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Russlands moralisches Gewissen : Alexander Solschenizyn, der Putin-Versteher

Persönliche Begegnung: 2007, im Jahr vor Solschenizyns Tod, besuchte Wladimir Putin der Schriftsteller in dessen Haus. Bild: dpa

Der urrussische Patriot, große Moralist und Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hielt es für vernünftig, am Schlechten festzuhalten, um das Schlimmste zu vermeiden. Deshalb würde er heute Putin unterstützen.

          Alexander Solschenizyn, Russlands Geschichtsprophet und moralischer Rufer, hätte Wladimir Putins Annexion der Krim zweifelsohne gutgeheißen. Der ewige Dissident und Patriot hätte darin keinen neoimperialistischen Akt erblickt, sondern durchaus ein „Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört“, wie Deutsch sprechende russische Amtsinhaber die staatliche Wiedereinverleibung der Schwarzmeer-Halbinsel, bewusst in Anspielung auf die deutsche Wiedervereinigung, europäischen Medien gegenüber bezeichnet haben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Solschenizyn war eigentlich Isolationist. Er sah sein Volk als historisch überanstrengt an, weshalb er der politischen Führung ressourcenverschlingende Engagements wie etwa im Nord- und Transkaukasus am liebsten verboten hätte. Die Schicksalsregionen des Kaukasus und Zentralasiens bezeichnete er als Russlands „weichen Unterbauch“, wo das Land sich leicht ein chronisches Siechtum einhandeln könnte.

          Doch den traditionellen russischen Siedlungsraum – vom Norden Kasachstans über die Ost- und Südukraine bis nach Odessa – betrachtete er als legitim russisches Gebiet, wo bolschewistische Abenteurer willkürlich neue Grenzen gezogen hätten, um den Eliten in den neuen nationalen Republiken die Sowjetmacht schmackhaft zu machen.

          Aus Katastrophenerfahrung konservativ

          Solschenizyns politisch-moralisches Testament besteht darin, dass er, besonders während seiner letzten Lebensjahre, die Schonung (Sbereschenie), wörtlich zu übersetzen als den „sparsamen Umgang“, des zusammenschmelzenden Volks zum obersten Staatsziel erklärte. Der vom KGB verfolgte Gulag-Chronist war aus Katastrophenerfahrung konservativ. Zarennostalgie lag ihm völlig fern, sein Verhältnis zu Politikern war unsentimental. Er hielt insbesondere den letzten Zaren Nikolai II. für tragisch inkompetent und fand seine Verklärung als Märtyrer abwegig und kitschig.

          Staatslenker, das betonte er mehrmals, seien nach ihrem politischen Werk zu beurteilen, nicht als Privatpersonen. Im Untergang des Zarenreiches erblickte er „nur“ deswegen eine Katastrophe, weil die dadurch entfesselten revolutionären Energien die mühsam gewachsenen Anfänge bodenständiger lokaler Selbstverwaltung, welche Solschenizyn zufolge allein zu wahrer Demokratie führen kann, hinwegfegten und die Revolutionäre das Volk dann in industriellen wie militärischen Feldzügen gnadenlos verheizten.

          Solschenizyns Denken kann nur verstehen, wer ein Lebensgefühl in Rechnung stellt, das die Welt nicht als Spielbrett, sondern als übermächtiges Problemknäuel erfährt, weshalb der Vernünftige am Schlechten festhält, um das Schlimmste zu vermeiden. Die Auswirkungen der Marktwirtschaft, die seine politisch unreifen Landsleute dazu verleitet hätten, der „Goldenen Milliarde“ nachzueifern, beurteilte er bis zu seinem Tod im Sommer 2008 als überwiegend zerstörerisch.

          Zur Kleptokratie der Durchsetzungsstarken

          Russland ist ein armes Imperium. Wegen seiner Übergröße und Unwirtlichkeit ist Massenwohlstand dort ausgeschlossen. Solschenizyn, für den das Heil der Menschheit und des Planeten allein in unserer Fähigkeit zur Selbstbeschränkung bestehen kann, verhehlte nie, dass er in den großzügig verwirklichten Menschenrechten in Westeuropa, bei gleichzeitiger Entlastung von Pflichten, überhaupt keinen Segen sehen konnte. Und im russischen Kontext habe die liberale Ideologie, die die Leute glauben macht, sie hätten das Recht, sich zu bereichern, geradewegs in die Kleptokratie der Durchsetzungsstärkeren geführt.

          Solschenizyn im Jahr 1974, als er nach dem Entzug der sowjetischen Staatsbürgerschaft im Haus des Schriftstellers Heinrich Böll in Langenbroich bei Köln Zuflucht fand.

          Solschenizyn lehnte Zwang und Gewalt keineswegs ab, wenn dadurch Anarchie, die Selbstzerstörung der Gesellschaft, die in Russland in der Luft zu liegen scheint, verhindert werden kann. Sein historischer Held war der Premierminister des letzten Zaren, Pjotr Stolypin, der systematisch das selbständige Bauerntum förderte und flankierend Tausende Revolutionäre aufhängte. Ihm zu Ehren bekam die Galgenschlinge den Spitznamen „Stolypin-Schlips“.

          Statt eines westlichen Rechts- und Regelsystems, innerhalb dessen der Einzelne tun kann, was ihm beliebt, schwebte Solschenizyn die gerechte Verteilung von Freiheiten und Pflichten vor. Darin erklärte er sich 2006 mit dem jetzigen Patriarchen Kyrill solidarisch, der die westliche Freiheits- und Konsumkultur ebenfalls mit dem Argument kritisiert, die Verwirklichung der Rechte und Wünsche Einzelner dürfe weder dem Vaterland schaden noch religiöse oder nationale Gefühle anderer, zumal sozial und geistig Benachteiligter, verletzen.

          Solschenizyn war auch in dem Sinn ein urrussischer Patriot, als er die vergleichsweise asketische Lebensführung, zu der in seinem Land die Mehrheit verurteilt ist, wie eine Auszeichnung verstand, die Schule machen sollte. Er freute sich für seine Landsleute, dass sie nicht zur „Goldenen Milliarde“ gehören konnten und daher dem westlichen Säkularismus abschworen. Auch hierin war er ein Gewährsmann der Kirche, auch wenn er die Kommandovertikale und die innere Dissensunterdrückung der Patriarchatskirche kritisierte und sich über ihr Korruptionsproblem keine Illusionen machte.

          Für Solschenizyn, der das Lager erlebte, ausgebürgert wurde und siebzehn Jahre in Amerika zugebracht hatte, war offensichtlich, dass die westliche Zivilisation und insbesondere die Nato Russland, da es nach dem Ende der Sowjetunion nicht mehr bedrohlich wirkte, immer enger in die Zange nahmen. Das bedrohte in seinen Augen auch die christliche Zivilisation, deren Sinn er in Entsagung sah. Zugleich rechnete er damit, dass, infolge des Rückgangs der russischen Bevölkerung, die Kultur des Landes in nicht ferner Zukunft ein vornehmlich islamisches oder gar chinesisches Gesicht haben könnte.

          Putins Politik der verstärkten Annäherung und Verständigung mit der muslimischen Welt und mit China lobte er als weitsichtig. Umso leichter verzieh der vom KGB erzogene Präsident dem Autor des „Archipel Gulag“, dass dieser sich zugleich erlaubte, auch die neue Macht der Geheimdienste als menschenfeindlich und verderblich anzuprangern.

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