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Ralph Dutli über Bienen : Die Welt als Honig und Vorstellung

Der Autor Ralph Dutli Bild: Hubert Spiegel

Vergil hielt die Bienen für die letzten Erben des Goldenen Zeitalters, in der „Ilias“ werden die Wunden der Krieger mit Honigpflastern geheilt. Das alles weiß der Lyriker, Essayist und Bienenliebhaber Ralph Dutli. Ein Frühlingsspaziergang, der viel zu früh endet.

          Der ideale Frühlingstag: Der Himmel ist blau, Vögel singen, Menschen liegen friedlich im Gras. Da naht sich das Urtier. Es kann fliegen, wir nicht. Es spricht, aber nur mit seinesgleichen. Es hat ein kleines Gehirn, aber einen großen Stachel und verfügt über verblüffende Fähigkeiten. Vor sechshundert Millionen Jahren dürften unsere letzten gemeinsamen Vorfahren gelebt haben, aber unsere Wege haben sich nie wirklich getrennt. Jetzt lässt sich die Biene auf unserem Handrücken nieder. Wie hübsch sie ist - und wie wenig wir von ihr wissen. Dann fliegt sie weiter. Wir interessieren sie nicht.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Umgekehrt ist das anders. Unsere Welt wäre sehr viel ärmer ohne die Biene. Sie ist ohne die Biene gar nicht zu denken. „Die Biene können wir nicht ersetzen“, sagt Ralph Dutli und gibt ein Beispiel: Seitdem durch den gedankenlosen Einsatz von Pestiziden in der chinesischen Provinz Sichuan alle Bienen vernichtet wurden, müssen in jedem Frühjahr Zehntausende von Bauern mitsamt ihren Familien die Blüten ihrer Fruchtbäume von Hand befruchten.

          Ein Geschenk an die Welt: Nonsensgedichte

          Eine mühsame Sache und ökonomisch nicht sehr sinnvoll. Eine Sommerbiene legt im Laufe ihres kurzen Lebens etwa achttausend Flugkilometer zurück. Ein ganzes Bienenvolk bestäubt etwa drei Millionen Blüten am Tag. Damit kann der Mensch nicht konkurrieren. Die Zeitschrift „Ecological Economic“ hat ausgerechnet, dass ein einjähriger Generalstreik aller Bienen weltweit Kosten in Höhe von 190 bis 310 Milliarden Euro verursachen würde.

          Ralph Dutli ist kein Zahlenmensch, sondern ein Mann des Wortes und der Poesie. Er ist Lyriker, Essayist, Romancier, Übersetzer und Herausgeber der zehnbändigen Ausgabe der Werke Ossip Mandelstams. Vor drei Jahren gab er der Welt eine Textgattung zurück, die so gründlich in Vergessenheit geraten war, dass selbst Kenner der Literaturgeschichte glaubten, bei den „Fatrasien“, Nonsensgedichten, die Dutli aus einer nordfranzösischen Handschrift des dreizehnten Jahrhunderts übersetzt hat, müsse es sich um Fälschungen handeln. Doch Dutli fälscht nicht, er schenkt Dingen Beachtung, an denen andere achtlos vorübergehen.

          Für jeden seiner beiden Söhne wollte er eine kleine Kulturgeschichte schreiben. „Liebe Olive“ für seinen Sohn Olivier erschien 2009. Im vergangenen Jahr folgte ebenfalls im Wallstein Verlag das Buch für Boris: „Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene“. Die Kombination ist kein Zufall. „Honig und Öl waren über Jahrtausende die wichtigsten Bestandteile menschlicher Ernährung“, sagt Dutli und zitiert Demokrit von Abdera: „innerlich Honig, äußerlich Öl“, so werde man alt. Der Philosoph starb mit neunzig im Jahr 370 vor Christus. „Eigentlich müssten sie uns jetzt um die Köpfe schwirren“, sagt Dutli und blickt skeptisch umher.

          Der Philosophenweg -  Der öffentliche Spazierweg führt durch den Kronberger Zoo und verbindet Kronberg mit Königstein

          Wir laufen den Philosophenweg in Heidelberg hinauf, vorbei an eher zaghaft blühenden Sträuchern und Blumen, aber Bienen sind nicht viele zu sehen: „Den meisten ist es heute wohl doch noch ein wenig zu kalt.“ Dabei können Bienen ihre Körpertemperatur erstaunlich gut regulieren. Durch schieres Muskelzittern erhöhen sie ihre Körpertemperatur bis auf 43 Grad, um die Brut im Bienenstock gegen Kälte zu schützen oder das Blut ihrer Feinde zum Kochen zu bringen.

          Die Heimsuchung der Hornissen

          Eine asiatische Bienenart wird regelmäßig von Hornissen heimgesucht, deren Panzer zu dick für den Stachel der Bienen ist. Deshalb wird der Eindringling sofort von unzähligen Bienen umringt, die sich muskelzitternd an ihn schmiegen. Sie kleben so dicht an der Hornisse, dass deren Körpertemperatur steigt, bis der Hitzetod eintritt.

          “Ja, es kann heftig zugehen bei den Bienchen“, sagt Dutli und beschreibt die letzten Minuten im Leben jener Drohnen, denen es gelingt, die Königin zu begatten: „Das passiert nicht im Bienenstock, sondern unter freiem Himmel, in einer Höhe von dreißig, vierzig Metern. Bei der Paarung platzt der Körper der Drohne auf, die Organe werden herausgerissen, die leere Hülle sinkt zu Boden.“

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