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Büchner-Preis : Er sucht das Risiko

Seine Poetik ist von verstörender Intensität: Rainald Goetz, der neue Büchner-Preisträger. Bild: Daniel Pilar

Die Jury konnte keinen Besseren auswählen: Dass der Berliner Schriftsteller Rainald Goetz den Büchner-Preis erhält, war überfällig. Er vereint das Schreiben mit dem Leben wie kaum ein Zweiter.

          Es ist eine spektakuläre und überfällige Entscheidung, den Berliner Schriftsteller Rainald Goetz mit dem Georg-Büchner-Preis 2015 auszuzeichnen. Damit würdigt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den promovierten Mediziner und Historiker als einen der großen Autoren der deutschsprachigen Gegenwart, dem die bedeutendsten Auszeichnungen dieses Landes bislang verwehrt geblieben sind.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der 1954 in München geborene Schriftsteller, der zuletzt den Roman „Johann Holtrop“ veröffentlichte, den manche als Psychogramm über Aufstieg und Fall des deutschen Managers Thomas Middelhoff lasen, arbeitete zunächst als Arzt in der Psychiatrie, ehe er mit Anfang dreißig Zugang zum Schreiben fand. Das Verständnis von Literatur des Einundsechzigjährigen unterscheidet sich dabei fundamental von anderen.

          Virtuose der Aufmerksamkeit

          Goetz, in der Systemtheorie geschult, sucht in seinen um Gegenwärtigkeit ringenden Texten stets das Risiko, seine Poetik ist von verstörender Intensität. Weil er die Bruchlinien zwischen Erfahrung und Text immer offenlegt und die Texte die Reflexion über die Rolle von Beobachter und Beobachtetem mitschreiben. Als hypernervöser Aufmerksamkeitsvirtuose operiert Rainald Goetz auf dem Feld zwischen Authentizität und Fiktion. Er glaubt „an die Form der konstruierten Authentizität“, wie er sagt, freilich immer in dem Bewusstsein, dass es „in Texten eine wirklich wahre unmittelbare Authentizität nicht geben kann“.

          Dass er sich während des Bachmann-Wettbewerbs 1983 in Klagenfurt vor laufender Kamera mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte, ist zum Topos geworden dafür, wie das Literarische selbst das Körperliche eines Autors einschließt. Es sind diese Formulierungsausweitungsprozesse, die Rainald Goetz interessieren, weshalb er sich als einer der ersten mit der Digitalisierung auseinandersetzte, unter anderem mit seinem Internettagebuch „Abfall für alle“, das später auch als Buch veröffentlicht wurde und als einer der ersten Blogs gilt.

          König der Popliteratur

          In seinem Romandebüt „Irre“ setzte Goetz sich 1983 mit der Psychiatrie auseinander, 1988 in „Kontrolliert“ mit dem Deutschen Herbst 1977. In „Rave“ taucht er in die von Drogen, Sex und Ekstase aufgeheizte Technoszene ein, und die Medienwelt, darunter auch diese Zeitung, fand Eingang in seiner Veröffentlichung „loslabern“. Mit Thomas Meinecke und Andreas Neumeister bildete er das Triumvirat der frühen Pop-Literatur. Mit seiner kalkuliert-leidenschaftlichen Mitschrift des Wirtschaftslebens, die Rainald Goetz in seinem „Johann Holtrop“ 2012 unternahm, befasste sich erst unlängst in dieser Zeitung der Unternehmer und Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler.

          Beim Bachmann-Wettbewerb 1983 in Klagenfurt ritzte er sich vor laufender Kamera mit einer Rasierklinge die Stirn auf:Rainald Goetz.

          Der mit 50.000 Euro dotierte Büchner-Preis gilt als die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Mit einzigartiger Intensität habe sich Goetz zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht, begründete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihre Wahl: „Rainald Goetz hat die deutsche Gegenwart der letzten dreißig Jahre beschrieben, er hat sie gefeiert und verdammt und immer wieder auch mit den Mitteln der Theorie analysiert“, befand die Jury. Dabei habe er neue Formen und Medien erprobt: Erzählung, Roman, Drama, Blog und Text-Bild-Collage. Seine Sprache zeichne sich durch „eine Balance von leidenschaftlicher Expressivität, beobachtender Kühle und satirischer Deutlichkeit“ aus. Der Preis wird am 31. Oktober in Darmstadt verliehen.

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