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„Der kleine Prinz“ : Peter Sloterdijk auf Abwegen

Zwei Langhaarriesen: Peter Sloterdijk (links) und Thomas Gottschalk Bild: BrauerPhotos, Neugebauer

In Berlin trafen sich Thomas Gottschalk und Peter Sloterdijk, um des Philosophen neue Übersetzung von „Der kleine Prinz“ zu erörtern. Wer dabei für die Seele und wer für den Geist zuständig war, blieb überraschend unklar.

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          Das sah schon sehr lustig aus, wie der Philosoph Peter Sloterdijk und der Entertainer Thomas Gottschalk am Dienstagabend auf der Bühne des Foyers im Berliner Ensemble Platz nahmen: zwei eigentlich wortgewaltige Langhaarriesen, einer mit dicker Uhr und Armbändern an den Handgelenken, der andere die Lesebrille ganz weit vorne auf der Nasenspitze, die sich erst einmal aber nur beäugten, eine ganze Weile lang brauchten, bis sie in Gang kamen. Die sich dafür dann umso besser verstanden, am Ende sogar darüber nachdachten, gemeinsam auf Tournee gehen zu wollen, weil auch er, Sloterdijk, wie er von sich behauptete, jetzt seinen Kurs korrigiert habe und neuerdings „Flachwassertherapie“ betreibe. Da könnten sie sich ja treffen. „Ich bin hier die Seele, und Sie sind der Geist“, waren Thomas Gottschalks Begrüßungsworte. Am Ende war, wer wer war, nicht mehr ganz so sicher.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sloterdijk hat Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ neu übersetzt, eins der wenigen Bücher, das wohl jeder kennt. Seine Verlegerin, Ulla Berkéwicz, habe die „teuflische Idee“ gehabt, „ihren Hausphilosophen auf Abwege zu führen“, erklärte der über sich gern in der dritten Person sprechende Denker. Ob er eine Lieblingsstelle habe in diesem Buch, fragte Sloterdijk Gottschalk, mit dem er die Übersetzung an diesem Abend feierlich präsentierte. Und Gottschalk, der sich nicht recht entscheiden konnte, kam auf die Passage zu sprechen, in welcher der kleine Prinz, der auf der Suche nach Freunden Asteroiden in der Umgebung seines Planeten besucht, „den Eitlen“ trifft. „Ach schau an, ein Bewunderer“, sagt der Eitle zum kleinen Prinzen, weil für ihn alle Menschen Bewunderer sind. Das, so Gottschalk, sei ihm natürlich nicht ganz fremd aus den Jahren, in denen er „in bunten Kleidern bunte Fernsehsendungen“ gemacht habe.

          Da beugte sich Sloterdijk schnaufend vor und hob an zu einem Exkurs über Eitelkeit und Bescheidenheit, genauer gesagt: zum Exkurs über den Spiegel als „egotechnisches Universalinstrument, das uns das Leben schwermacht“. Neunzig Prozent der Menschen würden jeden Morgen durch die Begegnung mit ihrem Spiegelbild so formatiert, dass sie zu Bescheidenheit nicht mehr ermahnt werden müssten. „Die Elenden“, der 1862 erschienene Roman von Victor Hugo, sei ein hervorragendes Dokument einer Zeit, in die Selbstbespiegelung noch keine Selbstverständlichkeit gewesen sei. Gottschalk hörte ihm zu, guckte ihn eine Weile staunend an und fragte, nach einem Moment der Stille: „Leben Sie mit Ihren Erkenntnissen einfacher als ich?“

          „Der kleine Prinz“ in Sloterdijks neuer Übersetzung
          „Der kleine Prinz“ in Sloterdijks neuer Übersetzung : Bild: Suhrkamp

          Wenn es jemanden gibt, der das spielerische und glückliche Talent hat, die Monologisierungsmaschine Sloterdijk mühelos zu unterbrechen, dann ist es Thomas Gottschalk. Dafür liebte man ihn an diesem Abend. Der Schauspieler Veit Schubert las das Kapitel aus dem Buch vor, in dem der kleine Prinz einen Planeten besucht, der von einem angeblich allmächtigen König bewohnt wird. Der kleine Prinz bittet ihn, die Sonne untergehen zu lassen, was der König zurückweist. Er wolle nur Dinge befehlen, die auch vernünftig seien. „Was halten Sie von dem?“, fragte Gottschalk Sloterdijk. Das sei ein Herrscher, der sich „einen konsequenten Opportunismus“ zum Regierungsstil gemacht habe. „Kennen wir irgendwoher, oder?“, meinte Gottschalk. „Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir ein Exemplar des ,Kleinen Prinzen‘ im Kanzleramt abgeben“, fand auch Sloterdijk.

          Dann wurde Gottschalk melancholisch: „Mein Königreich ist ja zerbröselt, weil die Zeit, in der ich Menschen auf einem Sofa versammelt habe, vorbei ist. Es gibt keine Notwendigkeit mehr, sich zu einem bestimmten Punkt zur Unterhaltung zu treffen, wie früher Samstagabend um zwanzig Uhr fünfzehn. Man kann es auch zu jedem anderen Zeitpunkt tun.“ Es gebe nichts Ernsteres als Unterhaltung, weil die Gesellschaft, die für einen Zusammenhalt viel zu groß sei, diesen in der Unterhaltung finde, wusste Sloterdijk und trauerte über verlorengehende Zusammenhänge, Bildungszusammenhänge etwa: „Sie haben in Ihrem Referat wiederholt vom Zweiten Weltkrieg gesprochen, muss ich demnach davon ausgehen, dass es auch einen Ersten gegeben hat?“, habe ein smarter junger Mann einmal nach einem Vortrag des Historikers Eric Hobsbawm gefragt. „Ich habe mich, als ich beim Zweiten Programm war, auch immer gefragt, ob ich davon ausgehen muss, dass es ein Erstes gibt“, sagte daraufhin der große Unterhaltungsprinz.

          „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ heißt der berühmte Satz aus Saint–Exupérys „Kleinem Prinzen“. War Sloterdijk versucht, ihn anders zu übersetzen? „Ich habe darüber nachgedacht und ihn dann so gelassen“, sagte der Übersetzer. „Der Satz hat eine Klassizität erlangt, die man ihm nicht nehmen kann.“

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