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Der Künstler Eric Carle : Wie man einen Pfannkuchen aus Worten und Bildern backt

  • -Aktualisiert am

In „Der Künstler und das blaue Pferd“ (Gerstenberg Verlag) lässt Eric Carle einen Jungen farbige Tiere malen - wie diesen bunt getupften Esel. Bild: Gerstenberg Verlag

Täglich eine Metamorphose: Eric Carle, der Schöpfer der Raupe Nimmersatt, wird zu seinem neunzigsten Geburtstag im Museum Wilhelm Busch mit einer Ausstellung geehrt.

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          Mehr als 146 Millionen Bilderbücher in 66 Sprachen sind kein Klacks. Allein „Die kleine Raupe Nimmersatt“, die sich seit genau fünfzig Jahren durch fast jedes Kinderzimmer gefressen hat, bringt es inzwischen auf eine Population von über fünfzig Millionen. Ihr Schöpfer Eric Carle, der seinen neunzigsten Geburtstag feiert, beansprucht das nicht als persönliches Verdienst. Bereits vor dreißig Jahren bedankte er sich bei denen, die dem Buch zum Welterfolg verhalfen, den Kindern. Am Anfang stand nur ein mehrfach gefalteter Briefbogen, den er eher zufällig in einen Locher schob. Daraus ging die Idee eines Bücherwurms hervor, der dann auf Rat des Verlegers zur Raupe mutierte. Fünf Tage lang frisst sie sich durch Früchte (und immer größer werdende Buchseiten), am sechsten durch zu viel Allerlei, sie bekommt Bauchschmerzen und kann am letzten Tag der Woche an einem grünen Blatt genesen. Schließlich wird daraus ein wunderschöner Schmetterling.

          Das Buch „Brauner Bär, was siehst du?“ entstand zu einem Text von Bill Martin.

          Carles Genialität des Einfachen entdeckten vor allem kleine Leser oder Hörer vorlesender Eltern. Aus den zunächst bescheidenen Buchverkäufen wurde so allmählich eine Massenbewegung. Wie es dazu kam, lässt sich jetzt in einer Geburtstagsausstellung im Museum Wilhelm Busch in Hannover verfolgen. Gezeigt werden die Originalcollagen zu 23 der mehr als siebzig Bilderbücher – vom ersten, Bill Martins „Brauner Bär, wen siehst denn du?“, erschienen 1967, bis zum jüngsten, „Der Künstler und das blaue Pferd“ von 2019. Entstanden sind sie allesamt in Amerika, wo Eric Carle in Syracus, New York, zur Welt kam und wohin er nach der Schulzeit und Kunstakademie in Stuttgart (1935 bis 1952) zurückkehrte. Die großformatigen Blätter nebst Skizzenbüchern kommen aus dem „Eric Carle Museum of Picture Book Art“ in Amherst und sind über den Sommer exklusiv in Hannover zu sehen.

          Gegenüber dem heimischen Blättern in Carles Bilderbüchern öffnet die Ausstellung die Augen ganz neu für die Macht starker Farben, für filigrane Details und die thematische wie stilistische Kontinuität. Schon im ersten, mit eigenem Text versehenen Band „1, 2, 3 ein Zug zum Zoo“ (1968) sind die drei Grundprinzipien des gesamten Werkes erkennbar: Die durch den Vater vermittelte Liebe zur und Neugierde auf die Natur und all ihre Lebewesen, die Reduktion auf eine knappe, klare Geschichte, schließlich die didaktische, aufklärerische Absicht. Wie im Erstling zehn Waggons mit staunenswerten Tieren in jeweils steigender Zahl (und einem überall versteckten Mäuschen) zum Tierpark fahren und damit eine verborgene Schule des Zählens eröffnen, zeigt auch „Das Pfannenkuchenbuch“ (1970), dass der hungrige Felix für die Zubereitung des gewünschten Gerichts erst selbst Weizen schneiden, dreschen, mahlen muss, für Eier, Milch, Butter, Feuerholz und Marmelade zu sorgen hat, bis die Mutter loslegen kann.

          Auf den Flügeln des Talents

          Der kindlichen Freude und Neugierde an Carles bestechender Evidenz von Phänomenen und der zwingenden Logik seiner dargestellten Handlungen können sich auch Erwachsene kaum entziehen. Dieser Künstler versteht Kinder und wird von ihnen geliebt, weil er sich selbst eine Art von Kindersinn bewahrt hat.

          Selfie mit Raupe: Eric Carle (links) malt sich hier mit seinem berühmtesten Geschöpf (rechts), der Raupe Nimmersatt

          Er vermag sich immer wieder an der Metamorphose der Raupe zum Schmetterling und anderen Wundern zu erfreuen und wie Kinder an dem Gedanken, „meine Flügel (meine Talente) auch ausbreiten und in die Welt fliegen“ zu können. Nähme man den einen oder anderen seiner bunten Tiger oder Bären aus dem Kontext und würde sie im Sprengel-Museum oder im MOMA ausstellen, würde wohl niemand an einen kindlichen Kontext denken.

          In der Ausstellung begreift man – nicht zuletzt aus einer Filmdokumentation – Carles Befreiung von allen Konventionen und seine tiefe Verbundenheit mit den Fauvisten und Expressionisten. In einem Interview verweist er auf Künstler wie Picasso und Matisse, die ebenfalls mit flächenhafter Farbgebung, mit Collagen und Scherenschnitten gearbeitet haben. Er selbst produziert sich buntes Seidenpapier mit leuchtenden Acrylfarben und kräftigen Pinselstrichen oder strukturierenden Werkzeugen. Nach dem Trocknen liegen sie in riesigen Plakatschränken farblich sortiert bereit.

          Daraus schneidet Carle mit scharfen Klingen sämtliche, oft filigrane Bildelemente, die dann aufgeklebt und nur gelegentlich noch mit gezeichneten Linien oder Beschriftungen versehen werden. Da der Klebstoff der alten Raupe Nimmersatt sich inzwischen verfärbt hat, erhielt sie zum Jubiläum ein Remake. In der Ausstellung sind die Varianten von 1969 und 2019 jetzt miteinander zu vergleichen.

          Wer kennt sie nicht? „Die kleine Raupe Nimmersatt“ brachte Eric Carle 1969 heraus. Das Buch wurde millionenfach verkauft und in mehr als sechzig Sprachen übersetzt.

          Zum Geburtstag hat Carle sich jetzt selbst das schönste Geschenk bereitet. Sein jüngstes Buch „Der Künstler und das blaue Pferd“ liest sich wie eine ironische Selbstbiographie. Sie enthält nur zwei Sätze zu einer leuchtend farbigen Bildstrecke: „Ich bin ein Künstler und male ein blaues Pferd und ein rotes Krokodil und eine gelbe Kuh und ein rosa Kaninchen und einen grünen Löwen und einen orangefarbenen Elefanten und einen violetten Fuchs und einen schwarzen Eisbären und einen bunt getupften Esel. Ich bin ein großer Künstler.“

          Eine Hommage an Franz Marc

          Gewidmet ist dieses Bekenntnis zum anderen Sehen dem Expressionisten Franz Marc, Mitbegründer der Künstlergruppe „Der blaue Reiter“. In einer Erinnerung erzählt Carle von einem prägenden Erlebnis mit seinem Kunstlehrer Herrn Krauss. Eines Tages, mitten im Krieg, lud dieser ihn zu sich nach Hause ein und zeigte ihm eine Schachtel mit Reproduktionen sogenannter entarteter Kunst, etwa von Braque, Kandinsky, Klee, Matisse, Picasso. Die Nazis, so sprach er, „haben keine Ahnung, was Kunst ist, diese Scharlatane!“ Und: „Erzähl niemandem, was du heute gesehen hast. Erinnere dich nur an die Freiheit ihres Ausdrucks und die Qualität ihrer Ausführung.“

          Mit seinem blauen Pferd hat Eric Carle dieses Schweigen gebrochen und einen Schlüssel zu seinem Gesamtwerk offenbart.

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