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Roberto Bolaños Nachlass-Roman : Was treibt Peter Schlemihl in Mexiko?

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Wenn Straße, Motorrad und Fahrer zu einer mystischen Einheit verschmelzen: Reisen wie im Roman von Roberto Bolaño auf dem mexikanischen Highway 2 Bild: Getty

Sein riesenhafter Nachlass war für den Ruhm des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaños mit verantwortlich. Das Romanexperiment „Der Geist der Science-Fiction“ führt an den Beginn seines Werks.

          Spätestens seit dem 2004 postum veröffentlichten Monumentalroman „2666“, der von einer geradezu ergriffenen Kritik als buchgewordene Schwelle zum 21. Jahrhundert beschrieben wurde, ist Roberto Bolaño ein Autor von repräsentativer Geltung. Aber damit nicht genug, die Fans dieses Autors schildern die Lektüre seiner Werke oft in spirituellen Kategorien: Immer wieder fühle sie sich durch diesen „Meister der Sprache“ dazu „inspiriert“, so berichtet etwa die Sängerin Patti Smith, „neue Landschaften, neue Erfahrungen“ zu erkunden. Ein hoher Ton? Das wäre noch untertrieben.

          Es ist nicht zuletzt der riesenhafte Nachlass des im Jahr 2003 früh verstorbenen Autors, der für seinen internationalen Ruhm verantwortlich ist. Aus seinen postumen Papieren sind in den vergangenen zehn Jahren eine ganze Reihe von teils vollendeten, teils fragmentarischen Texten publiziert worden. Das nun von Christian Hansen ins Deutsche gebrachte Buch führt an den Beginn von Bolaños Prosa-Werk; unterschrieben ist „Der Geist der Science-Fiction“ mit der Angabe „Blanes 1984“. Entscheidend ist dabei weniger der Ort (der Autor lebte in der katalanischen Touristenstadt seit Anfang der achtziger Jahre) als vielmehr die Jahreszahl: Als Prosaautor trat Bolaño, der sich zunächst als reiner Lyriker verstand, erst in den neunziger Jahren hervor. Was es hier zu entdecken gilt, ist also ein frühes Roman-Experiment.

          Scheppernde Motorräder und wilde Liebe

          Entsprechend scheint dem Buch eine Art Versuchsanordnung zugrunde zu liegen. Es gibt drei Erzählebenen, von denen zumindest zwei eng aufeinander bezogen sind: Bestimmend für das Gesamte ist die Erzählung zweier junger Dichter namens Remo Morán und Jan Schrella, die in den siebziger Jahren nach Mexiko-Stadt ziehen, um dort ein Leben rauschhafter Lektüren und schäbiger Mansardenwohnungen, scheppernder Motorräder und wilder Liebe zu führen. Im Kontext dieser Erzählung stehen die zahlreichen Briefe, die Jan an nordamerikanische Größen der Science-Fiction-Literatur schreibt. Jeder diese Briefe unterscheidet sich in Ton und Form, ja sie sind ihrerseits literarische Experimente, die jedoch von einem Motiv locker verbunden werden, nämlich der wiederholten Bitte um Unterstützung für das verarmte Lateinamerika.

          Roberto Bolaños „Der Geist der Science-Fiction“ erscheint im S. Fischer Verlag.

          Auf einer dritten, zeitlich nachgelagerten Ebene ist ein Interview angesiedelt, das ein Schriftsteller (Remo? Jan? Bolaño?) einer Journalistin gibt. Anstatt jedoch über sein „preisgekröntes Werk“ zu sprechen, wächst sich das Gespräch aus zu einer surrealen, düsteren Erzählung über die sogenannte „Kartoffelakademie“, die kryptisch als „eine der vielen über die Welt verstreuten Fakultäten der Unbekannten Universität“ beschrieben wird. In komplexer Überblendung verschiedenster Gegenden und Szenarien (unter anderem: die chilenische Provinz, die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs) entwirft der Befragte eine gänzlich dystopische Welt von imperialer Gewalt, defekter technischer Apparaturen und menschlicher Einsamkeit. Wie das Ganze mit den Erzählebenen eins (die jungen Männer in Mexico City) und zwei (Jans Briefe an die Sci-Fi-Legenden) verkoppelt ist, erschließt sich aber erst bei genauerer Betrachtung.

          Die drei Erzählstränge des Romans werden zusammengehalten von der Bestrebung, die prosaische Gegenwart, mit Novalis gesprochen, zu „romantisieren“. Dies artikuliert sich zunächst in einem steten Schwanken des Romans zwischen Alltagsrealität und Phantastik. Nehmen wir nur die ersten eineinhalb Seiten des Buches, auf denen sich die ersten Sätze des Interviews finden: Zum einen bleibt in ihnen völlig offen, wo sich der Befragte und die namenlose Journalistin gerade befinden (auf einer Anhöhe, meint sie, von der aus „man die abgelegensten Dörfer und fernsten Sterne“ betrachten könne, während er paradoxerweise behauptet, man sei „mitten im Wald“, schließlich ließen sich nur „Äste und Zweige sehen“). Darüber hinaus finden sich gleich zu Beginn eine ganze Reihe dunkler Motive, die, so scheint es, auf eine umfassende Transzendierung der Realwelt hinauswollen: Die Rede ist von Frauen, deren „authentisches, unendliches Trinken“ ein „Geheimnis“ sei, und man beschwört gemeinsam den „phosphoreszierenden Sand“.

          Aber auch die mexikanische Wohngemeinschaft von Jan und Remo ist durchdrungen von romantischem Geist, genauer, vom Geist romantischer „Geselligkeit“. Dabei werden nicht nur die Literatur und das Leben in mal enthusiastischem, mal destruktivem Überschwang gefeiert. Insbesondere spielen hierbei auch Träume, das Reden über sie und ihre Annäherung an die Lebenswirklichkeit, eine wichtige Rolle. Es ist ein ganz und gar entgrenztes Dasein, das die beiden Männer führen und ihnen mitunter die Erfahrung einer Alleinheit von Ich und Welt ermöglicht: „Wir, die Straße ... das Motorrad, ich selbst, bildeten ... eine seltsame Einheit; unsere allzu dunklen Schatten verlängerten sich bis zu einer fast unbelaubten, knorrigen Eiche; aus der Ferne tönte zuweilen ein Lied herüber.“ Wir, die Einheit, die Eiche und das Lied: Der frühe Bolaño klingt in diesen Zeilen fast wie der späte Eichendorff.

          Ein wahrhaftiges Leben außerhalb der bürgerlichen Welt

          Es mag daher vielleicht kein Zufall sein, dass Remo und Jan an einer Stelle explizit auf eine „deutsche Novelle“ der Romantik zu sprechen kommen (wie überhaupt häufig Elemente der deutschen Kultur und vor allem Unkultur in diesem Roman auftauchen). Die beiden können sich nur grob an sie erinnern, irgendwie gehe es in ihr um „einen, der seinen Schatten verliert“. Was aber lässt sich aus diesem überraschenden Bezug auf Adelbert von Chamissos bekannte Erzählung „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von 1814 schließen, auf die Bolaño in „2666“ übrigens zurückkommen wird?

          Mit Peter Schlemihl teilen Remo und Jan zunächst die Einsicht, dass sich ein selbstbestimmtes, wahrhaftiges Leben nur außerhalb der bürgerlichen Lebenswelt verwirklichen lässt. Aber vielleicht lässt sich der Hinweis auf jene „deutsche Novelle“ sogar noch weitertreiben. Denn so, wie der Leser des „Peter Schlemihl“ am Ende erahnen muss, dass dessen berührende Selbstbefreiungsgeschichte bloß ein Märchen ist (Peter kauft sich von seinem letzten Geld ein Paar Siebenmeilenstiefel), so wird in „Der Geist der Science-Fiction“ nahegelegt, dass Jans und Remos emphatisches Leben auf einer weitgehend fiktionalen Welt- und Selbstwahrnehmung beruhen könnte.

          Dies zeichnet sich nicht nur in ihrem Denken, Sprechen und Träumen ab, die collagenartige Konstrukte aus Zitaten und Anspielungen, Werk- und Autornamen sind. Es zeigt sich auch an der wiederholten Brechung von Wahrnehmung und Wirklichkeit, so etwa in Bezug auf die (vermeintliche) Großexpansion von Literaturzeitschriften in Mexiko-Stadt, von der sich die jungen Dichter bestärkt und beflügelt fühlen. Bei ihren Nachforschungen wird allerdings rasch ersichtlich, dass die irgendwo gelesene Zahl von 661 Magazinen (naja, zum Teil sind es nur einige zusammengetackerte DIN A4-Kopien) wohl eher unrealistisch ist. Vielleicht sind es doch nur 32?

          Der Roman gerät durch Passagen wie diese in einen merkwürdigen Zustand des Schwebens zwischen rauschafter Begeisterung und nüchternem Realitätssinn. Gerade darin aber erweist er sich im romantischen Sinne als ironisch; in ihm wird, so lässt sich mit dem Philosophen Manfred Frank formulieren, „alles Positive...zugleich gesetzt und von einer nachfolgenden Position auch wieder dementiert bzw. vernichtet“. Ein intellektuelles und auch literaturgeschichtliches Vergnügen bietet „Der Geist der Science-Fiction“ insofern allemal. Ob das sehr durchdachte, sehr herausfordernde Buch allerdings auch jene enthusiastische Lektüreerfahrung ermöglicht, von der Bolaño-Fans wie Patti Smith berichten, muss allerdings bezweifelt werden: Der Bleistift in der Hand, für die Lektüre dieses Buches unerlässlich, ist ein zuverlässiger Blitzableiter.

          Roberto Bolaño: „Der Geist der Science-Fiction“. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018. 256 S., geb., 22,– €.

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