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Peter Handke zum 70. : Da zieht man die Autorenmütze

Heute feiert Peter Handke seinen siebzigsten Geburtstag Bild: AFP

Heute ist Peter Handke siebzig Jahre alt geworden. Pünktlich zum Festtag erscheint der Briefwechsel des Schriftstellers mit seinem Verleger Siegfried Unseld.

          4 Min.

          Am 26.Oktober 1994 eilt Siegfried Unseld nach Paris, um Peter Handke das erste Exemplar von dessen neuem Roman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ zu überbringen. Ein Ritual wird vollzogen, dessen Bedeutung in Zeiten des E-Books kaum noch zu ermessen ist. Unseld, der über alle Gespräche, Erlebnisse und Vereinbarungen auf seinen Reisen genaue und oft sehr lesenswerte Aufzeichnungen anfertigte, hat das Ereignis in einem dieser legendären „Reiseberichte“ festgehalten: „Zwanzig Minuten lang wurde kein Wort gewechselt. Er berührte, streichelte das Buch, den Umschlag, las den Klappentext vorne und hinten, studierte die Titelseite, tastete das Papier, das ihm sehr gefiel, roch daran, blätterte, las und nickte zustimmend. Schließlich: ,wunderbar‘.“

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Dann ist die stumme Andacht vorüber, es beginnt das Gespräch und mit diesem der weniger angenehme Teil des Besuchs. Handke zeigt sich irritiert über die seiner Meinung nach zu geringe Startauflage des Romans. Nur zwanzigtausend? Warum nicht vierzigtausend? Unselds nüchterne Verweise auf die Gegebenheiten des damaligen Buchmarktes wischt die zarte Dichterhand entschlossen vom Tisch: Der Markt werde sich fügen. Dann geht es um den heiklen Punkt des Ladenpreises. Unseld schlägt 58 Mark vor, was Handke als „Zumutung“ und „Unverschämtheit“ empfindet. Er fordert einen „fairen Preis“:

          120 Mark. „So viel müsse man ausgeben für die Leistung, die er erbracht habe, und er sei sicher, es gäbe weit mehr als 20000 Leute, die bereit seien, das zu bezahlen.“ Man einigt sich auf 78 Mark, einen für damalige Verhältnisse recht hohen Preis.

          Strafaktion und kaltes Ringen

          Vier Tage später erhält Unseld einen Brief. Sein Inhalt: nackte Wut. Der Verlag hatte statt der verabredeten zwölf Vorausexemplare für ausgewählte Redaktionen und Rezensenten nur drei verschickt - unter anderen an diese Zeitung und den „Spiegel“, zwei Blätter, die der Dichter nicht sehr schätzt. Eine Panne also. Handkes höhnischer Kommentar: „Vor dieser neuerlichen verlegerischen Großtat kann ich nur meine Autorenmütze ziehen...“ Im beigefügten Vertrag ist nun ein entscheidender Passus geändert: Handke will die auf zehn Jahre verabredete Geltungsdauer auf sechs Jahre reduzieren und somit die Möglichkeiten des Verlags, mit dem Roman zu wirtschaften, erheblich einschränken. Eine Strafaktion.

          Was kann ein Verleger in einer solchen Situation tun? Er lässt einige Tage verstreichen, dann berichtet er Handke von seiner erneuten Lektüre des Romans. Unseld verliert nicht viele Worte, denn er weiß, dass es im Grunde nur auf diesen einen Satz ankommt: „Peter, Du hast ein großes Buch geschrieben.“ Er verfehlt seine Wirkung nicht, es kommt zu einem Treffen, und am 18. Dezember zeigt Handke sich versöhnt: „Lieber Siegfried, es war wieder eine Warmherzigkeit da in Frankfurt, eine alte, neue.“

          Doch Warmherzigkeit ist ein flüchtiges Gut im Briefwechsel zwischen Siegfried Unseld und Peter Handke. Es gibt durchaus Momente innigen Einverständnisses, aber weit häufiger sind die Phasen kalten Ringens und kleinlichen Geplänkels. 611 Briefe haben die Herausgeber Raimund Fellinger und Katharina Pektor ausgewählt und kommentiert.

          Zum wohltätigen Dasein und Mitgehen fähig: Der Suhrkamp Verleger Siegfried Unseld
          Zum wohltätigen Dasein und Mitgehen fähig: Der Suhrkamp Verleger Siegfried Unseld : Bild: dpa

          Nach ihrer Lektüre könnte man meinen, Siegfried Unseld habe das Heimliche dieser Korrespondenz bereits in jenem ersten Brief formuliert, mit dem er Handke am 10.August 1965 mitteilte, dass der Suhrkamp Verlag sich entschieden habe, „Die Hornissen“ zu publizieren: „Nun scheint mir freilich ein Gespräch über Einzelheiten erforderlich zu sein.“

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