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Paul Celans 100. Geburtstag : Im Höhenrausch mit Ingeborg Bachmann

Paul Celan und Ingeborg Bachmann in einer Wiener Fotobude Bild: Bachmann Archiv

Der jüdische Dichter aus Czernowitz wäre an diesem Montag hundert Jahre alt geworden. Mit seiner Geliebten Ingeborg Bachmann wagte Paul Celan die literarische Mondlandung – privat flogen sie aber nicht lange miteinander.

          3 Min.

          Ein sensationelles Foto zweier junger Leute, die füreinander bestimmt scheinen: Ingeborg Bachmann, kurz vor ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag, und Paul Celan, 27 Jahre alt. Ort: eine Fotobude im Wiener Wurstelprater. Zeit: ein Frühsommertag zwischen dem 16. Mai 1948, als sich die beiden kennenlernten, und dem 26. Juni, als Celan nach Paris abreiste. Sensationell ist das Foto, weil es das einzige ist, das die beiden berühmtesten Dichter der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur als Paar, als Liebespaar zeigt – zu einem Zeitpunkt freilich, zu dem sie jenseits der Wiener Künstlerszene noch völlig unbekannt waren.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Seit langem kennen wir zwei Fotografien vom Mai 1952, auf denen sie ebenfalls gemeinsam erscheinen, allerdings im Ensemble anderer Autoren bei der Niendorfer Tagung der „Gruppe 47“. Die Szene im Pappmaché-Doppeldecker vor der Wien-Kulisse des Ateliers kommt hingegen einem Bekenntnis gleich: Wir werden, gleich jetzt, zusammen hochfliegen.

          Mohn für die Geliebte

          Im Brief an die Eltern nach Klagenfurt vom 25.Juni 1948, ihrem Geburtstag, zählt Ingeborg Bachmann begeistert die Geschenke auf, die ihr Celan bereits zwei Tage zuvor hat schicken lassen, darunter sind: „Blumen, Zigaretten, ein Gedicht, das mir gehören soll, ein Bild, das ich Euch in den Ferien zeigen kann.“ Das Gedicht heißt „In Ägypten“ und ist, im alttestamentarischen Ton, eine poetische Gesetzestafel mit neun Geboten, die sich der Dichter selbst für seine Liebe zu „der Fremden“ setzt. Erstes Gebot: „Du sollst zum Auge der Fremden sagen: Sei das Wasser.“

          Die Blumen könnten aufs Neue ein Bund Mohn gewesen sein. Bereits am 20. Mai hatte Bachmann jubilierend nach Klagenfurt reportiert: „Mein Zimmer ist momentan ein Mohnfeld, da er mich mit dieser Blumensorte zu überschütten beliebt.“ Celans erster Gedichtband von 1953 wird „Mohn und Gedächtnis“ heißen, zentrale Verse wird er ihr widmen.

          Die Zigaretten schließlich sind ein kostbares Lebensmittel und die harte Schwarzmarktwährung der Zeit. Nicht von ungefähr spielen sie eine heimliche Hauptrolle im Giganten-Film „Der dritte Mann“, dessen Wiener Dreharbeiten im Herbst 1948, wenige Wochen nach dem Flugzeugfoto, beginnen. Endgültig Ewigkeitswert erlangt dabei der Wurstelprater, als sich Holly Martins (Joseph Cotten) und Harry Lime (Orson Welles) im Riesenrad, das sich nach den Kriegszerstörungen erst seit kurzem wieder dreht, eines der größten Dialogduelle der Filmgeschichte liefern. Celans Gedicht, seine Blumen und Zigaretten sind also unschwer zu bestimmen.

          Vom Steilflug zur literarischen Mondlandung

          Aber was hat es mit dem ominösen „Bild“ auf sich, das die Studentin den Eltern bald zeigen will? Ist es das Praterfoto? Wir denken: ja. Überdauert hat es im Familienarchiv der Bachmanns. 2018 haben es die Erben, die Schwester Isolde Moser und der Bruder Heinz Bachmann, erstmals in einem Berliner Auktionskatalog abbilden lassen, obgleich es nicht zum Verkauf stand. Zu Beginn dieses Jahres hat es der amerikanische Germanist Leo A. Lensing als Illustration einer Bachmann-Besprechung im „Times Literary Supplement“ gezeigt, und vor kurzem schmückte es in der Zeitschrift „Österreich in Geschichte und Literatur“ den Celan-Essay des Genfer Literaturwissenschaftlers Hans-Jürgen Schrader.

          Was ist aus dem beabsichtigten Hoch- und Steilflug des Frühsommers 1948 geworden? Literarisch ganz gewiss eine Mondlandung, denn sie wie er haben in ihren relativ kurzen Dichterleben jeweils Großes, Wegweisendes vollbracht und sich dabei poetisch wie poetologisch wechselseitig befördert, ja: aneinander entflammt. Biographisch gelang der gemeinsame Aufschwung nicht. Nahezu zwei Jahrzehnte lang, bis zum Juli 1967, werden sie sich immer wieder treffen, immer wieder trennen, sich immer aufs Neue suchen und finden, um einander schließlich final zu verlieren. „Herzzeit“, ihr 2008 erschienener Briefwechsel, ist ein Hauptwerk unserer Literatur.

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          Der jüdische Dichter aus Czernowitz, der zeitlebens auf Deutsch schrieb, hatte während des Winters 1942/43 seine Eltern im Holocaust verloren. Die „Todesfuge“ war geschrieben, als er Ingeborg Bachmann erstmals begegnete. Nach seinem Tod in der Seine um den 20.April 1970 fügt sie dem an sich fertigen Roman „Malina“ einige Passagen über die „Geheimnisse der Prinzessin von Kagan“ hinzu und lässt ihre Ich-Erzählerin über „den Fremden“ aus der Legende sagen: „er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“ Ingeborg Bachmann starb 1973 in Rom. Paul Celan wäre heute hundert Jahre alt geworden.

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