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Büchner-Preis an Rainald Goetz : Sinnliche Herzaktivität

Einen Einundsechzigjähriger, der die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung glücklich um Jahrzehnte verjüngt: Rainald Goetz Bild: Michael Kretzer

Davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstört: Rainald Goetz dankt mit einer fulminanten Rede für den Büchner-Preis. Und beendet sie mit einer Gesangseinlage.

          Furios, fiebrig, fahrig und hochkonzentriert zugleich, ein mit Gedanken, Gerede, Beobachtungen, Erkenntnissen, Lektüren, Ekel, Frohsinn, Zweifel, Liebe, Wut und Widersprüchen bis zum Zerbersten angefülltes Wortwiesel - so steht er da, dreiundzwanzig fesselnde Minuten lang: Rainald Goetz, Büchnerpreisträger des Jahres 2015. Er ist der Vierundsechzigste in einer Tradition, die 1951 mit Gottfried Benn begann und zu der es sich nun zu verhalten gilt. In Frankfurt, wo Goetz 1998 die Frankfurter Poetik-Dozentur hielt, war er da angelangt, wo 1968 der Widerstand begonnen hatte: im Hörsaal. Heute, siebzehn Jahre später, steht Rainald Goetz in Darmstadt dort, wo, wie er zu fürchten scheint, jeder Widerspruch schon allein aus Altersgründen mild und müde befriedet wird: vor der Akademie.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Sie will nun an ihm, mit ihm und durch ihn die Preisverleihung als jenen „prekären Akt gesellschaftlicher Selbstaffirmation“ vollziehen, der Goetz „vielleicht erträglich“ wird, weil dieser Akt im Namen eines jung verstorbenen Außenseiters geschieht: „Jeden Herbst neu kann man sich daran freuen, dass Georg Büchner ,Jugend‘ heißt und der Georg-Büchner-Preis im Widerspruch dazu ,Akademie‘.“ Goetz zappelt, zuckt, zitiert. Er krümmt sich wie einer, der niemals Haken werden will. Denn Abhaken heißt aufhören. „Das Problem ist immer, mit der Arbeit fertig zu werden, in dem Gedanken, nie und mit nichts fertig zu werden“: Thomas Bernhard, Büchnerpreisträger des Jahres 1970. Die Aufgabe kann deshalb nur heißen, immer wieder neu anzufangen. Der Neuanfang als unverbrüchliches Recht der Jugend, der auch die Destruktion als Modus der Weltaneignung erlaubt ist: „Davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstört“, zitiert Goetz die Band Fehlfarben. Wie kaum ein zweiter Autor der Gegenwart, so Jürgen Kaube, Mitherausgeber dieser Zeitung, in seiner Laudatio, sei Goetz geprägt vom Gestus des Neuanfangs, und als wollte der Preisträger seinen Laudator sogleich bestätigen, beginnt er so: „Lauf, komm mit, fang an, Jugend.“

          Selten gab es so viele Korrespondenzen zwischen Laudatio und Dankesrede. Mit Blumenberg definiert Kaube die Geschichte des Nachdenkens über Literatur als Auseinandersetzung mit dem platonischen Satz, dass die Dichter lügen, und das Werk des Preisträgers als dem Leben abgelauschte „Fiktionsfiktion“, die mit „Wirklichkeitseffekten“ arbeite. Bei allen Neuanfängen gebe es jedoch etwas, das nicht neu anfange, eine Art Kontinuitätsanker also, nämlich das Erzähler-Ich. „Was muss ich denken, um richtig zu verstehen, was ich fühle, wenn ich sehe, was passiert?“, fragt Goetz kurz darauf und nennt damit die Urfrage, mit der sich der teilnehmende Beobachter selbst auf den Zahn fühlt - solange er noch Zähne hat.

          Herzaktivität der literarischen Welterkenntnis

          Den „Verzehrungscharakter der Kunst“, den Gottfried Benn 1953 in seinem Essay „Altern als Problem für Künstler“ widerlegen wollte, beklagt Goetz mit Verweisen auf die Landschaften der Selbstzerstörung, auf die „gigantische Kaputtheit“, als die er die Gesichter von Michel Houellebecq und Fehlfarben-Sänger Peter Hein aufruft. Das Schreiben altere nicht gut, sagt Goetz, das Leben zerstöre die innere Stimme: „Nie war ich mir beim Schreiben so unsicher wie heute, das Ich ist aus mir ausgewandert.“ So versteht der Preisträger die Künstler, „kaputte Ich-Spezialisten wie man selbst“, als Spiegel, in denen die Gesellschaft wie im Bildnis des Dorian Grey ihr ungeschminktes Gesicht erkennen könnte, wenn sie denn wollte.

          Die Einsamkeit des Dichters, sein Stellvertretertum, seine Feindfreundschaft mit dem Journalismus, all das und vieles andere irrlichterte mal hell, mal dunkel flackernd durch diese Rede, die sich unmöglich auf einen Punkt bringen lässt. Höchstens auf diesen, von Goetz selbst formulierten: Was in der Schrift „flüstert und schweigt, ist die sinnliche Herzaktivität der literarischen Welterkenntnis“.

          Sanft gerüffelt und gründlich geschüttelt

          Entgegen allen Usancen der Akademie lag die Rede zur Preisverleihung nicht schriftlich vor. Niemand wusste, was Goetz sagen würde, niemand konnte mitlesen. Das war bei den anderen Rednern anders. Gleich zu Beginn der Veranstaltung distanzierte sich Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, von der Wortwahl des ersten Redners: Otto Köhler, der Laudator auf die abwesende Merck-Preisträgerin Gabriele Goettle, nutzte die Gelegenheit, um einige abgestandene altlinke Positionen aufzuwärmen, den „Endsieg“ über das ehemalige Jugoslawien, den „wieder offen ausgebrochenen Faschismus“ in Dresden und die Macht der Lobbyisten im Bundestag zu beklagen. Mit „Friede den Hütten - Krieg den Konzernen“ endete der doch recht behäbige Vortrag des Publizisten und ehemaligen „Konkret“-Redakteurs, dessen Skandalträchtigkeit die Akademie offenbar überschätzt hatte.

          In Gestalt von Peter Eisenberg, der von Manfred Bierwisch laudiert wurde, erhielt ein Sprachwissenschaftler den Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, der nicht nur erheblich dazu beigetragen hat, das Elend der Rechtschreibreform nachträglich so weit wie möglich einzudämmen, sondern auch souverän und prägnant die Macht und Eleganz der Prinzipien, auf denen Sprache beruht, zu deuten und darzustellen versteht. Eisenberg forderte Maßnahmen zur Stärkung des Deutschen als Wissenschaftssprache und wies Sprachhysteriker, die eine „Überfremdung“ der Sprache befürchten, mit einem einzigen Satz in die Schranken: „Zum Deutschen gehören alle seine Verwendungen.“

          Büchner war einer der ersten deutschen Dramatiker, der seine Figuren Mundart sprechen ließ. Rainald Goetz ist der erste Träger des Büchner-Preises, der seine Rede mit einer Gesangseinlage beendete. Nach größter Anspannung und Intensität seines Vortrags trällerte er heiter, gelöst und glücklich die Schlusszeilen eines Liedchens der Wiener Punkrock-Band Wanda: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“ Punk sei Dank: Die gute alte Akademie sieht sich sanft gerüffelt, gründlich geschüttelt und durch einen Einundsechzigjährigen glücklich um Jahrzehnte verjüngt.

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