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Peter Handke als serbischer Nationalist : Ich sehe was, was ihr nicht fasst

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Der eigentliche Sündenfall Peter Handkes ereignet sich nicht auf dem Feld des Politischen, sondern auf dem Feld des Literarischen. Bild: AP

Die Zeugen können ihm viel erzählen: In den Texten von Peter Handke über die Vorgänge im früheren Jugoslawien ist das Politische vom Ästhetischen nicht zu trennen. Mit Anleihen beim serbischen Nationalismus werden die Massaker relativiert und die muslimischen Opfer des Bosnien-Krieges verhöhnt.

          Um Peter Handke ist es still geworden. Mit dem Verblassen der Erinnerung an die Greueltaten des Massakers von Srebrenica, das sich in diesen Tagen zum fünfzehnten Mal jährt, und mit der Konsolidierung des serbischen Staates, der zurzeit unter dem amtierenden Präsidenten Tadic eine Annäherung an die EU vollzieht, scheint auch das Eintreten des österreichischen Schriftstellers für eine gerechte Beurteilung Serbiens und für den ehemaligen serbischen Präsidenten Milosevic viel von seiner Anstößigkeit verloren zu haben.

          Gelegentlich jedoch brechen die alten Konflikte wieder auf, so etwa anlässlich der Teilnahme Handkes am Begräbnis von Slobodan Milosevic im Jahr 2006 oder im Frühjahr 2008, als der bekennende Nichtwähler Handke sich im Vorfeld der serbischen Präsidentenwahlen für die Wahl des ultranationalistischen Politikers Nikolic ausgesprochen hatte. Doch inzwischen ist eine Art Erschöpfungszustand eingetreten: Handkes politische Haltung zu Serbien ist ebenso vertraut wie der Vorwurf seiner Kritiker, dass sich mit ihm wieder einmal ein Dichter in die Gefilde der Politik verirrt habe.

          Fragwürdige politische Haltung neben Poesie

          Der Rückgang des öffentlichen Interesses an Handkes politischen Ansichten geht mit einer Tendenz einher, die schon 1996, auf dem Höhepunkt der Kontroverse um Handkes Haltung zu Serbien, zu verzeichnen gewesen ist. Folgt man dieser Tendenz, so sind das literarische Werk und die politische Haltung getrennt voneinander zu sehen. Diese Sichtweise bestimmt seit geraumer Zeit nicht nur den journalistischen Umgang mit Handke, sondern auch die literaturwissenschaftliche Forschung. Nachdem die überwiegende Mehrheit der Journalisten die Abwegigkeit von Handkes politischen Ansichten festgestellt hat, macht ein Großteil der Forschung lieber einen Bogen um dieselben und betont stattdessen den bleibenden Wert des literarischen Werks.

          Damit ist keineswegs eine Aufteilung von Handkes Schaffen in ein politisches und ein poetisches Werk gemeint. Vielmehr verläuft die Trennlinie zwischen Politik und Poesie nach Meinung vieler mitten durch Handkes Jugoslawien-Texte hindurch. Neben törichten politischen Einlassungen, die weit über das Ziel einer Kritik der journalistischen Kriegsberichterstattung hinausschießen, gebe es in diesen Texten ausgesprochen poetische Passagen. In diesem Zusammenhang ist häufig von einem „poetischen Blick“ und einem „poetischen Denken“ Handkes die Rede gewesen.

          Können fragwürdige politische Haltung und Poesie im selben Werk unbeeinflusst nebeneinander bestehen? Oder beeinträchtigt und schmälert die politische Haltung die poetische Leistung des Autors? Oder muss man anders, in genau umgekehrter Richtung, fragen: Verleiht die poetische Leistung Handkes seiner fragwürdigen politischen Haltung höhere Weihen? Gibt es in Handkes Jugoslawien-Texten eine Ideologie, einen Nationalismus, der mit spezifisch literarischen Mitteln operiert?

          Weniger naiv und unschuldig, als es den Anschein hat

          Eines der literarischen Merkmale von Handkes Schriften zum Zerfall Jugoslawiens bildete schon frühzeitig die Hinwendung zu unscheinbaren „Details“, zu „Nebensachen“, die laut Handke von einem auf politische Statements fixierten Auslandsjournalismus notorisch übersehen werden. Diese Details, von denen viele - etwa die auf einem Belgrader Wochenmarkt entdeckten „andersgelben Nudelnester“ - den Spott der Kommentatoren erfahren haben, werden noch in der jüngsten literarischen Veröffentlichung Handkes zum Thema in den Vordergrund gestellt. Sie sind sehr viel weniger naiv und unschuldig, als es den Anschein hat.

          Die im letzten Jahr erschienene Schrift „Die Kuckucke von Velika Hoca“ (siehe: Peter Handke beschreibt seine Reise in das Kosovo) schildert eine Reise Handkes in das Dorf Velika Hoca, das eine von Serben bewohnte Enklave innerhalb des Territoriums der 2008 ausgerufenen Republik Kosovo bildet. Im Kosovo angekommen, kauft sich der Reisende eine Landkarte des „ethnischen Albanien“ aus dem Jahr 2001. Auf dieser Karte, die „drei Jahre vor dem Märzpogrom von 2004“ gedruckt wurde, sucht Handke das serbisch-orthodoxe Erzengelkloster bei Prizren vergeblich: „Demnach bestand also das Erzengelkloster auf der Karte nicht mehr, schon lange bevor es tatsächlich zerstört wurde.“

          Die Suggestion des Erzählers ist klar: Handke unterstellt den Kosovo-Albanern einen lange im voraus gefassten Zerstörungsplan. Er variiert damit, unabhängig von der Tatsache, dass es neben serbischen Übergriffen im Jahr 2004 auch von Seiten der Kosovo-Albaner gewaltsame Übergriffe gegeben hat, die alte Legende des von den Kosovo-Albanern begangenen „Genozids“ am serbischen Volk. Diese Legende findet sich im Gründungsmanifest des serbischen Nationalismus, dem Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von 1986. Sie dient seit 1987 der serbischen Expansionspolitik unter Milosevic als Vorwand für die Gleichschaltung der autonomen Provinz Kosovo - der Anfang vom Ende des jugoslawischen Staates. In seinem Text „Eine winterliche Reise“, der Ende 1995, wenige Monate nach dem Massaker von Srebrenica, entstanden ist, zitiert Handke zustimmend die Äußerung eines ehemaligen jugoslawischen Partisanen, der vom „Ausrotten des serbischen Volkes“ spricht. Mit dieser effektvoll am Ende seines Textes plazierten Formulierung übernimmt Handke Geist und Buchstaben des serbischen Memorandums.

          Themenwahl steckt voller Symbolik

          In dieselbe Richtung zielt ein „Detail“, das einer Episode aus Handkes Text „Die Tablas von Daimiel“ von 2005, dem „Umwegzeugenbericht“ über den Milosevic-Prozess vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal, entstammt. Handke erzählt dort von einer Reise ins Kosovo im Jahr 1996, bei der er und ein kosovarisch-serbisches Ehepaar im „Moment des Auf-die-Straße-Tretens“ von der albanischen Menge „weg- und ausgezählt werden“. Kommentar des Erzählers: „Warum aber sehe ich, nein, sah ich schon da und damals, in solchem tausendäugigen Registriert- und Für-nicht-vorhanden-Erklärtwerden, bei totaler Passivität sonst eine Aktion, eine symbolische, ein Tun, das Vorwegnehmen eines Tuns?“

          Handke ist in seinen Jugoslawien-Texten ein Erzähler, der sich nicht nur für die symbolischen Aktionen anderer interessiert, sondern vor allem selbst symbolisch tätig ist. Schon die Themenwahl der erwähnten jüngsten Veröffentlichung, der Besuch einer serbischen Enklave, steckt voller Symbolik. Dieser Besuch und der Bericht über ihn sind der symbolische Gegenentwurf zu den Berichten aus und über Srebrenica - jener Enklave, deren Einnahme durch die bosnisch-serbische Armee unter General Mladic vor genau fünfzehn Jahren die Ermordung von fast achttausend muslimischen Jugendlichen und Männern nach sich zog.

          Seit dem letzten Jahr liegt ein ebenso bestürzender wie aufrichtiger Bericht aus dem Inneren der Enklave von Srebrenica vor, der nur existiert, weil der Autor, Emir Suljagic, als Dolmetscher der UN-Schutztruppe das Massaker überlebt hat. Handkes Bericht über die serbische Enklave nimmt, ob gewollt oder nicht, eine Gegenposition zum Diskurs über Srebrenica ein, dessen Namen Handke als „klangvolles Wort“ vom Ort der serbischen Kriegsverbrechen geschieden wissen will. Der Diskurs über Srebrenica ist Handke zufolge durch Überrepräsentation gekennzeichnet. Von den Bildern der dortigen „mutmaßlichen Massakerstätten“, so hatte er bereits 1996 geschrieben, gebe es „ja nicht zu wenige“. Und noch 2005, zehn Jahre nach dem Massaker, unterzieht Handke im Rahmen einer Erzählung, die von einer Reise in die „Gegend von Srebrenica“ berichtet, die Opfer- und Hinterbliebenenorganisation „Srebrenickemajke“ (Srebrenica-Mütter) einem Verdacht. Diese sei „hoffentlich von den Müttern selber“ für die „Weltöffentlichkeit“ ins Leben gerufen worden.

          Verbrechen vor den Augen aller

          Entgegen einer verbreiteten Meinung hat Handke in seinen Jugoslawien-Texten die von bosnischen Serben verübten Kriegsverbrechen keineswegs ausgeklammert. Sie werden in den erzählerischen Passagen seiner Reiseberichte thematisiert, in kleinen Details und in aperçuhaften Bemerkungen. Das aufschlussreichste Beispiel hierfür findet sich im „Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ an der Stelle, wo Handke auf die Massaker von Visegrad zu sprechen kommt, bei denen nach Schätzungen des Research and Documentation Center in Sarajevo und des Haager Kriegsverbrechertribunals während des Bosnien-Krieges etwa 1500 bis dreitausend muslimische Zivilisten ermordet wurden.

          Handkes zu nächtlicher Stunde am Fenster seines Hotelzimmers stehender Erzähler schaut auf die von Menschen verlassene Brücke über die Drina und wird vom „Bedenken der Berichte über die Tötungen in der hiesigen Muslimgemeinde“ getragen. In bekannter Manier kritisiert er einen diesbezüglichen „Artikel aus der New York Times“ und wirft den „über die Meere angereisten, eingeflogenen Aussagensammlern“ vor, sich auf die ewig gleichen Formeln - „witnesses said, survivors said“ - zu berufen. Die Kritik an der journalistischen Berichterstattung geht dabei in ein Bezweifeln der Sache selbst über. Der Erzähler mag nicht glauben, dass die von einem barfuß laufenden „serbischen Milizenführer“ und seinen Schergen angeblich begangenen Verbrechen sich tatsächlich vor den Augen aller ereignet haben: „Die ganze Stadt ein Spielraum für nichts als die paar Barfüßler im Katz-und-Maus mit ihren Hunderten von Opfern?“

          Bei dem in Handkes Text erwähnten barfüßigen Milizenführer handelt es sich um den bosnischen Serben Milan Lukic, der 2005 in Argentinien gefasst und am 20. Juli 2009 vom Haager Kriegsverbrechertribunal wegen Massenmordes und Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Die Taten von Lukic und seiner paramilitärischen Einheit wurden nicht erst durch die Ermittlungen des Haager Kriegsverbrechertribunals bekannt. Sie sind, basierend auf Zeugenaussagen, bereits der Gegenstand des von Handke kritisierten Artikels gewesen. Es handelt sich um eine Reportage des Journalisten Chris Hedges, die am 25. März 1996 in der „New York Times“ erschienen ist.

          Handkes Erzähler leugnet das Massaker von Visegrad

          Im Gegensatz zu Handkes Unterstellung nennt Hedges den vollen Namen, die Herkunft und den Aufenthaltsort der meisten seiner Gesprächspartner, und er nennt auch den Namen von Milan Lukic. Zu den von Hedges befragten Personen gehört eine traumatisierte Frau, die mitansehen musste, wie Lukic und seine Männer ihre Mutter und ihre Schwester erschossen und lachend in den Fluss warfen. Handkes Erzähler will von alledem nicht wissen und spottet über den „Schlussabsatz des nach Visegrad hinter die bosnischen Berge geheuerten Manhattan-Journalisten, worin er eine aus ihrer Stadt geflüchtete Zeugin, nächtens dabeigewesen beim Hinabgestoßenwerden von Mutter und Schwester von der Brücke, Tennessee-Williams-haft sagen lässt: The bridge. The bridge. The bridge.“

          Handkes Erzähler, der die Tatsache leugnet, dass es die Massaker von Visegrad gegeben hat, trifft mit seiner Invektive nicht nur den Journalisten, der aufgrund seiner Recherchen zu einem anderen Ergebnis als Handke kommt. Seine Aussage über die „Tennessee-Williams-hafte“ Sprache trifft durch den Journalisten hindurch auch das Opfer, dem nicht nur Mutter und Schwester genommen wurden, sondern auch - durch Handke - die Möglichkeit, das real erfahrene Leid zu artikulieren.

          Doch das ist nicht alles. Handkes Erzählung ist noch nicht zu Ende. Am nächsten Morgen taucht der Erzähler - es ist ein schwüler Tag - in den Fluten der Drina unter und kommentiert diesen Vorgang wie folgt: „Kein Wasser, siehe die Wasserleichengeschichten, in den Mund kommen lassen!“ Handke macht sich über die Opfer lustig, er verhöhnt sie. Und das ist wohl das Schlimmste, was man über einen Autor sagen kann, der ausgezogen ist, um mit den Mitteln der literarischen und poetischen Sprache Frieden zu stiften und zur Versöhnung der Völker beizutragen.

          Anlass zur Beunruhigung

          Es ist eine Verharmlosung, Handke für seine vermeintlich naiven politischen Stellungnahmen zu kritisieren. Der eigentliche Sündenfall dieses Autors ereignet sich nicht auf dem Feld des Politischen, sondern auf dem Feld des Literarischen. Die textstrategisch äußerst geschickten Anleihen bei der Sprache des serbischen Nationalismus, seine antimuslimischen und antialbanischen Insinuationen auf der symbolischen Ebene und seine Verhöhnung der muslimischen Opfer des Bosnien-Krieges machen dies deutlich.

          Es wird Zeit, sich bewusstzuwerden, dass von einem Autor solchen Ranges wie Handke eine Gefahr ausgehen kann. Seine auf vermeintliche Nebensächlichkeiten ausweichende, literarische Mittel einsetzende Ideologie gehört, gerade weil sie so subtil verfährt, zu den problematischsten Entgleisungen eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass diese Ideologie nicht nur neben einem - fraglos bedeutenden - Werk existiert, sondern tief in dieses Werk hineinragt, sollte ein Anlass zur Beunruhigung sein.

          -Jürgen Brokoff, geboren 1968, lehrt Germanistik in Bonn. Gerade erschien seine „Geschichte der reinen Poesie“.

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