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Roman von Joris-Karl Huysmans : Auf verstörende Weise überzeugend

  • -Aktualisiert am

Französischer Schriftsteller holländischer Abstammung: Joris-Karl Huysmans Bild: Picture-Alliance

Der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans starb 1907. Er dürfte den meisten ein Begriff sein, weil er in Michel Houellebecq Buch „Unterwerfung“ auftaucht. Nun erscheint Huysmans Roman „Unterwegs“ erstmals komplett auf Deutsch.

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          Dem deutschen Normalleser dürfte Joris-Karl Huysmans (1848 bis 1907), französischer Schriftsteller holländischer Abstammung, vor allem aus Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ (2015) bekannt sein: Dessen Hauptfigur François ist Literaturwissenschaftler und Huysmans-Spezialist.

          Eventuelle Huysmans-Lektüren wiederum beginnen und enden meist mit „Gegen den Strich“ (1884), in der Tat ein zentrales Werk der europäischen Dekadenz. Weder Huysmans’ frühe naturalistische Phase noch seine späteren, dem Katholizismus zugewandten Werke, die bei Erscheinen in Frankreich enormen Erfolg hatten, sind hierzulande sonderlich bekannt. „Unterwegs“, der Konversionsroman des Autors, ist erst jetzt textgetreu ins Deutsche übertragen worden.

          Er ist ein merkwürdiges Stück Reflexionsprosa im Ziegelsteinformat: Der Text gehört zu einer Roman-Tetralogie um Durtal, ein Alter Ego des Autors. Durtal hat erst satanistische Tendenzen („Tief unten“, 1891), konvertiert dann zum Katholizismus („Unterwegs“, 1895), zweifelt jedoch weiter („Die Kathedrale“, 1898), bis er zu einem gottergebenen, halb mönchischen Leben findet („Der Oblate“, 1903). Die Romane beschreiben nicht nur Seelenzustände eines reuigen Sünders und widerspenstigen Gläubigen, sondern auch Aspekte der Religion: „Unterwegs“ hat Kirchenmusik und Mystik zum Gegenstand, „Die Kathedrale“ mittelalterliche Kunst und Architektur, „Der Oblate“ Liturgie und gregorianischen Gesang.

          Zwischen Psychologie und Mystik

          Alles beginnt aber mit jenem Roman, der nach Huysmans’ naturalistischer und dekadenter Phase entsteht: Der Satanismus in „Tief unten“ ist ein erster Schritt zurück zum Glauben der Kindheit. Diesem „schwarzen Buch“ möchte Huysmans dann ein „weißes“ entgegensetzen. Das aber setzt voraus, „dass ich mich selbst bleiche“, wie er dem Abbé Mugnier, einem einflussreichen Pariser Geistlichen der Jahrhundertwende, sagt: „Haben Sie Chlor für meine Seele?“ Er findet es in zwei Klöstern, wo er sich im Sommer 1891 kurz aufhält, sowie vor allem bei den Trappisten von Notre-Dame d’Igny, wo er vom 12. bis 19. Juli 1892 weilt. Diesem Kloster wird er unter dem Namen Notre-Dame de l’Âtre in „Unterwegs“ ein Denkmal setzen.

          Joris-Karl Huysmans: „Unterwegs“. Roman. Aus dem Französischen von Michael Killisch-Horn. Hrsg. von Michael Farin und Michael Killisch-Horn. Belleville Verlag Michael Farin, München 2019. 658 S., Abb., geb., 39,80 €.

          Der Roman ist doppelt angelegt: Einerseits werden seelische Zustände haarfein untersucht – Huysmans wendet das Instrumentarium des psychologischen Romans auf Fragen des Glaubens an; hierin ist er zum Beispiel Paul Bourget („Der Schüler“, 1889), einem weiteren Konvertiten des Fin de Siècle, nahe.

          Das Pikante an diesem Vorgehen ist, dass eine Methode rationaler Seelenanalyse, die aus einer materialistischen Geisteshaltung entstanden ist, nun der Religion dienstbar gemacht wird. Andererseits präsentiert Huysmans seinem Publikum eine Vielzahl von Mystikerinnen und Mystikern, deren Leben und Werke er aufs Intensivste rezipiert hat. Hinzu kommen Gedanken zur religiösen Ästhetik: Huysmans’ und Durtals Weg führt über die Kunst zum Glauben, besonders über die Kirchenmusik.

          Provokation der Zeitgenossen

          Bei so viel Analyse, Kontemplation, Kunstgenuss und -kritik ist die Handlung zwangsläufig minimalistisch: Im ersten Teil führt Durtal seine Zweifel und Hoffnungen in Pariser Kirchen spazieren. Er schleicht um den heißen Brei: „Er spürte, wie in ihm der Wunsch immer mächtiger wurde, diesen inneren Kämpfen und Ängsten endlich ein Ende zu bereiten, und er wurde blass bei dem Gedanken, sein Leben umzukrempeln und für immer auf die Frauen zu verzichten.“

          Den Vorschlag Abbé Gévresins (der fiktionalen Entsprechung zu Abbé Mugnier), in einem Kloster Einkehr zu halten, wehrt er mit Händen und Füßen ab, bis „eine Art zärtliche Berührung, ein sanfter Druck“ auf seine Seele einwirkt und „ein Wille sich in seinen einschlich“ – Gottes Gnadenberührung. Durtal reist nach Notre-Dame de l’Âtre. Teil zwei des Buchs berichtet vom Klosteraufenthalt, von der ersten Beichte seit der Erstkommunion, von der Konversion und heftigen Anfechtungen. Am Ende wird Durtal nach Paris entlassen, im Zweifel, ob er den erkämpften Glauben aufrechterhalten kann.

          Huysmans will seine Zeitgenossen provozieren, wie er dem Freund Arij Prins am 27. April 1891 schreibt: „Es wäre nicht schlecht, diesem Jahrhundert von Flegeln ein solches Buch, ein echtes Buch des Mittelalters um die Ohren zu hauen.“ Auch für heutige Leser ist „Unterwegs“ in vielerlei Hinsicht eine Überraschung und eine Zumutung, wie die Zeilen zur heiligen Katharina von Genua zeigen: „Sie macht deutlich, dass sie allein die Räume der unbekannten Qualen betreten und deren Freuden enthüllt und erfasst hat; denn es gelingt ihr, die beiden Gegensätze, die für immer unvereinbar scheinen, zu versöhnen: den Schmerz der Seele, die von ihren Sünden gereinigt wird, und die Freude ebendieser Seele, die in dem Augenblick, in dem sie furchtbare Qualen leidet, ein ungeheures Glück empfindet, denn sie kommt nach und nach Gott immer näher und spürt, wie seine Strahlen sie immer stärker anziehen und seine Liebe sich in einem solchen Übermaß in sie ergießt, dass der Heiland sich nur noch um sie kümmern will.“

          Mit einer Tendenz zur Misogynie

          Erleichtert wird der Zugang durch die schonungslose Schilderung naturalistischer Schule, die freilich besonders den zweifelnden Durtal trifft. Mönche und Klosterleben werden nämlich trotz Detailgenauigkeit „verherrlicht“, wie Huysmans an Charles Rivière schreibt.

          Dass „Unterwegs“ ein Roman ist, merkt man bei der Lektüre von Huysmans eigenem Kloster-Tagebuch, das sich im Anhang befindet: Dort finden sich noch ganz andere Details, zu Flöhen und anderen Hygieneproblemen etwa, die der Roman höchstens dezent andeutet. Daneben bietet der Anhang Briefe aus dem Entstehungskontext sowie umfangreiche Anmerkungen des Übersetzers Michael von Killisch-Horn und dessen Mitherausgebers Michael Farin. Vor allem aber muss man für die elegante Übertragung des Romans selbst dankbar sein; bislang lag „Unterwegs“ nur in einer ungenauen, unvollständigen Übersetzung von 1910 vor.

          Nicht ausgleichen können die Bemühungen der Herausgeber düstere Seiten dieser antimodernen Figur, eine Tendenz zur Misogynie etwa. In den Begleitbriefen drückt sich auch der Antisemitismus Huysmans’, eines „antimilitaristischen Antidreyfusards“ (Jean-Marie Seillan), aus. Bei aller Verstörung fasziniert „Unterwegs“ jedoch: Huysmans sieht sich auf so simple, so raffinierte Weise in direkter Kontinuität zur mittelalterlichen Mystik, dass man es als Spätmoderner kaum fassen mag. Anders als Michel Houellebecqs François ist Durtal nicht aus Opportunismus konvertiert – das ist der Eindruck, den „Unterwegs“ erfolgreich vermittelt, und das ist eine literarische Leistung.

          Joris-Karl Huysmans: „Unterwegs“. Roman. Aus dem Französischen von Michael Killisch-Horn. Hrsg. von Michael Farin und Michael Killisch-Horn. Belleville Verlag Michael Farin, München 2019. 658 S., Abb., geb., 39,80 €.

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