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Peter Härtling zum Achtzigsten : Der Realist der Romantiker

Ein Autor für alle Generationen: Peter Härtling wurde bekannt durch Kinderbücher wie „Das war der Hirbel“ oder „Ben liebt Anna“. Daneben schrieb der Schriftsteller aber auch Gedichte und Romane Bild: dpa

Seine Kinderbücher wie „Ben liebt Anna“ oder „Theo haut ab“ erzählen mitten aus dem Leben und begeistern auch erwachsene Leser: An diesem Mittwoch wird der Schriftsteller Peter Härtling achtzig Jahre alt.

          Ein Großvater schreibt seiner Enkelin. Sie hatte sich vorher per E-Mail bitterlich bei ihm darüber beklagt, dass er - gemeinsam mit ihrer Mutter - ihre Facebook-Aktivitäten abfällig kommentiert hatte: „In deinem Alter“, meint sie, „könntest du vernünftiger sein und dich nicht in meine Angelegenheiten einmischen.“ Seine Antwort: Man müsse ja nicht in allem einer Meinung sein, er jedenfalls „bestehe nicht unbedingt auf meiner Erfahrung. Die schlägt leicht in Besserwissen um.“ Dass hier in der Figur aus dem Roman „Hallo Opa - Liebe Mirjam“ der Autor Peter Härtling aufblitzt, ist anzunehmen. Die Haltung des Älteren jedenfalls, der Jüngeren gegenüber eine Meinung zu vertreten und gleichzeitig Raum für eine andere Position zu lassen, ist elementar für die Kinderbücher, mit denen Härtling vor vierzig Jahren die deutsche Kinderliteratur revolutionierte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          „Ben liebt Anna“, „Theo haut ab“, „Oma“ und viele andere Bücher schildern eben kein englisches Internat und keinen Ponyhof, keine Reisen in exotische Länder oder Cowboyabenteuer, sondern erzählen von realen Kindern (bisweilen von Härtlings eigener Familie) in unserer Nähe. Indem der Autor die Welt, die seine Leser umgab, ernst nahm und zum literarischen Sujet machte, erwies er dieselbe Aufmerksamkeit auch ihnen, und die Verehrung, die Härtling von vielen mittlerweile erwachsen gewordenen Lesern entgegengebracht wird, wurzelt genau hier.

          Große Kennerschaft, vornehme Zurückhaltung

          Nun wäre das eine eher zwischenmenschliche und keine literarische Angelegenheit, wenn Härtling dabei nicht das ganze Gewicht, sein Können und die Meriten, die er sich bis dahin als Autor für Erwachsene erworben hatte, in die Waagschale geworfen hätte. Der in Chemnitz geborene Schriftsteller, das früh zum Waisen gewordenes Flüchtlingskind, das es ins Schwäbische verschlagen hatte, beweist mit seinen Romanbiographien etwa über Hölderlin, Lenau, E. T. A. Hoffmann und Waiblinger ein ausgesprochen feines Ohr für diese Autoren und das Vermögen, aus dieser Wahrnehmung heraus die Figuren in ihrer Zeit erstehen zu lassen.

          Peter Härtling schreibt mit der Maschine: das Arbeitszimmer seines Hauses in Mörfelden-Walldorf

          Und obwohl es Härtling natürlich auf die Realien ankommt - man findet nicht leicht einen besseren Kenner der Biedermeierzeit -, steht ihm dieses Wissen nicht im Weg. Es geht ihm ersichtlich um die innere Biographie der Geschilderten, und wo er, wie in seinem unlängst erschienenen Band „Tage mit Echo“ den 1818 jung in Rom verstorbenen Maler Karl Philipp Fohr porträtiert, wird aus der historischen Gestalt ein Wesen aus eigenem Recht. Des Autors besonderer Zugriff ist dezent, aber unübersehbar. Es ist derselbe Zugriff, der auch den Figuren seiner Kinderbücher gilt, die genau betrachtet, aber nie romantisiert werden.

          Über die Generationen hinweg

          In „Paul das Hauskind“ geht es um einen Jungen in einer Welt von Erwachsenen, die sich nicht angemessen um ihn kümmern, und obwohl man das Buch stellenweise kaum ohne Empörung über diese Versäumnisse lesen wird, klagt Härtling niemanden an: Sie können es halt nicht, die Eltern, die Nachbarn, die Lehrer, auch wenn sie guten Willens sind, und dieses Versagen wie auch das Bemühen, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten einem Kind eben doch Gutes zu tun, hat Härtling oft geschildert - am schönsten vielleicht in „Oma“. Und nicht zuletzt finden sich in seiner großen Autobiographie „Leben lernen“ immer wieder Stellen, die recht deutlich machen, dass es auch für den Autor Gründe genug gab, als Kind und junger Mann an Erwachsenen ebenso zu verzweifeln wie mitunter auch von ihnen wichtige Impulse zu empfangen. Die Schrecken aber, die insbesondere der Krieg und die Flucht in den Westen für das Kind mit sich brachten, werden wohl nicht zufällig in diesem Buch in ausgesucht präzisen, nicht selten großartig geformten Sätzen geschildert - um nicht zu sagen: gebannt.

          Härtling war Journalist, Lektor und Verlagsleiter, er hat sich dem Bewahren vergessener Literatur ebenso verschrieben wie dem Entdecken neuer Autoren, seine Bücher sprechen von der Freude am Finden und davon, dass man nie restlos versteht, was man da gefunden hat, seien es Bücher, seien es Menschen, dass man ihnen aber schreibend zumindest näher kommen kann.

          Diese Überzeugung bildet auch den Hintergrund für „Hallo Opa - Liebe Mirjam“, in dem der Wechsel von E-Mails auch für den anfangs zögernden Großvater eine besondere Intensität gewinnt, die erst einmal gar nicht abzusehen war. Die Vorbehalte, die der Großvater gegen diese Form der Kommunikation hegt, bestätigen sich dabei durchaus, während der listige Autor sie im selben Atemzug unterminiert. Dass und wie Mirjam am Ende das neue Medium nutzt, um ihrer Phantasie einen Ort zu geben und den Kontakt mit dem Großvater aufrechtzuerhalten, ist der beglückendste Moment in diesem knappen Buch. Denn man versteht an dieser Stelle nur zu gut, warum ihr Großvater es wert ist, dass sich das Mädchen diese Mühe macht, um selbst den Tod in die Schranken zu weisen. An diesem Mittwoch feiert Peter Härtling seinen achtzigsten Geburtstag.

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