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Nobelpreis für Peter Handke : Popstar, Prophet, Provokateur

Peter Handke, 1993 Bild: Barbara Klemm

Wohnort Sprache: Peter Handke erhält den Nobelpreis für Literatur 2019. Unter den deutschsprachigen Autoren ist er der Wächter der wahren Empfindung.

          4 Min.

          Hat er es verdient? Der Weg des Peter Handke, der ihn von Princeton bis nach Stockholm führte, war lang und alles andere als eben. Das größte Hindernis, das Handke in dem guten halben Jahrhundert, das zwischen seinem ebenso fulminanten wie skandalumwitterten Debütauftritt bei der Tagung der Gruppe 47 im amerikanischen Universitätsstädtchen Princeton im Jahr 1966 und seiner Auszeichnung im kommenden Dezember in Stockholm zu überwinden hatte, war er selbst.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Kein anderer deutschsprachiger Autor konnte in den sechziger und siebziger Jahren einen vergleichbaren Wirbel um seine Person entfachen, kein anderer sich später mit größerer Entschiedenheit als Öffentlichkeitsflüchtling und Eremit inszenieren, den sein literarischer Werdegang von den Provokationen und der Sprachskepsis der frühen Werke wie „Publikumsbeschimpfung“ (1966) und „Kaspar“ (1967) zu einer priesterlich zelebrierten Wortverehrung geführt hatte. Handke war Popstar, Prophet, Provokateur. Verehrt wurden auch andere, Handke aber hatte eine Gemeinde. Zusammen mit Botho Strauß war er der bedeutendste Dramatiker seiner Generation. Kaum ein Autor kann es an Produktivität mit Handke aufnehmen, kaum einer erhielt mehr literarische Auszeichnungen, niemand hatte größeren Kummer mit ihnen. Das Büchnerpreisgeld, das er schon 1973 erhalten hatte, gab er 1999 unter Theaterdonner zurück – Serbien und dem Kriegsverbrecher Milosevic zuliebe. Im Jahr 2006 geriet er ohne eigenes Zutun in ein unwürdiges Spektakel um den Düsseldorfer Heine-Preis, bis er schließlich in heillos verfahrener Situation das einzig Richtige tat und den Preis ablehnte. In Norwegen, wo er den Ibsen-Preis erhalten sollte, wurde er von Demonstranten als Faschist beschimpft. Das ist erst fünf Jahre her. Die hässlichen Szenen aus Oslo dürfte man in Stockholm kaum vergessen haben. Zu hoffen ist, dass sie sich nicht wiederholen werden.

          Wie sein Landsmann Thomas Bernhard ist Handke ein Schriftsteller, für den Widerstand nicht nur eine politische Haltung bedeutet, sondern sehr viel mehr, nämlich eine künstlerisch notwendige Existenzweise. Wie den Büchern von Günter Grass, dem letzten Literaturnobelpreisträger des zwanzigsten Jahrhunderts, der als halbwüchsiges Mitglied der Waffen-SS am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte, ist auch Handkes Werk die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld eingeschrieben, wenngleich auf völlig andere Weise. Handke, 1942 in Kärnten unweit der Grenze zu Slowenien geboren, hat dieser Sehnsucht in seinen Exerzitien der Wahrnehmung und der Beschwörung des poetischen Einverständnisses mit den Dingen Ausdruck verliehen, von „Die Lehre der Sainte-Victoire“ (1980) über „Versuch über den geglückten Tag“ (1991) bis zu den kontrovers diskutierten Prosawerken „Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994) und „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“ (2002).

          Anders als der 2015 verstorbene Grass hat Handke, dem der Gestus des zornigen jungen Mannes noch jenseits der Siebzig zu Gebote steht, sich im öffentlichen Diskurs nie als moralische Autorität in Szene setzen wollen, sondern sich mehr in der Rolle des ungezogenen Kindes gefallen, dabei oft mehr närrischer Kindskopf als weiser Narr. Dass der Tonfall des Apodiktischen ihm behagt, zeigt sich immer wieder, mitunter auch an Kleinigkeiten, einem einzigen Wort, Frühäpfel zum Beispiel. Wer es in den Mund nehme, so Handke in dem 2010 erschienenen Prosaband „Immer noch Sturm“, der werde „nie ein Henker sein“.

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