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Buchpreis für Robert Menasse : Ihn hat es gerührt, uns geschüttelt

Anstelle eines Spickzettels fand sich ein Sacktuch in seiner Hosentasche: der Buchpreisträger Robert Menasse kurz nach der Verleihung. Bild: Frank Röth

Robert Menasse gewinnt mit seinem Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis. Diese Entscheidung lässt einige Rückschlüsse auf den Zustand dieser kommerziell wichtigsten Auszeichnung der Branche zu.

          Als die größte Überraschung bei der Entscheidung über den diesjährigen Deutschen Buchpreis darf man festhalten, dass tatsächlich Gerd Scobel nicht mehr moderierte. Angekündigt war das schon im vergangenen Jahr, aber dann hatte die feste Größe dieser Zeremonie zum Auftakt der Buchmessenwoche in Frankfurt doch wieder einspringen müssen, weil seine Nachfolgerin Cécile Schortmann mit einer Kehlkopfentzündung passen musste. Diesmal ist der Mikrofonwechsel nun geglückt – ein Glück auch für den Abwechslungsreichtum des Preises.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn ansonsten waren Überraschungen rar – ja, inexistent. Es gewann Robert Menasse mit seinem in Brüssel angesiedelten EU-Roman „Die Hauptstadt“, natürlich wieder ein im Herbst erschienener Titel, wie noch jeder Buchpreisgewinner seit 2005, und in den obligatorischen Montagsreden des Börsenvereinsvorsitzenden Heinrich Riethmüller und der Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig wurde, wie es zu erwarten war, die Unentbehrlichkeit des Romans als literarische Form im Speziellen, die Bedeutung der Literatur im Allgemeinen und der Erfolg des Buchpreises als Institution im Allergemeinsten gelobt. Was man eben so sagt, wenn man die feste Zeitvorgabe des wegen seiner Fernseh-Liveübertragung streng getakteten Programms ausfüllen möchte.

          Robert Menasse hatte eine solche Vorgabe auch, aber nichts für die zwei, drei Minuten, die ihm zustanden, vorbereitet, „denn ich arbeite seit einigen Jahren nicht mehr für die Schublade“. Damit sollte ausgedrückt werden, dass ihn die Wahl seines Romans überrascht habe, aber damit war er wohl einer von Wenigen im Kaisersaal des Frankfurter Römers. Die Überbrückung der ihm zugestandenen Redefrist war dann leicht, weil ein Gutteil davon aufs Schnäuzen draufging, und wenn ein Satz wahr war an diesem Abend, dann der erste des Gewinners: „Ich bin sehr gerührt.“ Dass er das sein würde, hatte er allerdings doch wohl schon geahnt, denn das Sacktuch, dessen er sich bediente, war ein denkbar voluminöses – und auch nötig, um all die Freudentränen aufzunehmen. Aber in Menasses Hosentasche war ja mangels Spickzettel für Dankesworte auch ausreichend Platz.

          Um jegliche Frage des literarischen Stils herumgemogelt

          Was teilt diese Entscheidung der siebenköpfigen Jury aus Kritikern und Buchhändlern für den Stand der deutschsprachigen Literatur mit? Nichts Gutes, wenn „Die Hauptstadt“ denn wirklich „der beste Roman des Jahres“ wäre, wie es der Preis für das mit ihm ausgezeichnete Buch in Anspruch nimmt. Aber das ist ja schon ein Hohn, weil seit 2005 immer nur aktuelle, also im Herbst publizierte Titel gewonnen haben. Nicht sehr wahrscheinlich, dass im Frühjahr regelmäßig nie ein Roman erscheinen soll, der die aus dem Herbst übertreffen könnte. Und da allein vom gleichen Verlag (Suhrkamp) unter den sechs Finalisten neben Menasses „Hauptstadt“ noch zwei weitere, bessere, natürlich Herbst-Bücher nominiert waren – Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ und Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ –, fällt das Urteil noch milder aus: Nicht die Literatur lässt zu wünschen übrig, sondern die Urteilskraft der Jury. Die hatte in Person ihrer Vorsitzenden Katja Gasser zuvor betont, dass allein die Literatur zähle, sonst nichts (um damit den hohen Suhrkamp-Anteil zu rechtfertigen). Doch wenn Formbewusstsein und Sprachvirtuosität nichts und dafür politische Agenda alles sind, muss man solche Worte wohl nicht besonders ernst nehmen.

          Hätte Robert Menasse uns wenigstens mit „diesem ersten EU-Roman“, wie an diesem Montagabend kaum jemand auf der Bühne zu formulieren vergaß, inhaltlich überrascht. Aber alles, was darin über die Brüsseler Bürokratie gesagt wird, stand schon vor fünf Jahren im „Europäischen Landboten“, dem streitbaren essayistischen Plädoyer für die EU-Kommission vom selben Autor. Dass die Jury sich in ihrer Begründung denn auch um jegliche Frage des literarischen Stils herummogelte, als zählte in einem Roman nur „Zeitgenossenschaft“ und als wäre durch den sympathischen Widerstand eines Schriftstellers gegen die Europa-Skeptiker schon literarischer Rang garantiert – das war ebenso wenig überraschend wie der restliche Abend.

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