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Quentin Tarantinos Buch : Der Mann, der zu viel weiß

Charles Manson wurde 1969 vor Gericht gebracht.
Charles Manson wurde 1969 vor Gericht gebracht. : Bild: AP

Die Überarbeitungen und Umbauten haben aber auch einige Überraschungen produziert, die nicht wirklich gut funktionieren. Tarantino hat vor allem die Rolle von Charles Manson und dessen Family deutlich reduziert.

Manson wird im Roman weniger als Psychopath denn als mäßig begabter Musiker geschildert, der sich für ein verkanntes Genie hält und, wie es einmal heißt, „diesen ganzen Blödsinn“, den er seinen Anhängern predigt, für einen Plattenvertrag sofort aufgeben würde.

Zwar hat Pussycat (gespielt von Andie MacDowells Tochter Margaret Qualley) noch ihre Rolle als Anhalterin, die von Cliff zur Spahn Movie Ranch mitgenommen wird, wo die Family haust.

Doch die großartige Szene, in der die Family im Film wie die Zombies aus George Romeros „Night of the Living Dead“ Cliff umringt, bis er mit einem Wagenheber den Spuk auflöst - die hat Tarantino ersatzlos gestrichen.

Massive Eingriffe, ersatzlose Streichungen

Der heftigste Eingriff jedoch ist der neue Schluss. Das blutige Finale des Films mit Flammenwerfer, Pitbull und viel Blut wird nach etwas mehr als hundert Seiten in einer Vorblende auf Ricks künftige Karriere völlig beiläufig in einem Absatz abgehandelt.

Sein Einsatz habe ihn zu einem „Volkshelden von Nixons ‚schweigender Mehrheit‘“ gemacht und seiner kriselnden Karriere genützt. Dass es sich bei den Eindringlingen in das Haus am Cielo Drive, das neben dem von Sharon Tate und Roman Polanski liegt, um Mitglieder der Manson Family handelt, wird gar nicht erwähnt. Da sind nur noch „drei Hippies“ - und dreihundert Seiten später ein mildes Ende.

Warum Tarantino sich dazu entschlossen hat, darüber muss man nicht spekulieren. Man wird deswegen nicht behaupten, er sei friedfertig und sanft geworden. Es scheint so, als habe sich die ganze Gewalttätigkeit in der Figur von Cliff konzentriert.

Die dunklen Seiten der ausgehenden Sixties, die Erschütterungen, wie sie die Schriftstellerin Joan Didion und andere nach den Tate-Morden spürten, hat Tarantino noch stärker als im Film verdrängt. Immerhin liest man, Dalton sei ein „Eisenhower-Schauspieler in einem Dennis-Hopper-Hollywood“, aber weder „Easy Rider“ noch die Musik etwa der Doors passen zu jenem beinahe idyllischen Bild mit poppigen Farben, Bubblegum-Musik und der guten alten Cowboyserienzeit.

In der Ruhmeshalle der Trinker

Tarantino hält fest an diesem Bild, weil es für ihn eine Zeit der Unschuld spiegelt, ein Stück der eigenen Kindheit ist. Von dem, was außerhalb dieses Kosmos liegt, will auch der Roman nichts wissen.

Er schickt Rick und Cliff lieber in eine „Drinker’s Hall of Fame“, die so liebevoll ausgestattet wirkt wie das „Jack Rabbit Slim’s“ in „Pulp Fiction“, und lässt Rick die alten Geschichten erzählen, die Cliff längst auswendig kennt.

Das alles heißt nun nicht, es sei kein Vergnügen, dieses Buch zu lesen, in dem auch reichlich Vorlieben, Abneigungen und Idiosynkrasien gegenüber allen möglichen Filmen und Regisseuren geäußert werden; zwar geschickt verteilt auf mehrere Charaktere - wobei Cliff als Kurosawa-Fan und als Kenner des europäischen Kinos jener Jahre überrascht -, aber natürlich entsprechen sie ausnahmslos Tarantinos Geschmack.

Diese Exkurse sind originell, klug, überraschend und mäandern oft über Seiten, bis man gar nicht mehr weiß, wer hier eigentlich spricht.

Nur leider bleibt all das hinter dem zurück, was man auf der Leinwand gesehen hat. Der Versuch, ein gering geschätztes Subgenre wie die „Novelization“ zu rehabilitieren, ist ehrenwert - und nicht sehr aussichtsreich. Man möchte nach der Lektüre vor allem eines: einen Tarantino-Film sehen.

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