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Philosophie : Ohne Selberlesen kein Selberdenken

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Walter Jaeschke (1945 bis 2022) Bild: Felix Meiner Verlag

Genaues Lesen der philosophischen Klassik ist selbst eine Form von Philosophie – eine Würdigung zum Tod von Walter Jaeschke

          2 Min.

          Lebendige Kultur braucht ein präzises Gedächtnis. Genaue Erinnerung aber ist Arbeit. Das steht im Bereich der Musik bei den kritischen Editionen von Kompositionen wie zum Bei­spiel der Werke von Felix Mendelssohn oder Richard Strauß oder der Werke der Literatur wie etwa im Fall aller schriftlichen Hinterlassenschaften Goethes außer Frage.

          In der sich als „analytisch“ be­zeichnenden Philosophie, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu­nächst in Großbritannien und den USA gegen die „kontinentale“ Tradition phänomenologischer Hermeneutik positioniert, meint man da­gegen, den Narren auf eigene Faust spielen zu können, wie Hans-Georg Gadamer die Attitüde eines Selbstdenkens so schön charakterisiert.

          Es handelt sich um eine Art Kopie von Mathematikern, die auch ohne historische Bildung und ohne die Textarbeit von Philologen auskommen. Vermeintlich lassen sich so ganz zeitallgemeine logische Formen als Voraussetzungen jedes Verstehens analysieren. Aber auch in anderen Varianten einer Zeitgeistphilo­sophie haben Editionen und Kommentare alter weißer Männer eine schlechte Presse, zumal wenn man aufgrund einzelner Zitate glaubt, bei ihnen apriorische Rechtfertigungen für allerlei Arten von Diskriminierung im Namen „der Vernunft“ finden zu können.

          Walter Jaeschke, Professor für Philosophie in Berlin und Bochum, war dagegen nicht nur gegen die üblich ge­wordene Abwertung der kontinentaleuropäischen Geistesgeschichte er­­­freulich immun. Er blieb ein Ge­lehrter alter Schule und gehört eben daher neben Georg Lasson und Johannes Hofmeister zu den Großen Editoren und Kommentatoren Klassischer Deutscher Philosophen, be­sonders von Friedrich Heinrich Jacobi und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Deren Bedeutung für die weltweite Entwicklung von Wissenschaft und Bildung, Schule und Universität, aber auch von Aufklärung und Szientismuskritik ist nicht nur noch nicht ausreichend bekannt, sondern wird sogar seit dem kulturellen Desaster zweier Weltkriege sozusagen aktiv verdrängt.

          Dabei zeigt sich die Bedeutung der editorischen Arbeit gerade in den Re­visionen festgefahrener Vorurteile. So liefern beispielsweise die 2014 erschienenen, von verschiedenen Be­teiligten erfolglos in Angriff genommenen „Frühen Schriften II“ allererst ein realistisches Bild von Hegels Theologiekritik aus der Zeit vor seinem Aufenthalt in Jena.

          Nicht nur dieser Band 2 der Ge­sammelten Werke Hegels, die gesamte, heute kurz vor dem Abschluss stehende, historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Hegels wäre ohne das unermüdliche Engagement von Walter Jaeschke undenkbar.

          Dabei zeigen noch neueste Kommentare die Bedeutung einer genauen Lektüre exakt wiedergegebener Texte. So verfehlen noch die zwei Bände von Stephen Houlgate, „Hegel on Being“, schon aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten Hegels ironische Kritik an Newtons „Leistungen“ im Kontext der Begründung der Differential- und Integralrechnung. Erst recht unverstanden bleiben damit seine Einsichten in die Form der abstraktiven Definition von Gegenstandsbereichen.

          Wahre Wissenschaft ist daher immer so unprätentiös und doch so offen, so anspruchsvoll und doch so bescheiden, so akribisch und doch so klug, so kritisch und doch so ideenreich, wie das Walter Jaeschke in seinem unfassbar produktiven Werk und dann auch in seiner uner­müd­lichen Qualitätskontrolle kritischer Editionen bei der DFG und in der Union der Deutschen Akademien vorgelebt hat. Walter Jaeschke ist am 14. Juli im 77. Lebensjahr verstorben.

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