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Rachel Kushner im Gespräch : Die Brutalität der nahen Zukunft

Die amerikanische Schriftstellerin Rachel Kushner Bild: Chloe Aftel

Ihr neues Buch soll nicht als Botschaft verstanden werden: Die amerikanische Schriftstellerin Rachel Kushner im Gespräch über Frauengefängnisse, Zeitgenossenschaft und die großen Unterschiede zwischen Arm und Reich.

          Rachel Kushner ist auf Lesereise, am Abend wird sie im Kölner Literaturhaus ihr neues Buch vorstellen. „Ich bin ein Schicksal“, das im Original „The Mars Room“ heißt, erzählt von Romy, einer jungen Frau, die zu zweifach lebenslanger Haft verurteilt ist. Der Roman schildert den Gefängnisalltag, aber auch Romys Jugend in San Francisco und ihre Arbeit im „Mars Room“, einem Nachtclub. Hier lernt sie Kurt Kennedy kennen, ihren Stalker, den sie später umbringen wird. Obwohl Rachel Kushner immer wieder auf ihre Arbeit in Gefängnissen hinweist und auf ihr Engagement für Gefangene, möchte sie ihr Buch nicht als Botschaft verstanden wissen.

          Wie kamen Sie auf die Idee, über ein Frauengefängnis zu schreiben?

          Ich habe nicht den Eindruck, dass ich über ein Frauengefängnis geschrieben habe. Es stimmt, dass die Erzählerin am Anfang des Romans ins Gefängnis kommt. Aber große Teile des Buchs beschreiben ihre Jugend und die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass sie im Gefängnis sitzt.

          Trotzdem beginnt man beim Lesen automatisch, über den Schauplatz nachzudenken.

          Die Frage suggeriert, dass ich ein Buch über Frauengefängnisse geschrieben habe. Aber es ist komplizierter. Ich wollte einen zeitgenössischen Roman schreiben. Und dazu reicht es nicht, zu beschreiben, was man um sich herum sieht: Leute, die mit ihren Smartphones telefonieren oder sich ein Uber bestellen. Man muss das Setting genauso formen, wie man das bei einem historischen Schauplatz tun würde. Menschen werden von ihren historischen Umständen geprägt. Uns selbst so zu sehen, ist schwieriger. Aber als Schriftstellerin muss ich es trotzdem versuchen. Ich wohne in Los Angeles, in der Nähe des Strafgerichts. Man kann alle Strukturen, die unsere Realität prägen, dort beobachten. Das Gleiche gilt für Kalifornien. Kalifornien ist eine enorme Wirtschaftsmacht und hat trotzdem die höchste Armutsrate in den Vereinigten Staaten. Das Nebeneinander von Arm und Reich; die riesigen Summen, die in Gefängnisse fließen; die Menschen, die ich kenne, die ins Gefängnis gekommen sind: All das sind Gründe, warum mein Wunsch, einen zeitgenössischen Roman zu schreiben, zu diesem Buch geführt hat.

          Der Roman spielt in Kalifornien ...

          Die Geschichte derjenigen, die mit der Justiz in Berührung kommen, die in Gefängnissen arbeiten, die auf der Autobahn fahren und in der Ferne diese Flutlichter sehen und nicht wissen, dass es ein Gefängnis ist; die Geschichte der Menschen, die wissen, dass das ein Gefängnis ist: All das gehört zu Kaliforniens Geschichte. In meinen Augen ist es ein Mikrokosmos der Bourgeoisie und unserer heutigen Welt. Die Brutalität unserer nahen Zukunft lässt sich hier bereits erahnen. Der andere Grund, den Roman zu schreiben, war, dass mich der Gedanke an Gefängnisse seit jeher verfolgt. Ich will damit nicht sagen, dass ich eine Idee hätte, wie die Dinge anders laufen sollen. Das ist kein Buch über Ungerechtigkeit. Aber ich denke es ist wichtig, die Mechanismen hinter all dem zu verstehen. Romy, die Protagonistin, kommt aus meinem Viertel. Ihre Freunde sind meine Freunde.

          Wie war es, in dieser Nachbarschaft aufzuwachsen, mit Menschen, die ins Gefängnis kamen?

          Hätte ich eine Antwort darauf, hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht geschrieben. Es ist eine Abrechnung mit diesen riesigen Unterschieden in der Gesellschaft. Im Englischen wollte ich das Buch zuerst auch „Ich bin ein Schicksal“ nennen. Das ist ein Zitat von Nietzsche und wurde dann der deutsche Titel. Ich finde, „Schicksal“ ist ein bemerkenswertes Konzept. Das Schicksal einer Person ist vorherbestimmt, man kann nicht viel dagegen tun. Mir war schon sehr früh klar, dass das Leben der Menschen um mich herum anders verlaufen würde als meins, aber warum das so ist, werde ich vielleicht nie verstehen. Ich würde nicht sagen, dass ich mich schuldig fühle, aber ich grübele ständig darüber nach. Trotzdem bin ich sehr vorsichtig damit, meine Biographie mit dem Roman in Verbindung zu bringen.

          Romy, die Protagonistin Ihres Romans, spricht viel über ihr Viertel, den Sunset District, in San Francisco. Reiche Zugezogene machen es inzwischen zu einem anderen Ort. Ist die Gruppe von Leuten, die davon betroffen ist, auch die Gruppe, die häufig ins Gefängnis kommt?

          Ja, da mag es eine Verbindung geben. Aber das ist kein Roman über Gentrifizierung. Wenn Menschen von San Francisco reden, reden sie immer von Gentrifizierung, deshalb reagiere ich etwas allergisch auf diesen Begriff. Dieses Buch zu schreiben, war eine Möglichkeit, von echten Menschen zu erzählen. Ihnen eine Geschichte zu geben. Sie selbst können das nicht tun, viele von ihnen leben nicht mehr. Die meisten Menschen, die im Sunset gewohnt haben, sind verschwunden. Auch, weil die damaligen Bewohner sich ihre Häuser schon längst nicht mehr leisten können.

          Gordon, der Gefängnislehrer, sagt, er sei ein „armer“ Student gewesen. Gibt es unterschiedliche Arten, arm zu sein?

          Gordon macht sich über seine Mitstudenten lustig, die behaupten, arm zu sein, aber eigentlich aus einem gebildeten Elternhaus kommen. Bildung macht einen riesigen Unterschied. Arm, aber gebildet, das ist mein familiärer Hintergrund. Wenn man gebildet ist, hat man enorme Vorteile. Es ist völlig egal, ob man billigen Käse gegessen oder Schuhe aus dem Second-Hand-Laden getragen hat. Das hat keine Auswirkungen auf deine Zukunft. Was Auswirkung auf deine Zukunft hat, ist die Tatsache, ob dir gesagt wird, dass du berechtigt bist, Teil der Mittelschicht zu werden.

          Sie schreiben viel über Gender und Homosexualität im Gefängnis.

          Rachel Kushner: „Ich bin ein Schicksal“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 400 Seiten, 24 Euro

          Die Tatsache, dass Menschen gemäß dieser Normen auf Gefängnisse aufgeteilt werden, zeigt, dass dieses System nicht funktioniert. Denn dann braucht man eine klare Definition. Und dafür schaut man sich die Geschlechtsteile an. Wenn man eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat, kann man reklassifiziert werden und von einem Männer- in ein Frauengefängnis kommen. Für viele Leute in Kalifornien ist das nicht so gut gelaufen. Es gab eine Frau, die unglaublich feindselig behandelt wurde, als sie von einem Männer- in ein Frauengefängnis kam. Ein Teil des Romans basiert auf dieser Geschichte. Ich möchte damit nicht zeigen, wie grausam diese Frauen sind. Sondern wie unmöglich das ganze System ist. Serenity, die Figur aus meinem Buch, hat keinen Ort, an dem sie sicher ist. Was die Gender-Dynamiken angeht: So sind Gefängnisse eben. Ich glaube, dass Frauen an einem Ort, an dem es keine biologischen Männer gibt, schon immer sehr ausdrucksstarke Positionen eingenommen haben, die die ganze Breite des Gender-Spektrums abdecken.

          Sie haben aus „Ich bin ein Schicksal“ auch im Gefängnis vorgelesen.

          In sehr vielen Gefängnissen.

          Wie war die Reaktion?

          Viele Leute im Gefängnis haben den Roman gelesen. Ich hatte nur eine Lesung in einem kalifornischen Gefängnis, weil der Roman danach dort verboten wurde. Das war einer der aufregendsten Abende, die ich je erlebt habe. Zu sehen, wie die Frauen darauf reagieren. Am Anfang waren sie sehr skeptisch, haben mich mit verschränkten Armen angeschaut. Ich musste also einen Weg finden, sie irgendwie auf meine Seite zu kriegen. Also habe ich ihnen den Teil des Buches vorgelesen, von dem ich dachte, dass er ihnen gefallen könnte. Die Geschichte von Kurt Kennedy, Romys Stalker. Und dann haben wir angefangen zu diskutieren. Ich will Menschen, die im Gefängnis sind, nicht idealisieren. Aber ihre Fähigkeit, andere Leute einzuschätzen, ist enorm. Viel besser als die der meisten anderen. Sie leben in einem Umfeld ohne Privatsphäre, alles, was man hat, um sich eine Identität zu geben, wurde ihnen genommen. Also haben sie nur ihren Witz und ihre Persönlichkeit.

          Ich dachte mir, dass die Reaktion sehr positiv ausgefallen sein könnte. Oder dass Leute vielleicht sagen: Jemand von außen, der niemals im Gefängnis war, schreibt über uns.

          Wer sagt das?

          Das war meine Frage, ob es diese Reaktion gab.

          Diese Reaktion gab es nie. Ich habe Freunde, die im Gefängnis sind oder waren. Ich habe ihnen das Manuskript gegeben, und es hat ihnen allen gefallen. Natürlich sind das auch meine Freunde. Aber ich mache sehr viel Freiwilligenarbeit im Gefängnis, und die Leute sagen eher: Du denkst, unser Leben ist es wert, Literatur zu werden? Denn die Gesellschaft legt nahe, dass das nicht so ist. Ich glaube, der Gedanke, dass alle Menschen in der Literatur repräsentiert werden sollten, erscheint vielen aus der Mittelschicht noch immer sehr radikal.

          Das kann sein. Trotzdem könnte man sich doch vorstellen, dass Leute sagen: Hier will jemand für uns sprechen.

          Diese Art von Unterhaltung gibt es vielleicht in einem Literaturseminar in Cambridge. Ich spreche für niemanden. Ich habe einen Roman geschrieben, alle Figuren sind erfunden.

          Sie sagen, dass Sie einen zeitgenössischen Roman schreiben wollten. Gab es einen Grund, ihn ausgerechnet 2003, zur Zeit des Irakkriegs, beginnen zu lassen?

          Für mich beginnt unsere Gegenwart in den achtziger Jahren mit dem Finanzmarkt-Kapitalismus. Die ganze Welt dreht sich inzwischen um Finanzkapital. In den Vereinigten Staaten, besonders an der Westküste, arbeiten die Leute nicht mehr in Fabriken, sondern in Auslieferungszentren. Diese großen Unterschiede zwischen Arm und Reich, die Fähigkeit der Mittelschicht, sich zu reproduzieren, und die Tatsache, dass die Armen arm bleiben – all das hat in den Achtzigern begonnen. Ob der Roman nun heute oder 1998 spielt, ist eigentlich egal.

          Aber warum ausgerechnet 2003? Und nicht 2013?

          Teilweise deshalb, weil ich immer noch wütend wegen des Irakkriegs bin. Dieses wahnsinnig effektive Narrativ. Also dachte ich mir: Warum nehme ich das nicht mit ins Buch? Auch, weil es dieses Narrativ für die Menschen im Gefängnis nicht gab. Sie dürfen keine Nachrichten schauen, weil man glaubt, das sei gefährlich. Ein weiterer Grund ist, dass diese riesige Inhaftierungswelle auch in den Achtzigern anfing. Und ihren Höhepunkt zwischen 1998 und 2003 erreichte.

          Sie haben kürzlich in der „New York Times“ ein Porträt von Ruth Wilson Gilmore veröffentlicht, die für die Abschaffung oder zumindest starke Reform von Gefängnissen kämpft. Glauben Sie, dass dieses Konzept funktionieren könnte?

          Was genau meinen Sie mit „funktionieren“? Wenn die Frage lautet: Würde es in unserer Gesellschaft funktionieren, nein. Nur Dummköpfe würden das behaupten. Ob ich glaube, dass wir über eine Gesellschaft nachdenken sollten, in der das funktionieren würde: Auf jeden Fall. Aber ehrlich gesagt, würde ich lieber über Kunst und Fiktion sprechen. Ich bin Schriftstellerin, und ich habe einen Roman geschrieben. Das Thema Gefängnis scheint vielen Leuten so fern zu sein, dass sie nur darüber reden wollen. Aber niemand würde auf die Idee kommen, mit Cormac McCarthy über Pferde zu sprechen.

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