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Büchner-Preis an Rainald Goetz : Sinnliche Herzaktivität

Herzaktivität der literarischen Welterkenntnis

Den „Verzehrungscharakter der Kunst“, den Gottfried Benn 1953 in seinem Essay „Altern als Problem für Künstler“ widerlegen wollte, beklagt Goetz mit Verweisen auf die Landschaften der Selbstzerstörung, auf die „gigantische Kaputtheit“, als die er die Gesichter von Michel Houellebecq und Fehlfarben-Sänger Peter Hein aufruft. Das Schreiben altere nicht gut, sagt Goetz, das Leben zerstöre die innere Stimme: „Nie war ich mir beim Schreiben so unsicher wie heute, das Ich ist aus mir ausgewandert.“ So versteht der Preisträger die Künstler, „kaputte Ich-Spezialisten wie man selbst“, als Spiegel, in denen die Gesellschaft wie im Bildnis des Dorian Grey ihr ungeschminktes Gesicht erkennen könnte, wenn sie denn wollte.

Die Einsamkeit des Dichters, sein Stellvertretertum, seine Feindfreundschaft mit dem Journalismus, all das und vieles andere irrlichterte mal hell, mal dunkel flackernd durch diese Rede, die sich unmöglich auf einen Punkt bringen lässt. Höchstens auf diesen, von Goetz selbst formulierten: Was in der Schrift „flüstert und schweigt, ist die sinnliche Herzaktivität der literarischen Welterkenntnis“.

Sanft gerüffelt und gründlich geschüttelt

Entgegen allen Usancen der Akademie lag die Rede zur Preisverleihung nicht schriftlich vor. Niemand wusste, was Goetz sagen würde, niemand konnte mitlesen. Das war bei den anderen Rednern anders. Gleich zu Beginn der Veranstaltung distanzierte sich Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, von der Wortwahl des ersten Redners: Otto Köhler, der Laudator auf die abwesende Merck-Preisträgerin Gabriele Goettle, nutzte die Gelegenheit, um einige abgestandene altlinke Positionen aufzuwärmen, den „Endsieg“ über das ehemalige Jugoslawien, den „wieder offen ausgebrochenen Faschismus“ in Dresden und die Macht der Lobbyisten im Bundestag zu beklagen. Mit „Friede den Hütten - Krieg den Konzernen“ endete der doch recht behäbige Vortrag des Publizisten und ehemaligen „Konkret“-Redakteurs, dessen Skandalträchtigkeit die Akademie offenbar überschätzt hatte.

In Gestalt von Peter Eisenberg, der von Manfred Bierwisch laudiert wurde, erhielt ein Sprachwissenschaftler den Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, der nicht nur erheblich dazu beigetragen hat, das Elend der Rechtschreibreform nachträglich so weit wie möglich einzudämmen, sondern auch souverän und prägnant die Macht und Eleganz der Prinzipien, auf denen Sprache beruht, zu deuten und darzustellen versteht. Eisenberg forderte Maßnahmen zur Stärkung des Deutschen als Wissenschaftssprache und wies Sprachhysteriker, die eine „Überfremdung“ der Sprache befürchten, mit einem einzigen Satz in die Schranken: „Zum Deutschen gehören alle seine Verwendungen.“

Büchner war einer der ersten deutschen Dramatiker, der seine Figuren Mundart sprechen ließ. Rainald Goetz ist der erste Träger des Büchner-Preises, der seine Rede mit einer Gesangseinlage beendete. Nach größter Anspannung und Intensität seines Vortrags trällerte er heiter, gelöst und glücklich die Schlusszeilen eines Liedchens der Wiener Punkrock-Band Wanda: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“ Punk sei Dank: Die gute alte Akademie sieht sich sanft gerüffelt, gründlich geschüttelt und durch einen Einundsechzigjährigen glücklich um Jahrzehnte verjüngt.

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