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Richard Wagner zum Sechzigsten : Woher einer kommt und wohin

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Wurde jahrelang von seinem Kollegen beschattet: der deutsch-rumänische Schriftsteller Richard Wagner Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Er hat seine beiden Heimatländer Rumänien und Deutschland immer wieder neu vermessen - und großartige Literatur daraus gemacht. Dem Schriftsteller Richard Wagner zum Sechzigsten.

          Heimat, schreiben Richard Wagner und Thea Dorn in ihrer vor kurzem erschienenen Befindlichkeits-Enzyklopädie „Die deutsche Seele“, sei eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache. In dem Kapitel, das sie dem Wort und dem dazugehörigen Gefühl widmen, heißt es, Heimat sei „Ort und Zeit in einem, sie ist angehaltene Vergänglichkeit. Mit einem Mal ist die Landschaft wieder vertraut, und die Muttersprache wendet sich Wort für Wort zu Mundart, zum Dialekt.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Begriffsbestimmung stammt von Richard Wagner. Natürlich, möchte man sagen. Denn wenn wir uns vorstellen, wie die beiden Autoren zusammensaßen und ihr Buch besprachen, wie sie von „Abendbrot“, „Fußball“, „Ordnungsliebe“, „Sehnsucht“ und „Zerrissenheit“ redeten und verhandelten, wer von ihnen sich welchem Begriff widmen würde - wenn man sich das vorstellt, dann ist es undenkbar, dass es bei der „Heimat“ lange Diskussionen gab. Die Heimat ist Richard Wagners Revier. Sie ist immer wieder Dreh- und Angelpunkt seines Werks, vermutlich weil ihm die Frage, woher man kommt und was daraus folgt, in die Wiege gelegt wurde.

          Ein deutscher Landvermesser

          Wagner, 1952 in Lovrin bei Temesvar geboren, hat seine Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Minderheit in Rumänien stets offensiv gelebt. Er war Gründungsmitglied der „Aktionsgruppe Banat“, jenem literarischen Zirkel, dem auch Ernest Wichner, Gerhard Ortinau und William Totok angehörten, deren Gedichte das kommunistische Regime so in Aufruhr versetzten, dass die Securitate ihre Fangarme nach den Schriftstellern auswarf. Wagner wurde verhaftet, verhört, drangsaliert. In den letzten zwei Jahren, die er in Rumänien lebte, wurde seine und die Wohnung seiner damaligen Frau, der Nobelpreisträgerin Herta Müller, ständig überwacht. Im März 1987 reisten die beiden nach Deutschland aus.

          Seitdem hat Richard Wagner seine (alte und neue) Heimat und seine Muttersprache immer wieder neu vermessen. Das Buch „Die deutsche Seele“ lässt sich in dieser Hinsicht wie das lieblich-heitere Pendant zu seinem Wutbuch „Der deutsche Horizont. Vom Schicksal eines guten Landes“ (2006) lesen, in dem er den Deutschen vorhielt, ihr Land nicht zu lieben, an den Ideen der Achtundsechziger festzuhängen und das Christentum als Grundlage des Abendlandes nicht ausreichend zu verteidigen. Hier, wie übrigens auch in seinen Beiträgen für das Blog „Die Achse des Guten“, zeigt sich Wagner als der gegen und quer zu den Strömen schwimmende Denker, der er ist.

          Sozialstudien an den Rändern der Gesellschaft

          Einem anderen, zuweilen zarteren Wagner begegnet man in seinen literarischen Werken. In dem Roman „Lisas geheimes Buch“ (1996), in dem er das Leben einer Berliner Prostituierten nachzeichnet, aber auch in seinem 2007 erschienenen Buch „Das reiche Mädchen“, in dem er die (wahre) Geschichte der von ihrem Mann erstochenen Karin Reemtsma aufgreift, um ein Lehrstück über falsch verstandene Völkerverständigung zu schreiben, begibt sich Wagner an die äußersten Ränder der sozialen Wirklichkeit, um nach Schlüsseln des menschlichen Miteinanders zu suchen. Gerade diese Suche hat ihn immer wieder aber auch nach Rumänien zurückgeführt: in „Miss Bukarest“ (2001) genauso wie in dem 2011 erschienenen Roman „Belüge mich“, in dem er gut zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von jenem Schweigen erzählt, das sich über die Vergangenheit seines Geburtslandes Rumänien gelegt hat.

          Er hat dieses Schweigen immer bekämpft: Als die Öffentlichkeit unlängst erfuhr, dass Oskar Pastior und Werner Söllner, ehemalige Freunde und Kollegen Wagners, als Spitzel für die Securitate im Einsatz waren, da war Wagner einer der wenigen, der vernehmlich forderte, die Aufarbeitung dieser Geschichten müsse vor dem Verzeihen stehen. Gleichwohl, und auch das zeichnet ihn in dieser Hinsicht aus, ist Wagner kein Scharfmacher. Er ist ein Mann, der klare Vorstellungen davon hat, was unveräußerliche Werte und Prinzipien sind. An diesem Dienstag wird er sechzig Jahre alt.

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