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Roussel-Ausstellung in Berlin : Verreisen, um die Welt nicht zu sehen

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Mit diesem Gefährt reiste er durch die Welt: Raymond Roussels Haus auf Rädern mit ausnahmsweise aufgezogenen Vorhängen Bild: Foto Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne

Er schrieb Bücher, die keiner las, er baute sich ein Wohnmobil und verhängte die Fenster, er war größenwahnsinnig und eine Gründerfigur der Moderne. Das unglaubliche Leben des Raymond Roussel in einer Berliner Ausstellung.

          Endlich muss Roussel nichts mehr sehen von der Welt, die er durchreist. Er hat sich ein Haus auf Rädern bauen lassen, eine „maison roulante. Neun Meter lang, zwei Meter dreißig breit. Mit Salon, Wohn-, Schlaf- und Badezimmer und genügend Platz für Dienstpersonal. Mit stilvoller Holzvertäfelung, bequemen Möbeln und einem benzinbetriebenen Kamin. Damit fährt er hinein in die Welt - und zugleich aus ihr heraus. Er zieht die Vorhänge zu, lässt die Landschaften ungesehen vorbeiziehen und ist ganz allein mit sich. Er liest, schreibt und träumt: vom großen literarischen Ruhm.

          Es sollte ein Traum bleiben. Roussel, der von den Menschen geliebt werden wollte wie einst Jules Verne oder Victor Hugo, wurde zu Lebzeiten wenig beachtet. Auch heute kennt ihn kaum jemand. Dass er im Laufe der Zeit zu einer Gründungsfigur der Moderne wurde - Salvador Dalí und André Breton feierten seine Texte als ersehnten Weg ins Paranoide -, wissen nur wenige. Roussel bleibt verdeckt, als Fußnote der künstlerischen Moderne zwar auf ewig unvergessen, doch kaum bekannt.

          Ein Seiltänzer, der mit jedem Werk nach den Sternen griff

          Dabei hätte ja eigentlich alles ganz anders kommen müssen. Als der 19-jährige Roussel 1896 an seinem ersten Buch schreibt, ist er überzeugt, ein Wunderkind zu sein. Ein Erwählter, dem der Ruhm eines Napoleon, Shakespeare oder Hugo bevorsteht. Um den Glanz seiner geschriebenen Worte nicht an die Außenwelt zu verschwenden, zieht er - wie später in seinem fahrenden Haus - die Vorhänge seines Zimmers zu. Er ist sich seine eigene Sonne. Als er seinem Psychologen Pierre Janet rückblickend von diesen Größenphantasien erzählt, hat er bereits die erste große Krise hinter sich. Sein Roman blieb unbeachtet. Dieser Sturz von einem Extrem ins andere wird sich mehrfach wiederholen in seinem Leben. Roussel war ein Seiltänzer, der mit jedem neuen Werk nach den Sternen griff - um dann immer wieder hart aufzuschlagen auf dem Boden des Misserfolgs.

          Zumindest musste Roussel nicht die Armut fürchten. Seine Familie gehört zu jener Pariser Gesellschaftsschicht, für die die Belle Époque tatsächlich eine schöne Zeit der Theater, Boulevards und Cafés ist. Zu den Nachbarn seiner frühesten Kindheitszeit gehört die Familie Proust. Roussels Vater macht mit Immobilienspekulationen ein Vermögen. Seine Mutter spielt die grande dame, veranstaltet Salons und liebt die Welt der Maskerade, in die auch der kleine Roussel eintaucht. Frühe Bilder zeigen ihn in einem türkischen Kostüm, als Zimmermädchen, als Abbé. Auffallend ist die Leichtigkeit, mit der er die Posen einnimmt. Er geht sichtbar auf in diesem Spiel, immer wieder ein anderer zu sein.

          Im Osten sucht er die Welt aus „Tausendundeiner Nacht“

          Es ist eine Welt des Luxus und der Verkleidung, in der Roussel zum exzentrischen Dandy heranwächst. Und es ist eine Welt der Geschichten. Einem Freund schreibt er, er würde sein Leben hergeben, nie und nimmer aber seine Bücher von Jules Verne. Ein anderer Hausheiliger ist Pierre Loti, ein ehemaliger Marineoffizier, der mit seinen exotistischen Romanen wie Verne die Berühmtheit erlangte, nach der sich Roussel so sehnt. Von diesen Geschichten, so sagt er, brauche er eine tägliche Dosis.

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