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Rechte an Kurzecks Werk : Noch mal übers Eis

Peter Kurzeck am Fenster seines Arbeitszimmers in der französischen Kleinstadt Uzès . Bild: Helmut Fricke

Das Werk von Peter Kurzeck wird künftig bei Schöffling erscheinen. Für den insolventen Stroemfeld-Verlag macht das die Lage noch schlimmer.

          „Woher, wohin?“ – das sind die allerersten Worte, die Peter Kurzeck 1979 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern veröffentlichte, als Auftakt zu seinem Debütroman mit dem ebenso schönen wie sperrigen Titel „Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die erste Frage, die nach dem Woher, beantwortete der Autor in den folgenden Jahrzehnten in einer Reihe von Büchern, die sämtlich im von KD Wolff gegründeten und geleiteten Verlag erschienen sind: Die Kindheit des 1943 im böhmischen Tachau geborenen Kurzeck spielt eine gewichtige Rolle, das Leben als Flüchtling im hessischen Staufenberg (er beschreibt den Ort in seinem dritten Roman „Kein Frühling“), weitere Reminiszenzen gelten Reisen, die Kurzeck nach Griechenland und in die Türkei, ans Nordkap und immer wieder nach Frankreich führten.

          Und dann das Dreivierteljahr zwischen dem Sommer 1983 und dem Frühling 1984, in das für den Vierzigjährigen die Trennung von seiner Freundin Sibylle fällt, mit der er eine damals vierjährige Tochter namens Carina hat. „Noch als ich auszog, wollten wir uns das Sorgerecht teilen“, heißt es im Roman „Übers Eis“, mit dem jene intensive Betrachtung der Trennungszeit beginnt (dem auf zwölf Bände angelegten Romanzyklus hat Kurzeck den Obertitel „Das alte Jahrhundert“ gegeben): „Wir dachten, daß unser Kind allzeit bei beiden sein kann, gut und gern. Aber kaum zwei Wochen danach sagte Sibylle zu mir: Wenn ich will, kann ich machen, daß du sie gar nicht mehr siehst!“ Vor jeden Band des „Alten Jahrhundert“ setzte Kurzeck dann später die Widmung „Für Carina“.

          Für Unseld war das „Kneipenliteratur“

          Dass er in KD Wolff einen derart ausdauernden, von dem sperrigen Werk des Autors überzeugten und allerlei ertragenden Verleger finden würde, dass also die zweite Frage aus dem „Nußbaum“, die nach dem Wohin, auf Jahrzehnte eine so erfreuliche Antwort erhalten würde, ist auch einem Zufall geschuldet. Denn eigentlich war Kurzeck schon lange mit Suhrkamp über den „Nußbaum“ einig, der Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe hatte lange an dem Manuskript gearbeitet. Dann aber, sagt Wolff, habe der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld den Text gelesen, ihn als „Kneipenliteratur“ bezeichnet, die nicht zu Suhrkamp passe, und der plötzlich verlagslose Kurzeck stand eines Tages mit seinem Manuskript vor der Tür von Wolff und erzählte von seinem Missgeschick.

          „Dass wir großes Glück mit ihm hatten“, sagt Wolff im Rückblick von fast vierzig Jahren, „war uns sofort klar. Wir lasen seinen Roman und wussten: So kann der ununterbrochen weiterschreiben. Wir hatten im Verlag keinen wie ihn, keinen anderen wirklichen Literaten aus seiner Generation. Und ihm gefiel es, dass er so einen randständigen Verlag hatte, für den er eine besondere Rolle spielte.“ Abgesehen von alldem, sagt Wolff, hätte man damals gern die Gelegenheit ergriffen, „Unseld eins auszuwischen“. Bei Suhrkamp hätte es der Autor, der immer wieder betonte, dass er keinen Lektor brauche, und der nur sehr schwer zu Änderungen zu bewegen war, jedenfalls sehr viel schwerer gehabt.

          Peter Kurzeck starb am 25. November 2013, mitten in der Arbeit an gleich mehreren Romanen des „Alten Jahrhundert“. Der erste Band aus dem Nachlass, der Roman „Bis er kommt“, erschien 2015 bei Stroemfeld. Der zweite, ein hinreißender Sommerroman, wurde vom Verlag angekündigt, aber nie gedruckt. „Der nächste Teil, das Paris-Buch, ist sogar noch schöner“, sagt Wolff. Im September dieses Jahres musste er Insolvenz anmelden. Und die Zukunft der Nachlassbände stand in den Sternen.

          Vier weitere Nachlassbände

          Sie erinnere sich daran, sagt Kurzecks Tochter Carina heute, dass sie als kleines Kind über dem Tippgeräusch von Kurzecks Schreibmaschine eingeschlafen sei. „Übers Eis“ habe sie als Siebzehnjährige geradezu verschlungen. Aus diesem Roman stamme auch ihr Kurzeck-Lieblingssatz: „Doch nicht die ganze Zeit hier als Vorgänger nur in der Vorzeit gelebt?“ Als Kurzeck starb, erbte sie die Rechte an seinem Werk. Die Situation nach der Stroemfeld-Insolvenz habe sie als „beängstigend“ empfunden, sagt Carina: „Ich wusste nicht, wie und ob es mit dem Werk meines Vaters weitergeht.“ Sie habe auch um Stroemfeld getrauert – „ich kenne den Verlag, seit ich klein war, als Kind.“

          Dann habe sich der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling „sehr bemüht“, Kurzeck in sein Programm aufnehmen zu dürfen, und sie sei mit ihm einig geworden. Gestern gab Schöffling dann den Verlagswechsel bekannt. Man werde weiter mit den Kurzeck-Herausgebern Rudi Deuble und Alexander Losse arbeiten, weitere vier Nachlassbände herausbringen und zwei vergriffene Romane des Autors neu publizieren. Auch die bisherige Ausstattung der Reihe werde man beibehalten.

          Für KD Wolff aber macht es der Verlust der Kurzeck-Rechte, nachdem bereits seine Kafka-Ausgabe künftig bei Wallstein erscheinen wird, nicht leichter, den Verlag trotz Insolvenz weiterzuführen und vielleicht sogar einen neuen Investor zu finden.

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