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Paul Auster zum Siebzigsten : Wenn die Welt zerbricht

Ja, sogar mehr als Kunst, die die überlebenden Fergusons jeweils auf unterschiedliche Weise schreibend für sich entdecken. Nicht nur das verbindet sie mit ihrem Autor, sondern auch Sportvorlieben und -erfolge während der Schulzeit, Leidenschaften fürs Kino oder einzelne Lektüren. Und alle starren sie aus den verschiedenen Kleinstädten in New Jersey, in die es sie verschlagen hat, sehnsüchtig auf die nahe Metropole New York.

Wenn die Welt brennt, wird man selbst entflammt

Das ist „4 3 2 1“ auch: ein großartiger New-York-Roman und insofern eine Parallelaktion zu Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“, das auf Deutsch nur wenige Tage vor Austers Buch erschienen ist (F.A.Z. vom 28. Januar), während es in Amerika schon 2015 herauskam. Das Verblüffende beim Vergleich dieser beiden in jeder Hinsicht gewichtigen Bücher ist, dass „Ein wenig Leben“ zeitlos in dem Sinne ist, dass vom Schicksal der kleinen Gruppe Menschen in seinem Zentrum ohne jeden Hinweis auf einen konkreten Handlungszeitpunkt erzählt wird: Den einzigen Rahmen für das mehr als ein halbes Jahrhundert umfassende Geschehen bildet die Stadt New York als Stimmungsphänomen und als solches auch als einen unvergleichlicher Lebensraum, der bei Yanagihara losgelöst von allem erscheint, was die Welt sonst noch zu bieten hat. Austers New York in „4 3 2 1“ dagegen ist zeitlich exakt bestimmbar über all die politischen, gesellschaftlichen und ästhetischen Ereignisse, die in dieser Stadt während der sechziger und siebziger Jahre kulminierten. „Alles eine Zeitlang stabil, und dann eines Morgens geht die Sonne auf, und alles bricht in Stücke.“

Besonders wichtig wird diese Erfahrung beim jeweiligen Blick von Ferguson I und IV auf die Studentenproteste von 1968, als die Columbia-Universität acht Tage lang blockiert wurde. Dieses Ereignis, das den damals an der Columbia studierenden Auster nachhaltig beeinflusst hat, spielte schon in seinem 2009 veröffentlichten Roman „Unsichtbar“ eine wichtige Rolle. Die Politisierung durch Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung ist der äußere Antrieb für die Fergusons: Wenn die Welt brennt, wird man selbst entflammt. Für Yanagiharas Protagonisten gibt es nur innere Motivationen. Trotzdem sind beide Romane, an Umfang und Qualität gleichermaßen reich, Glücksfälle für die amerikanische Literatur.

Dass die Übersetzung von „4 3 2 1“ am selben Tag erscheinen konnte wie das Original, ist Ausdruck der Beliebtheit von Auster: Etliche deutsche Leser hätten sonst wohl die englische Ausgabe gekauft. Auster hat jahrelang daran geschrieben; als Inge Birgitte Siegumfeldt die Gespräche mit ihm führte, arbeitete er bereits daran, erzählte aber nichts darüber, außer dass ihm die Arbeit daran Spaß mache. Das merkt man dem fertigen Roman in jeder Zeile an.

Ein halbes Jahr nur blieb für die Übersetzung der 1250 Seiten

Und das, obwohl der Zeitplan für die deutsche Ausgabe - ein halbes Jahr von Austers Manuskriptabgabe bis zum Erscheinen - nur zu halten war, indem neben dem Stammübersetzer Werner Schmitz noch drei weitere Kollegen tätig wurden. Sie haben sich die Arbeit nicht nach dem Vorbild der Bucheinteilung in die Leben von Ferguson I bis IV aufgeteilt, sondern je nach individueller Kapazität gemäß den jeweiligen Handlungszusammenhängen. „Das Konzept war“, teilt der zuständige Lektor Thomas Überhoff mit, „dass die anderen versuchen sollten, sich in Ton und Stil möglichst an Werner Schmitz anzupassen.“ Das ist geglückt; der Roman weist die unverkennbare Auster-Stimme auf, wie wir sie aus den bisherigen deutschen Übersetzungen schätzen.

In den Gesprächen mit Inge Birgitte Siegumfeldt hat Auster vom schönsten Geburtstagsgeschenk erzählt, das er zum sechzigsten Geburtstag erhalten habe: einen von Willie Mays signierten Baseball. Dazu muss man wissen, dass Mays, anderthalb Jahrzehnte älter als Auster, eine lebende Legende seines (und auch Archie Fergusons) Sports ist. Als Mays erfuhr, dass der damals neunjährige Auster bei ihrer einzigen Begegnung keinen Stift dabeihatte und so kein Autogramm von ihm erbitten konnte, deshalb künftig immer Schreibwerkzeug mit sich führte und schließlich zum Schriftsteller wurde, signierte er den Ball, den Auster dann zum Sechzigsten geschenkt bekam. Zum siebzigsten Geburtstag hat der sich nun selbst das schönste Geschenk gemacht: diesen Roman. Und uns als seine Leser beschenkt er mit.

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