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Daniela Kriens neuer Roman : Wenn Beziehungen zu Scherben werden

Daniela Krien, geboren 1975 in Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen im Vogtland, heute in Leipzig Bild: Maurice Haas

Die Probe auf den Befund eines gesellschaftlichen Zerfalls: Eine Begegnung in Leipzig mit der Schriftstellerin Daniela Krien zum Erscheinen ihres Romans „Die Liebe im Ernstfall“.

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          Der Morgen hätte nicht viel besser beginnen können für Daniela Krien als mit diesem Anruf aus der Schweiz: Die Startauflage ihres an diesem Tag erschienenen Romans „Die Liebe im Ernstfall“ (Diogenes Verlag, Zürich) ist bereits weitgehend vergriffen, der erste Nachdruck werde bald folgen. Kein Wunder, dass die dreiundvierzigjährige Schriftstellerin bestens gelaunt zum Treffen ins sonnendurchstrahlte Café Telegraph in Leipzig kommt – einem Ort, der in ihrem Roman kurz Erwähnung findet.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Daniela Krien lebt seit genau zwanzig Jahren in Leipzig, und hier spielt auch das neue Buch, in dem die Autorin die Bemühungen von fünf Frauen ungefähr ihres eigenen Alters verfolgt, ein Leben zu führen, das dem gesellschaftlichen Idealbild von Familie oder zumindest trauter Zweisamkeit entspricht – wobei die Haltungen der fünf Frauen dazu ebenso unterschiedlich sind wie ihre individuellen Liebesenttäuschungen. Was hier erst einmal klingen mag wie ein Kolportageroman, ist ein virtuos gebauter Geschichtenreigen, bei dem jeweils die kleine Erwähnung einer der Frauen das ihr gewidmete nächste Kapitel vorbereitet. „In meinen Büchern soll es nicht nur um Storytelling gehen“, sagt Daniela Krien, „sie sollen nicht um jeden Preis Handlung machen, sondern mir sind Sprache, Rhythmus und Form wichtig.“ Diesen Anspruch löst sie ein. Und mit den fünf vielfach ineinander verwobenen Einzelschicksalen ist auch noch fast heimlich ein Stadtporträt von Leipzig verflochten, das just jene letzten fünfzehn Jahre umfasst, in denen die sächsische Stadt sich mindestens so sehr neu erfunden hat wie Kriens Heldinnen.

          Aufgewachsen ist die Autorin jedoch im Vogtland, und dort hatte auch ihr erster Roman, „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“, seinen Schauplatz. Mit dieser im Sommer 1990 angesiedelten Erzählung von der bedingungslosen Liebe einer jungen Frau aus einem kleinen thüringischen Dorf zu einem zwanzig Jahre älteren Nachbarbauern landete die zuvor völlig unbekannte Autorin 2011 einen Bestseller. Ein Zufallsprodukt, denn das zuvor von zehn Verlagen abgelehnte Manuskript war durch eine Kette von persönlichen Beziehungen, die selbst schon Stoff für einen Roman abgäbe, nur wenige Monate zuvor in die Hände von Tanja Graf gekommen, die in ihrem damals gerade einmal ein Jahr alten Kleinverlag noch kurzfristig einen Programmplatz zu füllen hatte. Kein Zufall aber, dass dieser Roman über das Erwachen erwachsener Liebe in den letzten Tage der DDR Erfolg hatte. Er bot mit der Szenerie eines sich durch äußere Einflüsse ändernden ländlichen Lebens thematisch schon manches, was das Publikum vier Jahre später an Dörte Hansens „Altem Land“ begeisterte.

          Aus Verzweiflung heraus ein erster Roman

          Kriens Erzählungsband „Muldental“ folgte 2014; diesmal war die gleichnamige Landschaft in der Nähe von Leipzig Hauptschauplatz, und alle zehn Geschichten erzählten von den Folgen der Wendezeit. Dadurch war auch dieses Buch schon mehr Reigen als bloße Sammlung von Erzählungen: Die Figuren sind von unterschiedlichstem Charakter, aber auf der Makroebene gibt es zahlreiche Verbindungen. Man spürt die Faszination der Autorin für die russische Literatur, mit der sie aufgewachsen ist: Tschechow, Gogol, Tolstoi, vor allem aber Dostojewski, dessen „Brüder Karamasow“ Krien alle paar Jahre wieder liest. Der Titel ihres ersten Romans variiert eine Stelle daraus.

          Daniela Krien: „Die Liebe im Ernstfall“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 288 S., geb., 22,– Euro.

          „Dass ich Schriftstellerin werden wollte, das weiß ich schon seit meiner Kindheit, seit meine Mutter mir als kleines Mädchen vorgelesen hat.“ Aber Daniela Krien nahm erst einmal ein Studium der Kulturwissenschaften auf, in dessen Verlauf sie in kurzem Abstand zwei Töchter bekam. „Meinen ersten Roman schrieb ich dann aus Verzweiflung heraus: Ich konnte wegen der aufwendigen Pflege meiner schwerbehinderten jüngeren Tochter meine Abschlussarbeit in Kulturwissenschaften nicht fertigstellen und stand beruflich vor dem Nichts. Also habe ich mich hingesetzt und geschrieben. Und ich habe mir gesagt: ,Wenn ein Verlag dieses Buch will, dann werde ich Schriftstellerin.‘“ So geschah es.

          Nebenbei ein Soziogramm des Protestwählers

          Die Pflege der heute dreizehnjährigen Jüngeren sorgt mit dafür, dass Daniela Krien trotz ihres Erfolgs nur selten auftritt. Die am 24. März auf der lit.Cologne beginnende Lesereise mit dem neuen Buch ist eine Ausnahme, zumal Krien keine Schriftstellerin ist, die außerhalb ihrer Bücher wahrgenommen werden will. Sosehr sie das Engagement mancher Kollegen in politischen Fragen respektiert, sowenig schätzt sie eine allein durch Ruhm suggerierte Kompetenz. Dabei wäre gerade ihre Stimme eine Bereicherung in manchen heiklen Fragen deutscher Befindlichkeit, vor allem weil sie qua eigener Biographie die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland genau registriert: „Ostdeutsche kennen im Gegensatz zu Westdeutschen beide großen konkurrierenden Systeme, Kapitalismus und Sozialismus, von innen. Der Zusammenbruch des mit höchstem moralischen Anspruch begonnenen Sozialismus hat sie gelehrt, dass kein System auf ewige Dauer gestellt ist.“ In Westdeutschland sei man sich der Überlegenheit der liberalen Demokratie so sicher, dass man versäume, für sie zu kämpfen. Und der wachsende Individualismus sei nicht geeignet, Zuwanderer aus traditionell geprägten Gesellschaften für die Vorzüge der unsrigen zu begeistern.

          In gewisser Weise stellt „Die Liebe im Ernstfall“ die Probe auf diesen Befund dar, obwohl es darin gar keine multikulturellen Konflikte gibt. Das Personal des Romans rekrutiert sich aus Deutschen, aber die Lebensentwürfe der stets ostdeutsch sozialisierten Frauen unterscheiden sich diametral von denen der zumindest teilweise aus dem Westen stammenden Männer. Und wie es etwa Daniela Krien gelingt, im eher nebenbei erzählten Wandel des Vaters zweier ihrer fünf Frauen vom angepassten DDR-Kulturbürger zum provozierenden Gesellschaftsskeptiker ein Soziogramm des Protestwählers zu entwerfen, das darf im als so heikel beurteilten sächsischen Landtagswahljahr Interesse über die eigentliche Handlung hinaus beanspruchen. Dass Krien mit dieser Figur höchst sensibel, ja am Schluss geradezu zärtlich umgeht, ist alles andere als selbstverständlich. Die Vorliebe ihrer älteren Tochter für Bücher mit Happy Ending habe da Wirkung gezeigt – wenn die Vierzehnjährige sich auch gar nicht für die Literatur der Mutter interessiert.

          Die Sehnsucht nach Beständigkeit bleibt

          Daniela Krien schöpft aus ihren Erfahrungen, aber sie erzählt nicht aus ihrem Leben; den Plan eines umfangreichen Romans der eigenen Familiengeschichte hat sie vor zwei Jahren wieder aufgegeben. Lieber hört sie als stummer Gast Gesprächen anderer zu und lässt sich dadurch zu ihren Stoffen anregen: „Das Leben ist so prall gefüllt, da muss ich mir nichts ausdenken. Und nur einmal habe ich gehört: ,Achtung, hier sitzt eine Schriftstellerin mit am Tisch!‘ Aber diese Warnung war auch schnell wieder vergessen.“

          Was „Die Liebe im Ernstfall“ dennoch höchstpersönlich macht, zeigt sich in einer Bemerkung seiner Autorin zur Themenwahl des Romans: „In meinem engeren Freundeskreis hat nur eine Beziehung bis heute gehalten. Ansonsten: rundherum Scherben.“ Darin bezieht Daniela Krien sich selbst mit ein, ihre Töchter erzieht sie seit sieben Jahren ohne den Vater. Die Sehnsucht aber nach Beständigkeit der Liebe bleibe, auch wenn die Bedingungen im Zeitalter von Dating-Apps längst andere seien und Sicherheit – da kommt der ostdeutsche Erfahrungshorizont dieser Autorin wieder zum Tragen – eine Illusion darstelle. „Literatur“, so sagt sie, „sollte deshalb in erster Linie Fragen stellen. Die Antworten muss jeder Leser für sich finden.“

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