https://www.faz.net/-gr0-9xjqz

In der Heimat von Mark Twain : Tante Polly wohnt nebenan

Ganz Hannibal lebt nur von seinem weltberühmten Lokalhelden Mark Twain. Bild: mauritius images / Buddy May

Auf Schritt und Tritt begegnet man hier dem gefeierten Autor und seinen Figuren: Ein Besuch in Mark Twains Kindheitsort in Missouri.

          4 Min.

          Hannibal, Missouri ist ein Ort von kaum zwanzigtausend Einwohnern am Highway 79, der fette Trucks den Mississippi entlangführt und hin und wieder ein paar Besucher aus dem zwei Autostunden entfernten St. Louis. Weiter nach Norden kommt nicht mehr viel außer den leeren Flächen von Iowa und Wisconsin. Doch die Mitte dieses weitgestreckten Nichts sah im neunzehnten Jahrhundert einen der berühmtesten Amerikaner aller Zeiten aufwachsen: Mark Twain, mit bürgerlichem Namen Samuel Langhorne Clemens (1935 bis 1910).

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Als der kleine Sam als Vierjähriger hierher gebracht wurde, war Hannibal ein expandierender Handelsflecken im Nordteil des amerikanischen Südens, ein vom Sklavenhandel geprägter Vorposten des unaufhaltsamen Zugs nach Westen. Trapper verschifften ihre Felle nach New Orleans, und alle Arten von Waren sowie gigantische Holzstämme wanderten den Fluss hinunter. Lange bevor 1876 „Tom Sawyers Abenteuer“ erschien und Hannibal in St. Petersburg verwandelte, hatte der aufstrebende Journalist mit der klaren, derben Sprache sein Pseudonym gefunden. Er war, bis der Bürgerkrieg 1861 die Schifffahrt zum Erliegen brachte, Lotse auf Mississippi-Dampfern gewesen und nannte sich bald darauf „Mark Twain“ – der Ruf, um zwei Faden beziehungsweise 3,60 Meter Tiefe anzuzeigen, was sicheres Navigieren bedeutete.

          Besucht man Hannibal heute, hat man die Mark Twain gewidmeten Monumente weitgehend für sich. An der North Street steht eine lebensgroße Skulptur von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Der unangepasste Aussteiger Huck hieß in Wahrheit Tom Blankenship; eine Notiz im „Hannibal Daily Messenger“ vom 21. April 1861 hält fest, dass er für den Diebstahl von Truthähnen eine Haftstrafe von dreißig Tagen verbüßen musste. Eine Ecke weiter folgt das „Mark Twain Boyhood Home & Museum“, eine liebevoll bestückte Rekonstruktion des Jugendhauses mit Gegenständen der Epoche. Drinnen kann man Twains Schreibtisch betrachten, seine Füllfederhalter, seine mutmaßliche Brille, dazu eine handgeschnitzte Landkartentruhe, viel Nippes und Dokumente zu seiner gesellschaftspolitischen Haltung – gegen organisierte Religion, gegen Kolonialismus und Tierversuche. „Come see where the stories started!“, heißt es auf dem Flyer des Museums, aber das ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn hier fließt alles ineinander, die Fakten und die Folklore, die Forschung und die Mythologie.

          Das Haus von Becky Thatcher

          Das Personal, das im Winter Dienst tut, ist leicht schrullig und von überwältigender Freundlichkeit. Kommen Sie unbedingt im Sommer wieder, lautet die Empfehlung. Am Nationalfeiertag 4. Juli zum Beispiel gebe es eine Parade, ein bisschen zur Ehre Mark Twains, aber auch zu Ehren der Nation, und dann würden auch wieder die schönen Bootstouren auf historischen Dampfern den Mississippi hinunter angeboten, mit Dinner und großem Unterhaltungsprogramm. Die nette Frau im Buchladen, die zugibt, noch nie etwas von Mark Twain gelesen zu haben, warnt allerdings, die Touren seien sehr teuer, sie selbst könne sich so etwas nicht leisten. Unten am Fluss hat die Stadt das Ufer gesichert, damit die regelmäßigen Überschwemmungen die Altstadt nicht mehr unter Wasser setzen. „Ich weiß noch, wie das 1993 war“, sagt die Frau. „Ein Albtraum!“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Bodo Ramelow vor einer Regierungserklärung im Thüringer Landtag.

          Thüringen plant Lockerungen : Mutig oder falsch?

          Die Pläne der Thüringer Landesregierung, den allgemeinen Lockdown wegen der Corona-Pandemie vom 6. Juni an aufzuheben, stößt nicht nur bei Gesundheitsexperten auf scharfe Kritik. Doch in der Bevölkerung erfährt Bodo Ramelows Vorstoß auch Zustimmung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.