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Drei Frauen ausgezeichnet : Natascha Wodin erhält den Preis der Leipziger Buchmesse

Die Autorin Natascha Wodin. Bild: dpa

Natascha Wodin war die große Favoritin im Rennen um die Auszeichnung im Bereich der Belletristik – und hat verdient gewonnen. Doch die Konkurrenz war stark.

          Auch in diesem Jahr füllte sich am Messedonnerstag pünktlich um vier die weitläufige Glashalle: Der Literaturbetrieb, außerdem Presse, Fernsehen und als Mangas verkleidete Schüler waren gekommen, um der Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse live beizuwohnen. Und auch, dass die  Juryvorsitzende eine Ansprache hielt, sieht das Ritual vor, was Christina Maidt-Zinke veranlasste, über das transfaktische Wesen der Literatur nachzudenken, die nicht aufkläre, indem sie Fakten darlege, sondern weil sie unsere Wahrnehmung schärfe, Vergangenheit neu beleuchte, Zukünftiges imaginiere.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zukünftiges wollten jetzt aber vor allem die Nominierten imaginieren, die mehr oder weniger unruhig im Publikum saßen und darauf warteten, ob ihre Namen genannt würden oder nicht. Überraschungen sind nicht zu vermelden, ausgezeichnet wurden die Werke, die von den Leipziger Buchmachern in den letzten Tagen hoch gehandelt wurden: Dass allerdings gleich drei Frauen auf einen Schlag ausgezeichnet wurden, ist ein Novum. 

          Natascha Wodin war die große Favoritin im Rennen um die Auszeichnung in der Belletristik, die den Preis verdient gewonnen hat. In Ihrer autobiographischen Erkundung „Sie kam aus Mariupol“ begibt sich die 1945 in Fürth geborene Autorin auf die Spurensuche ihrer Mutter, die sich, als Wodin zehn Jahre alt war, das Leben nahm. Fast nichts wusste Wodin über sie, die, in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol geboren, während ihres Lebens in die Fänge gleich zweier Diktaturen geriet. Durch einen Zufallsfund im Internet, der zu ihrer Mutter führt, öffnet sich Jahrzehnte nach deren Tod die black box ihres Lebens, schreibt Wodin. Für die langjährige Gefährtin des verstorbenen Autors Wolfgang Hilbig eröffnete sich buchstäblich eine neue Welt, als sie die Familiengeschichte ihrer Mutter kennenlernt, die als junge Frau zuerst den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror erlebt, 1944 dann von den Nationalsozialisten als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt wird. Das Sujet, der osteuropäische Albtraum des zwanzigsten Jahrhunderts, passte einfach zu gut ins Beuteschema der Leipziger Juroren: „Das Bewegende kommt aus der Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen“, urteilten sie.

          Wodin setzte sich damit gegen zwei starke Konkurrenten durch. Auch Lukas Bärfuss hatte sich mit seinem Roman „Hagard“ Chancen ausrechnen können. Der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker, der in seiner Prosa immer wieder die Grenzen zwischen dem Wirklichen und dem möglichen Anderen auslotet, erzählt in seinem neuen Roman aufs Neue von einem Mann im Ausnahmezustand, der  innerhalb von 38 Stunden der Welt und sich selbst verloren geht. Aber auch die große Brigitte Kronauer, die krankheitsbedingt nicht zur Preisverleihung anreisen konnte, war für ihren Roman „Der Scheik von Aachen“ zurecht nominiert. Das in Aachen und der Eifel angesiedelte Spätwerk der 1940 in Essen geborenen Autorin über Liebe, Verlust und Heimatgefühl, zündet ein semantisches Feuerwerk und offenbart einen der originellsten Blicke in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf die Welt.

          Im Sachbuch/Essayistik wurde Barbara Stollberg-Rillinger für ihre monumentale Biographie „Die Kaiserin in ihrer Zeit“ über Maria Theresia ausgezeichnet. Die Historikerin setzte sich damit gegen Volker Weiß` Analyse rechtspopulistischer Phänomene von Pegida bis AfD, „Die autoritäre Revolte“, Jörg Späters Siegfried-Kracauer-Biographie oder Leonhard Horowskis tausendseitiger Erkundung des Ancien régime durch. „Bahnbrechend“ bezeichnete die Jury die Erkundung von Leben und Arbeit dieser großen Herrscherin des achtzehnten Jahrhunderts. Stollberg-Rillinger  suche dabei nicht den Generalschlüssel zur Person, sondern erkunde statt dessen die Inszenierung der Habsburgerin als ernstes Spiel mit vielen verschiedenen Rollen. Diese Biographie ist ein Meisterinnenwerk, so die Jury.

          Der Preis in der Kategorie Übersetzung geht an Eva Lüdi-Kong für Ihre meisterliche Übertragung eines der bedeutendsten Werke der chinesischen Literatur, „Die Reise in den Westen“, das jetzt erstmals auch auf Deutsch zu lesen ist. Bis heute ist nicht bekannt, wann es entstand und wer der Verfasser des Epos ist, die Fassung, die Eva Lüdi-Kong bearbeitete, stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die Schweizerin Sinologin, die 25 Jahre in China gelebt hat, habe einen Abgrund der Zeiten und Denkweisen überbrückt und uns den Kosmos der chinesischen Kultur zugänglich gemacht, hob die Jury hervor. Die Preise der Leipziger Buchmesse sind mit insgesamt 60.000 Euro dotiert.

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