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Alternativer Büchner-Preis : Geheimnisse

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Der Alternative Büchner-Literaturpreis geht an den Schriftsteller Wolf Wondratschek. Bild: Andreas Pein

In Wien wurde zum ersten Mal der Alternative Büchner-Literaturpreis vergeben. Hier steht die Rede des Preisträgers Wolf Wondratschek.

          Liebe Freunde,

          meine Damen und Herren, dass ich diesen Raum als Träger eines literarischen Preises verlassen werde, hat hohe Anteile an Einmaligkeit. Nicht viel in einem langen Leben hat die Auszeichnung, einmalig zu sein, verdient. Die erste Liebe (ohne Sex), der erste Sex (ohne Liebe), zum ersten Mal stehen geblieben, um einem Vogel zuzuhören, der singt, zum ersten Mal Bob Dylan gehört, zum ersten Mal Pot geraucht, die Extras in meinem Gehirn entdeckt. Den bisher höchsten Anteil an Einmaligkeit hatte der Tag der Geburt meines Sohnes. Seiner Existenz verdanke ich die Erkenntnis, dass ich sterblich bin. Und die Sache, die das Leben ist, auch ohne mich weitergehen wird, bevor dann in 1,4 Millionen Jahren endgültig auch für ihn Schluss ist.

          Gut, dass wir noch Zeit haben bis dahin. Und ich noch Zeit, das Preisgeld auf den Kopf zu hauen. Es kommt von einem Mann, der mich einmal mit einem Satz überraschte, der auch hohe Anteile an Einmaligkeit hat. „Die Hälfte meines Vermögens gehört den Dichtern.“ Da bleibt auch einem Optimisten die Spucke weg. Der Satz eines Poeten. Und die andere Hälfte, wollte ich wissen? Das gefällt mir an Ihnen, sagte er, dass Sie darauf keine Antwort erwarten. Und noch etwas gefällt mir an Ihnen. Ihre Gedichte. Erzählen Sie mir mehr davon.

          Genau das will ich jetzt tun.

          „In Wirklichkeit“, schreibt Marcel Proust, „ist die Poesie etwas Geheimes.“Vom Geheimnis spricht auch Wassily Kandinsky: „In jedem Bild“ – und wir können ruhig ergänzen, auch in jedem Gedicht – „ist geheimnisvoll ein ganzes Leben eingeschlossen, ein ganzes Leben mit vielen Qualen, Zweifeln, Stunden der Begeisterung und des Lichts.“ Die nächste Wortmeldung kommt – um unsere Erdumrundung fortzusetzen – aus Argentinien. In einem seiner Vorträge, die er in Harvard gehalten hat, teilte Jorge Luis Borges seinem Publikum Folgendes mit: „Während ich etwas schreibe, versuche ich nicht, es zu verstehen. Ich glaube nicht, dass Intelligenz viel mit der Arbeit eines Schriftstellers zu tun hat.“ Fügen wir unseren Zeugen für die Sache, auf die ich hinaus will, noch einen Iren hinzu, den schweigsamen Samuel Beckett. Als der von einem Journalisten gefragt wurde, welche seiner Texte er besonders schätze, antwortete er: „die, die ich nicht verstehe“. Er hätte auch die Weisen der Wüsten zitieren können: Hör auf zu reden, hör auf zu denken, und es gibt nichts, was du nicht verstehst. Es läuft am Ende auf das Gleiche hinaus. Es gibt ein Verstehen, dass das, was der gemeine Verstand unter ,Verständlichkeit‘ versteht, weit hinter sich lässt.

          Revanche für das Geschenk eines Preises

          Es wäre schön, wenn ich mich, der ich heute das Geschenk eines Preises entgegennehmen darf, meinerseits mit einem Geschenk revanchieren könnte, der Aufforderung, auf nicht leicht zu Verstehendes, die Grenze zum Unverständlichen Streifendes oder diese Grenze Ignorierendes nicht wie auf ein unzumutbares Ärgernis zu reagieren. Suchen Sie nicht, wenn Sie lesen, nach dem, was Sie verstehen, zeigen Sie dem nur Verständlichen die kalte Schulter, sagen Sie ruhig: „Kenn’ ich schon, tut mir leid!“ Frauen in Romanen sagen zu Männern manchmal so schöne Sachen wie: „Setzen Sie mich in Erstaunen!“

          Die Zuhörer seiner Vorlesungen in Harvard jedenfalls staunten nicht schlecht, als Borges ihnen das Gedicht eines vergessenen bolivianischen Dichters vortrug und mit geradezu jubelnder Begeisterung gestand, nichts zu verstehen. Die Übersetzung aus dem Spanischen würde in etwa so lauten:

          „Imaginäre Pilgertaube, die du die letzten Liebschaften entzündest, Seele aus Licht, aus Musik und aus Blumen, imaginäre Pilgertaube.“

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