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Paul Verhoevens Jesus-Buch : Ich protestiere gegen die Schöpfung

  • Aktualisiert am

Der Regisseur von „Basic Instinct“ und „Robocop“ hat ein Buch über Jesus geschrieben: Paul Verhoeven über die Legenden der Bibel, seinen Atheismus, die Ähnlichkeit zwischen Jesus und Che Guevara und warum er ein Fan, aber kein Jünger Jesu ist.

          Er ist dynamisch, er redet temperamentvoll und gestenreich, wie man das halt von einem Mann erwartet, der Filme wie „Basic Instinct“, „Showgirls“ oder zuletzt „Black Book“ gemacht hat. Was man von dem Niederländer Paul Verhoeven, 70, allerdings nicht erwartet hat, das ist dieses Buch: „Jesus. Die Geschichte eines Menschen“. Zwischen 1985 und 2005 hat der Regisseur das amerikanische Jesus-Seminar besucht, eine Versammlung von Bibelforschern und Historikern, er hat, mitten in Hollywood, Bibelexegese betrieben, Thesenpapiere geschrieben und schließlich aufgeschrieben, was er über den Menschensohn Jesus als historische Gestalt herausgefunden hat - ohne religiösen Spin, ohne den theologischen Überbau der Evangelien. „Wer war Jesus? Und wofür stand er?“, das ist die Frage, um die es Verhoeven in seinem fußnotenreichen und lesenswerten Buch geht.

          In Ihrem Buch bemühen Sie sich vor allem, unter den vielen Schichten von Legenden und Mystifizierungen den wahren Christus freizulegen. Aber warum brauchen wir diesen wahren Christus? Reicht das Märchen für uns nicht aus?

          Reicht es für Sie aus?

          „Ich bewundere Jesus für seinen Mut”: Paul Verhoeven

          Nein.

          Warum fragen Sie dann mich danach? Mein Grundgefühl ist Neugierde. Ich kann nicht anders, als neugierig zu sein.

          Ihre Neugier hat dazu geführt, dass Sie zwanzig Jahre lang an dem Jesus-Seminar teilgenommen haben, genau in der Zeit, als Sie in Hollywood Ihre bekannten Filme drehten. Wie haben Sie diese beiden Welten zusammengebracht: die seriöse Jesus-Forschung und den Alltag der Filmindustrie?

          Ich habe ja nicht zwanzig Jahre lang ununterbrochen geforscht, sondern immer nur zeitweise, und anfangs bin ich hingegangen, weil ich für einen Jesus-Film recherchieren wollte. Ohne den regelmäßigen Besuch des Seminars wäre es mir nie gelungen, am Thema zu bleiben. So musste ich mich zwingen, das Seminar hat mich angetrieben und diszipliniert. Was ich jetzt geschrieben habe, weicht im Übrigen in einigen Punkten von den Positionen des Seminars ab. Besonders meine Überzeugung, dass Jesus tatsächlich die Ankunft des Königreichs Gottes erwartete, wogegen das Seminar ihn als jüdischen Zyniker in der Tradition des Diogenes sieht. Ich bin der Auffassung, Jesus war naiv oder eben ein Mann seiner Zeit, so dass er ernsthaft glaubte, seine Exorzismen und Heilungen seien ein Beweis dafür, dass das Königreich Gottes bereits begonnen habe.

          Und der Kontrast zwischen akademischer Welt und Hollywood?

          Es ist zwar Theologie, aber es ist eben auch eine Art Wissenschaft, und da ich Mathematik studiert habe, war mir die akademische Welt nicht völlig fremd. Mir ist der Kontrast nie so drastisch vorgekommen.

          Wie hat man denn in Hollywood auf Ihre Nebentätigkeit reagiert?

          Gar nicht, die meisten wussten es ja nicht. Ich habe zwar kein Geheimnis daraus gemacht - aber wen sollte das interessieren? Hätte Arnold Schwarzenegger meine Thesenpapiere lesen sollen?

          Angenommen, Sie hätten damals den Jesus-Film gedreht - wäre er Hollywood nicht wie ein Ding aus einer anderen Welt vorgekommen?

          Wenn Sie sich meine amerikanischen und dann meine holländischen Filme anschauen, sind das auch zwei Welten. Zwischen „Türkische Früchte“ und „Robocop“ gibt es, oberflächlich gesehen, keinerlei Gemeinsamkeiten. Trotzdem habe ich beide gedreht. Vor zwanzig Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich ein Buch über Jesus schreibe.

          Wenn Sie Ihren Jesus-Film doch noch machen sollten, würden Sie dann Sharon Stone als Maria Magdalena in Erwägung ziehen?

          Maria Magdalena ist meiner Meinung nach völlig überschätzt (lacht). Sie kam aus dem Ort Magdala, wo man damals vom Fischfang lebte. Und Maria wäre bestimmt keine schöne, halbnackte Frau. Sie nahm wohl eher Fische aus und salzte sie ein. Mittlerweile wäre Sharon Stone auch zu alt für die Rolle. Maria aus Magdala war sicher fasziniert von Jesus, auch wenn ich nicht glaube, dass sie eine Affäre mit ihm hatte, wie das im „Da Vinci Code“ steht. Sie war eher, was man heute ein Groupie nennt. Als ich damals über einen Jesus-Film nachdachte, habe ich mir immer Daniel Day-Lewis als Jesus vorgestellt. Ich habe keine Ahnung, wer heute Jesus spielen sollte. Ich denke auch gar nicht ernsthaft darüber nach. Ich habe getan, was ich tun musste, indem ich dieses Buch geschrieben habe. Wenn jemand das Buch einem Studio verkaufen wollte, würde ich ihn nicht davon abhalten. Aber gäbe es überhaupt einen amerikanischen Produzenten, der dazu bereit wäre? Ich bin mir nicht sicher, ob ich es selber machen würde, allein wegen der Gefahr, die darin liegt.

          Welche Gefahr?

          Die Gefahr, einen solchen Film heute in Amerika zu machen. Man muss mit physischer Bedrohung rechnen, denken Sie nur an den Skandal, den Scorseses „Letzte Versuchung Christi“ ausgelöst hat, obwohl er so märchenhaft ist. Ein Buch mag zwar auch polarisieren, aber es ist nicht so gefährlich. In einem Film gibt es kein Wenn oder Vielleicht, es ist ein Statement im Indikativ. Man müsste alle Argumente ausblenden und kann nur zeigen, was ich für wahrscheinlich halte. Und seit ich mit dem Buch fertig bin, hat sich mein Interesse auf Jeanne d'Arc verlagert. Ihre Geschichte geht wohl auch mehr in meine Richtung, Filme zu machen, da ist mehr Action, eine starke Frau, enorme Brutalität.

          Schon wieder ein religiöser Stoff! Woher rührt Ihre Faszination? Sie beschreiben im Buch ja nur, wie Sie als junger Mann in der Krise kurzfristig in eine Pfingstgemeinde gerieten.

          Das geht weit zurück, in meine Kindheit, als ich mit drei oder vier Jahren dachte, der Heilige Geist habe mich besucht. Es brannte in meiner Brust oder meinem Herzen. Daran habe ich mich später wieder erinnert, als ich längst wusste, dass das ein Kindheitserlebnis war. Man kann zwar nicht mehr wie ein Kind denken, aber das Erlebnis hat seine Wirkung, auch wenn der Verstand es besser weiß.

          Sind Sie denn in einer streng religiösen Umgebung aufgewachsen?

          Nein, meine Eltern waren liberale Protestanten, ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals in die Kirche gegangen wären, die ganze Theologie meines Vaters bestand darin zu sagen: Sei gut zu anderen. Er hat sich aber auch nie negativ geäußert über den christlichen Glauben. Und es ist durchaus möglich, dass mein ganzes Nachdenken während der zwanzig Jahre im Jesus-Seminar ein Überbleibsel dieser kindlichen Erfahrungen ist, die ich auf diese Art bearbeitet habe, weil ich wissen wollte: Wer war dieser Mann Jesus? Ich interessiere mich auch für andere weltgeschichtliche Gestalten, für Alexander den Großen, Che Guevara oder Hitler. Mein Interesse für den Nationalsozialismus hat auch mit meiner Kindheit zu tun, damit, dass ich als kleiner Junge in einem besetzten Land gelebt habe. Mit fünf, sechs Jahren habe ich in Den Haag deutsche Soldaten kommen und gehen gesehen, Häuser wurden zerstört, Menschen deportiert. Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, Krieg sei der Normalzustand. Für ein Kind war das aufregend. Später wollte ich natürlich wissen, was genau da passiert war. Also habe ich gelesen. Wenn Sie so wollen, kann man behaupten, Hitler sei gewissermaßen der Anti-Christ und damit der Gegenpol zu meiner Beschäftigung mit Jesus.

          Im Buch lassen Sie immerhin durchblicken, dass es Ihnen leid tut, nicht gläubig sein zu können.

          Wenn Sie an Gott glauben, wird das Leben einfacher. Für mich gilt der alte Satz der Atheisten: Gott existiert nicht, aber ich vermisse ihn sehr. Mit ihm wäre das Leben viel weniger deprimierend. Das Wissen, dass alles einmal verschwinden wird, selbst die Arien Mozarts, ist schrecklich. Ich würde ein anderes Universum bei weitem vorziehen, eine Welt, in der man die Leute, die man liebt, nicht verliert. Ich glaube nicht, dass es schlecht ist, unsterblich zu sein. Warum sollen wir alles verlieren, eingeschlossen uns selbst? Die Aussicht macht mich zornig. Das jahrelange Leiden vieler Menschen ist doch einfach grauenhaft. Das ganze Buch ist in gewisser Weise ein Protest gegen die Schöpfung.

          Wenn man das Buch liest, kann man sich gut vorstellen, dass Sie Jesus gefolgt wären - nur Paulus hätten Sie sicher abgelehnt.

          Absolut. Jesus selbst hätte das genauso getan. Wenn er gesehen hätte, wie sie ihn, der das Reich Gottes auf Erden predigte, zum Gottesersatz gemacht, wie sie seinen Tod glorifiziert haben, hätte er sich furchtbar aufgeregt. Jesus wollte das Gottesreich hier und heute, und in seinen Gleichnissen gibt er uns darauf Hinweise. Er öffnet ein Fenster in dieses Reich. Für einen Moment spürt man die Möglichkeit eines anderen Lebens. Dann schließt sich das Fenster wieder.

          Sie vergleichen Jesus in Ihrem Buch mit Che Guevara. War er also doch kein gewaltfreier Gottsucher, sondern ein echter Rebell?

          Natürlich. In einem der letzten Kapitel stelle ich ausführlich dar, wie Jesus seine Jünger aufforderte, sich Schwerter zu besorgen. In den letzten Monaten seines Lebens wurde sein Denken revolutionär. Als er verhaftet wurde, gab es einen echten Kampf. Keiner der Evangelisten versucht, das zu leugnen, sie stellen es nur verharmlost dar. Wenn damals kein Blut geflossen wäre, hätten sie die Sache mit dem abgeschnittenen Ohr des Soldaten, das von Jesus aufgehoben wird, gar nicht erwähnt. Jesus und seine Anhänger waren am Ende eine radikale Sekte wie die Leute in Waco. Ihr Gottesreich kam nicht, stattdessen wurde Jesus in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Das machte sie zornig und militant. Insofern hatte Jesus Ähnlichkeit mit Che Guevara.

          An einer Stelle vergleichen Sie ihn sogar mit Usama Bin Ladin.

          Das ist eine kleine, leichthändige Provokation. Ich wollte einfach, dass jeder beim Lesen aufhorcht und sich fragt, ob wir es uns mit dem Terrorismus nicht ein wenig zu einfach machen. Ich glaube, wenn Jesus heute geboren würde, wäre es in Gaza. Wenn sein Leben eine Aufgabe hätte, läge sie dort. Identifikation mit dem Gegner, Fürsorge für den Feind, davon handelt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Es hilft nichts, dass die Vereinigten Staaten die Hamas verteufeln. Es bringt nur mehr Negativität in die Welt. Was Obama jetzt mit Iran versucht, ist dagegen im Sinn von Jesus.

          Was macht den geschichtlichen Erfolg des Christentums aus?

          Dass es Christus zum Gottessohn erklärt. Das ist eine mächtige Idee. All die griechischen und römischen Götter, die irgendwo auf dem Olymp hocken, werden durch einen wirklichen Menschen ersetzt. Diese Vorstellung hat die Leute überwältigt. Es gab also nicht nur einen einzigen allmächtigen Gott, sondern er hatte unter uns gelebt.

          Ihr Jesus ist kein Superstar, er ist nicht der Sohn Gottes, er stirbt einen elenden Tod ohne Auferstehung, aber dennoch haben Sie ihm Jahre Ihres Lebens gewidmet. Sind Sie nicht auch ein Jünger?

          Kein Jünger, aber ein Fan. Ein Fan von Jesus. Ich bewundere ihn für seinen Mut. Ich weiß nicht, ob ich fähig gewesen wäre, ihm zu folgen. Er war oft kein sehr angenehmer Mensch, sehr harsch, sehr entschieden. Er verlangte das Unmögliche. Zweifel gab es für ihn nicht. Jetzt, aus dem Abstand von zweitausend Jahren, kann ich sehr großzügig mit ihm sein. Damals aber gab es viele Leute, die ihn hassten. Schließlich predigte er gegen alles, was ihnen heilig war: den Sabbat, die Reinheitsgebote, die Priesterkaste. Was Jesus sagt, ist konkret und präzise. Es hat mit dem Leben zu tun. Er will das Hier und Jetzt verändern, er ist ein Genie mit Worten. Seine Gleichnisse sind unglaublich sprachmächtig und witzig, sie treffen immer genau den Punkt. Zu versuchen, ohne Hass zu leben, seine Feinde zu lieben, das ist die Herausforderung. Der Rest bedeutet nichts.

          Auf der Leinwand würde man dafür eine Menge Dialog benötigen. Nicht gerade typisch für einen Verhoeven-Film.

          So ist es. Ich habe auch darüber nachgedacht, was ich mit all diesen Worten anfangen soll. Warum soll ich einen Schauspieler all diese Dinge sagen lassen, wenn man sie viel besser lesen kann? Schließlich sind die Worte von Jesus wichtiger als alles andere. Sie sind das Echte. In ihnen steckt alles, was wir wissen müssen. Deshalb kann dieser Film nicht gemacht werden. Jedenfalls nicht von mir.

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