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László Krasznahorkai : Vorsicht, ich bin gefährlich leise

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Schriftsteller László Krasznahorkai in seinem Garten Bild: Picture-Alliance

Johann Sebastian Bach verhindert, dass er heute zu melancholisch ist: Eine Begegnung mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai.

          7 Min.

          Ein Impresario, der sein Tanzorchester mit einer unheilverheißenden Warnung auf die Musik einstimmt. „Ram, pam, pam, pam“: Der Impresario isst vergnügt einen Apfel, während er den „Herren Musici“ seine unbarmherzige Herrschaft androht. Ein Professor, der sich im verwilderten, von Schrott und Unrat befallenen Ödland am Rande einer ungarischen Provinzstadt in einer Hütte verschanzt. „Hmmm, rarira, ri, rom, ram“: Der Professor greift nach dem Gewehr, um seine vor der Hütte lauernde Tochter zu vertreiben. Der verarmte, skandalumwitterte Baron, der nach beinahe sechsundvierzig Jahren aus Argentinien in seine Heimat zurückkehrt, um dort mit der Liebe seines Lebens vielleicht ein letztes Mal am Ufer der Körös unter den Trauerweiden entlangzuspazieren und dann zu sterben.

          „Parira, rirarom“, wie es auf der anstelle eines Inhaltsverzeichnisses veröffentlichten „Tanzkarte“ des neuen Romans von László Krasznahorkai heißt: Der von den Klatschblättern angekündigte Baron Wenckheim steigt nach langer Zugfahrt durch die ungarische Tiefebene, die novemberkarge Märchenlandschaft seiner Kindheit, in seiner Geburtsstadt aus dem Zug.

          Er ist ein spindeldürrer, hochgeschossener Greis, „so zwischen achtzig und dem Tod“, wie einer seiner Mitreisenden glaubt. Er ist der „Kartenbaron“, der in den Casinos „ein kleines Reich verspielt hat“, wie man aus der Presse weiß. Ein mittelloser „Feld-, Wald-, Wiesenadeliger“, der auf Durchreise in Wien noch schnell sein gelbes Hemd und die gelbe Hose abgelegt hat und von seiner beschämten, auf Takt und Ansehen bedachten Familie neu eingekleidet wurde. Ein melancholischer Clown, der nichts mit seinem Namensvetter, dem angesehenen, 1879 in Budapest verstorbenen Politiker Béla Wenckheim zu tun zu haben scheint.

          Kakophonie der ungarischen Gegenwart

          „Ram, pam, pam, pam“: der unter wehenden Nationalfahnen vorgetragene Singsang des folkloristischen Frauenchors. „Hmmm, rarira, ri, rom, ram“: das dröhnende Hupkonzert der vielleicht fünfzigköpfigen Motorradbande, tätowierte Hooligans in Ledermontur und Stahlhelmen, eine von der Polizei geduldete Ortswache, die ihre Heimatstadt als heiliges Zentrum verehrt und bereits eine erbarmungslose Hetzjagd auf den in Ungnade gefallenen und schließlich aus seiner Hütte im gesetzlosen Niemandsland entkommenen Professor macht. „Parira, rirarom“: die Kakophonie von Chaos und Gewalt; betörende Musik einer sich anbahnenden Katastrophe; der unbändige, sich allmählich entfesselnde Schicksalstanz ins lodernde Feuer eines apokalyptischen Weltenbrandes, der schonungslos zerstört, was bereits unrettbar verloren ist.

          In dem Roman „Baron Wenckheims Rückkehr“, der in wenigen Woche bei S. Fischer auf Deutsch erscheint, stößt der im Januar 1954 als Sohn eines Anwalts geborene Krasznahorkai seine Figuren aufs Parkett der ungarischen Gegenwart und spielt ein überraschendes Dakapo jenes infernalischen Satanstangos, dessen literarischer Impresario er seit Veröffentlichung seines gleichnamigen Debütromans (1985) ist. Im Anschluss an seine in Kneipen und Nachtzügen verbrachten Wanderjahre hatte Krasznahorkai Jura in Szeged und Hungaristik in Budapest studiert und konnte 1987 mit einem DAAD-Stipendium des Berliner Künstlerprogramms erstmals in den Westen reisen.

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