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Peter Handke als serbischer Nationalist : Ich sehe was, was ihr nicht fasst

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Handke ist in seinen Jugoslawien-Texten ein Erzähler, der sich nicht nur für die symbolischen Aktionen anderer interessiert, sondern vor allem selbst symbolisch tätig ist. Schon die Themenwahl der erwähnten jüngsten Veröffentlichung, der Besuch einer serbischen Enklave, steckt voller Symbolik. Dieser Besuch und der Bericht über ihn sind der symbolische Gegenentwurf zu den Berichten aus und über Srebrenica - jener Enklave, deren Einnahme durch die bosnisch-serbische Armee unter General Mladic vor genau fünfzehn Jahren die Ermordung von fast achttausend muslimischen Jugendlichen und Männern nach sich zog.

Seit dem letzten Jahr liegt ein ebenso bestürzender wie aufrichtiger Bericht aus dem Inneren der Enklave von Srebrenica vor, der nur existiert, weil der Autor, Emir Suljagic, als Dolmetscher der UN-Schutztruppe das Massaker überlebt hat. Handkes Bericht über die serbische Enklave nimmt, ob gewollt oder nicht, eine Gegenposition zum Diskurs über Srebrenica ein, dessen Namen Handke als „klangvolles Wort“ vom Ort der serbischen Kriegsverbrechen geschieden wissen will. Der Diskurs über Srebrenica ist Handke zufolge durch Überrepräsentation gekennzeichnet. Von den Bildern der dortigen „mutmaßlichen Massakerstätten“, so hatte er bereits 1996 geschrieben, gebe es „ja nicht zu wenige“. Und noch 2005, zehn Jahre nach dem Massaker, unterzieht Handke im Rahmen einer Erzählung, die von einer Reise in die „Gegend von Srebrenica“ berichtet, die Opfer- und Hinterbliebenenorganisation „Srebrenickemajke“ (Srebrenica-Mütter) einem Verdacht. Diese sei „hoffentlich von den Müttern selber“ für die „Weltöffentlichkeit“ ins Leben gerufen worden.

Verbrechen vor den Augen aller

Entgegen einer verbreiteten Meinung hat Handke in seinen Jugoslawien-Texten die von bosnischen Serben verübten Kriegsverbrechen keineswegs ausgeklammert. Sie werden in den erzählerischen Passagen seiner Reiseberichte thematisiert, in kleinen Details und in aperçuhaften Bemerkungen. Das aufschlussreichste Beispiel hierfür findet sich im „Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ an der Stelle, wo Handke auf die Massaker von Visegrad zu sprechen kommt, bei denen nach Schätzungen des Research and Documentation Center in Sarajevo und des Haager Kriegsverbrechertribunals während des Bosnien-Krieges etwa 1500 bis dreitausend muslimische Zivilisten ermordet wurden.

Handkes zu nächtlicher Stunde am Fenster seines Hotelzimmers stehender Erzähler schaut auf die von Menschen verlassene Brücke über die Drina und wird vom „Bedenken der Berichte über die Tötungen in der hiesigen Muslimgemeinde“ getragen. In bekannter Manier kritisiert er einen diesbezüglichen „Artikel aus der New York Times“ und wirft den „über die Meere angereisten, eingeflogenen Aussagensammlern“ vor, sich auf die ewig gleichen Formeln - „witnesses said, survivors said“ - zu berufen. Die Kritik an der journalistischen Berichterstattung geht dabei in ein Bezweifeln der Sache selbst über. Der Erzähler mag nicht glauben, dass die von einem barfuß laufenden „serbischen Milizenführer“ und seinen Schergen angeblich begangenen Verbrechen sich tatsächlich vor den Augen aller ereignet haben: „Die ganze Stadt ein Spielraum für nichts als die paar Barfüßler im Katz-und-Maus mit ihren Hunderten von Opfern?“

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