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Polen nimmt Abschied : Gelebte Grassomania

  • -Aktualisiert am

Gegenseitige Zuneigung: Günter Grass in Danzig. Bild: dpa

Selbstironie als Waffe: Auch Polen trauert um Günter Grass, allen voran seine Geburtsstadt Danzig.

          3 Min.

          „Er war ein Danziger, und niemand konnte ebenso schön, mit solcher Ehrlichkeit und solchem Lyrismus, über diese Stadt der deutschen und polnischen Schicksale schreiben“: die Worte von Adam Michnik, Chefredakteur der „Gazeta Wyborcza“, geben den Tenor der polnischen Reaktionen auf den Tod von Günter Grass am treffendsten wider. Natürlich werden auch sein gesamtes literarisches Werk und seine Verdienste um die deutsch-polnischen Beziehungen gewürdigt, doch seine Verbundenheit mit Danzig nimmt einen zentralen Platz ein.

          So wird er auch in Danzig ganz besonders betrauert. Er kam regelmäßig hierher, hatte eine eigene Galerie, seit 1993 war er Ehrenbürger der Stadt. Zwar hatte er mit seinem späten Geständnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein, gerade hier für einen solchen Sturm der Entrüstung gesorgt, dass ihm Teile der Danziger Prominenz, darunter der frühere Präsident Lech Wałęsa, den Ehrenbürgertitel aberkennen wollten und die Bürger nach Gesten der Buße und Bitten um Verzeihung verlangten. Doch als er ein Jahr später wiederkam, um mit den Danzigern seinen achtzigsten Geburtstag zu feiern, schienen beide Seiten die Auseinandersetzung vergessen zu haben. Er wollte sich offenbar lieber an die schmeichelhaften Stimmen der polnischen Intellektuellen erinnern, und seine Danziger Gastgeber richteten ihm eine dreitägige Geburtstagsfeier aus, von der man noch heute spricht.

          Ein bescheidener, stets rauchender Mann

          Das letzte Mal besuchte er Danzig im letzten Oktober, um an dem Festival „Grassomania“ teilzunehmen und die für den Eingang der Galerie geschaffene Skulptur „Der gefangene Butt“ zu präsentieren. Nun geht jeder an ihr vorbei, der sich in das in der Galerie ausliegende Kondolenzbuch eintragen möchte. Als Erster tat es Danzigs Bürgermeister, Pawel Adamowicz. „Es ist gewiss das Ende einer bestimmten Epoche“, schrieb er unter anderem. „Was bleibt, sind seine Skulpturen, Bilder und literarischen Werke, aber auch die Erinnerung an einen bescheidenen, stets rauchenden Mann, der ein großer Danziger war.“

          Wie jedes Mal, wenn Grass die polnischen Medien beschäftigte, haben auch diesmal die Stimmen der beiden Danziger Schriftsteller Stefan Chwin und Pawel Huelle besonderes Gewicht. So hat Chwin, dessen Roman „Tod in Danzig“ auch bei Grass große Anerkennung fand, den Verstorbenen als einzigartigen Chronisten seiner Heimatstadt gewürdigt. „Er war der Schriftsteller einer Stadt, in der deutsche und polnische Traditionen bestanden und einander nahe waren“, sagte Chwin am Montag. „Mein Eindruck ist, dass das große Werk von Grass der Mythos der freien Stadt Danzig ist.“ Sein Tod sei ein Verlust für die deutsche und die Weltliteratur, aber auch für alle Einwohner Danzigs. Nicht anders sieht es Pawel Huelle, dessen Hauptwerk „Weiser Dawidek“ oft mit der „Blechtrommel“ verglichen wird. Für ihn habe kaum einer so viel für die deutsch-polnische Versöhnung getan wie Grass: „Er war auch derjenige, der den Mut hatte, die Deutschen an ihre Verbrechen, vor allem in Mittelosteuropa, zu erinnern“, sagte Huelle.

          Erinnern wir den Kaschuben Kopernikus

          Auch an die nicht ganz unkomplizierte Grass-Rezeption in Polen wird in manchem Nachruf erinnert. Mit Erscheinen der „Blechtrommel“ in Polen 1983 kam es zu einer der lebhaftesten Debatten der Nachkriegszeit. Die erste, noch zensierte Auflage von dreißigtausend Exemplaren war in wenigen Wochen ausverkauft, und der Roman wurde eines der meistdiskutierten Bücher. Die Gegner deuteten ihn als historisches Dokument und zogen daraus oft voreilige Schlüsse. Vor allem die grotesk verzerrten, historisch aber belegbaren Begegnungen von Polen und Deutschen, etwa die Verteidigung der Polnischen Post in Danzig oder der Angriff der polnischen Kavallerie auf deutsche Panzer 1939, waren ihnen ein Dorn im Auge. Auch geißelten sie die sittliche Freizügigkeit des Romans und den Umgang mit den religiösen Gefühlen der Polen. Die Sympathisanten, die mit ausgewogenen bis enthusiastischen Texten parierten, wiesen dagegen auf die Vielschichtigkeit sowie auf die intellektuellen und ästhetischen Qualitäten des Romans hin.

          Als zu Beginn der neunziger Jahre die politische Zensur abgeschafft wurde, verlor die polnische Grass-Rezeption den Nimbus des Außergewöhnlichen, wenn man einmal von den enthusiastischen Reaktionen auf seinen Nobelpreis absieht. Er wurde zu einem „normalen“ Schriftsteller, dessen Werke, anders als die ersten Untergrundausgaben der „Blechtrommel“, allgemein zugänglich waren. Ähnlich lebhafte Debatten hat es anlässlich seiner späteren Bücher nicht mehr gegeben. Wenn neue Grass-Gegner sich zu Wort meldeten, bezogen sich ihre Angriffe nicht auf seine Bücher, sondern auf seine politische Sympathien – und später freilich auf sein Waffen-SS-Geständnis.

          Letzteres ist heute verziehen. Was den meisten wichtiger erscheint, ist, dass Grass, so Adam Michnik, „ein Freund Polens war – der polnischen Literatur, Kultur, Demokratie. Mehrmals setzte er sich für die Rechte und die Freiheit der Menschen aus der polnischen Opposition ein.“ Auch sein oft sarkastischer Humor sei einzigartig gewesen, eine wirksame Waffe gegen alles, was ihm verhasst gewesen sei, etwa jede Art von Nationalismus. So habe ihm Grass einmal erzählt, wie er den Streit, ob Kopernikus ein Deutscher oder ein Pole sei, entschieden habe: Er habe vorgeschlagen, ihn als Kaschuben zu betrachten. „So werden wir ihn in Erinnerung behalten“, lautet Michniks Resümee: „Als einen großen Schriftsteller und einen großartigen, warmherzigen Menschen, der die Selbstironie zu seiner Waffe gemacht hat.“

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