Seyran Ateş trat eine Aktivistin auf, die sich als gläubige Muslimin vorstellte: „Ich bin überzeugt, dass weder Gott noch unser Prophet durch die ‚Satanischen Verse‘ beleidigt sind.“ Wie Dündar, Sven Regener und Judith Schalansky las sie aus Rushdies 2012 erschienener leicht fiktionaliserter Autobiographie „Joseph Anton“. Und das tat auch der bald achtzigjährige Günter Wallraff, der Rushdie 1993 für ein paar Tage in seinem Kölner Haus versteckt hatte. Aus gesundheitlichen Gründen hatte Wallraff nicht nach Berlin kommen können, seine Lesung aber per Video übermittelt.

          Vier Autoren (neben Thea Dorn noch Yassin Musharbash, Eren Güvercin und Deniz Yücel) hatten für den Berliner Abend Passagen aus den „Satanischen Versen“ ausgewählt. Das war ein deut­licheres Zeichen, als es die New Yorker Solidaritätsveranstaltung für Rushdie vom vergangenen Freitag ausgesandt hatte, als aus diesem Buch nur einmal vorgelesen worden war. Dessen gedruckte Ausgaben sind nach dem Attentat weltweit verlagsvergriffen; Bertelsmann bemüht sich für den deutschsprachigen Markt nun um eiligen Nachdruck. Denn die eindrucksvollste Re­aktion auf den Mordversuch ist die verbreitete Lektüre dieses Buchs. Ein literarischer Gewinn ist sie ohnehin.

          Weitere Themen

          Bei Drogen war Schluss

          Thomas Mann und Huxley : Bei Drogen war Schluss

          Aus Freundschaft wurde Verachtung: Mit Aldous Huxley und Thomas Mann wohnten zwei der berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts in enger Nachbarschaft, doch als beide wegzogen, wuchs auch die inhaltliche Distanz.

          Die Maß ist leer

          Bayerischer Rundfunk : Die Maß ist leer

          Der Oberste Rechnungshof in Bayern hat die Finanzen des Bayerischen Rundfunks geprüft. Das Fazit fällt ziemlich dramatisch aus. Es drohen Millionen-Lücken.

          Topmeldungen

          Weiß, wo es langgehen soll: Wahlsiegerin Giorgia Meloni

          Wegen Gaspreisdeckel : Deutschland steht am Pranger

          Etliche EU-Regierungen sind irritiert über den „Doppelwumms“ aus Berlin. Darf Deutschland sich solche Ausgaben leisten?
          Der russische Präsident Putin am Freitag im Kreml bei der Zeremonie zur Annexion von vier besetzten Gebieten in der Ukraine

          Annexionen in der Ukraine : Putins Kolonialismus

          In seiner Annexionsrede wirft Putin dem Westen Kolonialismus vor. Den praktiziert er in der Ukraine aber selbst. Und die Werte der Freiheit verteidigt nicht er.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.