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Neues Hegel-Buch : Dummheit ist vielleicht doch besiegbar

Georg Wilhelm Friedrich Hegel Bild: Kat Menschik

Abenteuer des Wissens: Der amerikanische Philosoph Robert B. Brandom hat vierzig Jahre lang an seinem Buch über Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gesessen.

          4 Min.

          Für wen ist dieser Wälzer geschrieben? Im Deutschen umfasst er mehr als eintausend Seiten, die sich mit Teilen eines Buches befassen, das seinerseits etwa fünfhundert Seiten hat, Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Er ist also für Leser geschrieben, die viel Zeit und Geduld mitbringen. Der amerikanische Philosoph Robert B. Brandom soll vierzig Jahre lang an dem Buch gesessen haben.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Zu solchen Längen kommt es nicht durch Weitschweifigkeit. Hegels Werk gehört zu den sprachlich wie gedanklich schwierigsten der Denkgeschichte. Es handelt von der Möglichkeit zu prüfen, was erforderlich ist, um zu wirklichem Wissen zu kommen.

          Dazu betrachtet es eine Vielzahl historisch behaupteter Wissensansprüche. Wissen beruht, so wird beispielsweise gesagt, auf sinnlicher Gewissheit oder auf der Analyse von Kräften, dem Aufstellen von Gesetzen, auf Naturbeobachtung, Bildung oder Aufklärung. Was Brandom an Hegel fasziniert, ist dabei dessen These, letztlich habe Erkenntnis soziale Voraussetzungen in einer Welt, die sich normativ und zunehmend auf Lernen durch Irrtümer einlässt.

          Lernen durch Irrtümer

          Wer den Sternhimmel begreifen will, braucht in diesem Sinne nicht nur ein Aufzeichnungssystem, vielleicht eine Maschine, er braucht vor allem einen Begriff von „Stern“, und den kann er sich nicht allein machen. Begriffe sind nichts Psychologisches.

          Das alles ist bei Hegel in einer zumutungsreichen Sprache festgehalten. Manche Studenten werden philosophische Seminare erinnern, in denen die Lektüre Satz für Satz nach einem Semester nicht einmal die Einleitung des Buches hinter sich gebracht hat.

          Der Philosoph Robert B. Brandom
          Der Philosoph Robert B. Brandom : Bild: Universiteit van Amsterdam

          Übersichtliche Zugriffe auf die „Abenteuergeschichte“ (Brandom) des erkennenden Selbstbewusstseins, die in der „Phänomenologie“ erzählt wird – etwa der schöne Überblick von Jean Hyppolite (1946) – , galten vielen als zu knapp. Einen abschnittsweise vorgehenden Kommentar aus einer Hand hat bislang nur der Leipziger Philosoph Pirmin Stekeler vorgelegt; er ist 2014 erschienen und umfasst, Hegels Text einschließend, mehr als zweitausend erhellende Seiten.

          Man könnte die Eingangsfrage so beantworten: Brandom hat mit „Im Geiste des Vertrauens“ ein Buch für Philosophen geschrieben, die glauben, ohne Hegel auskommen zu können, und seine Schwerverständlichkeit dafür als Ausrede benutzen.

          Der Sinn des Ganzen

          Er übersetzt Hegel geradezu in die Sprache der analytischen Philosophie, bezieht Hegels Fragen, wo es nur geht, auf diejenigen Gottlob Freges, Ludwig Wittgensteins und Wilfrid ­Sellars’ und lässt alles weg oder streift nur, was sich nicht auf sprachphilosophische Probleme bringen lässt.

          Und er hat ein Nachschlagewerk für Studenten geschrieben, denen vor lauter Verständnisschwierigkeiten mit einzelnen Textpassagen Hegels der Sinn des Ganzen abhandenkommen kann.

          So führt er in Grundbegriffe Hegels ein, wie etwa in die „bestimmte Negation“, die in jedem Begriff vollzogen werde. Etwas begreifen heißt, es von anderen bestimmten Sachverhalten unterscheiden zu können. Dreieckiges unterscheidet sich unbestimmt von Nichtdreieckigem, bestimmt von Kreisförmigem.

          Wichtig ist diese bestimmte Negation, weil sie für Brandom den Modus der Erfahrung bildet: Wir dachten, etwas sei ein Ding, erfahren aber durch die Frage nach dem Zusammenhang seiner Eigenschaften, dass es ein Kräftespiel ist oder ein Symbol.

          Erkennen heißt produktiv negieren

          Erkennen heißt so geradezu, produktiv und also bestimmt negieren können, was man soeben noch dachte. Erkennen ist darum auch kein Werkzeug, um an die Dinge heranzukommen, und die Erkenntnis ähnelt auch nicht dem, was sie erkennt. Die Formel für einen Kreis ist nicht kreisförmig. Vielmehr präpariert sie Merkmale am Erkannten vor einem geistig-praktischen Hintergrund heraus, beispielsweise dem der Algebra.

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