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Paul Auster zum Siebzigsten : Wenn die Welt zerbricht

Paul Auster: „Ein Leben in Worten“. Ein Gespräch mit Inge Brigitte Siegumfeldt. Aus dem Englischen von Werner Schmitz und Silvia Moravetz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 414 S., br., 12,99 Euro.

Das beginnt mit dem Geburtsjahr und auch dem Geburtsort, Newark, sowie den wichtigsten Stationen der Kinder- und Jugendzeit, die alle Archie Fergusons - die wir fortan der Einfachheit halber nach ihrer Reihenfolge im Erzählkontinuum als Ferguson I bis Ferguson IV bezeichnen wollen, wie Auster es ganz am Schluss, als er doch noch einmal eine Mise en abyme unterbringt, selbst nahelegt - absolvieren. Ferguson II aber stirbt als Dreizehnjähriger schon nach einem Fünftel des mit 1250 Seiten umfangreichsten Romans, den Auster bislang geschrieben hat, und so entgehen ihm die emotionalen und ästhetischen Erfahrungen von Pubertäts- und junger Erwachsenenzeit, die seine drei Namensvettern durchleben. Der Tod kommt zu Ferguson II völlig überraschend, aber nicht aus heiterem Himmel, denn ein Blitzschlag trifft ihn. Auster selbst hat im gleichen Alter wie Ferguson II einen Freund auf diese Weise sterben sehen, wie sein autobiographischer Text „Warum schreiben?“ erzählt. Die Parallelen der Romanhandlung zum eigenen Leben liegen offen. Sie werden für treue Auster-Leser noch deutlicher, je älter die verbliebenen Fergusons werden.

Grundlage für vier alternative Lebensläufe

Zu Beginn ihres Lebens sind sie zwar räumlich und zeitlich eng mit der Biographie des Autors verknüpft, doch die Familie Ferguson ist kein Abbild der Familie Auster. Den Fergusons vor Archie ist das Kapitel 1.0 gewidmet, das in den späteren Teilen keine Fortsetzung mehr findet, weil hier die Grundlagen für alle vier Leben gelegt werden. Da ist der Großvater Isaac Reznikoff, der im Jahr 1900 aus dem russischen Minsk vor Elend und Pogromen in die Vereinigten Staaten flieht und sich dort eigentlich den für amerikanische Ohren wohlklingenden Namen Rockefeller zulegen will, aber sich vor dem Einreiseschalter nicht daran erinnert, weshalb er auf Jiddisch ausruft: „Ich hob fargessen“, was der Beamte als Ichabod Ferguson versteht und ihn deshalb so ins Einwanderungsregister einträgt. Mit dieser Szene gleich auf der ersten Seite hat Auster gewonnen, und auch wenn es nie mehr so burlesk wird, setzt die Anekdote doch den Ton für das gesamte Buch. Und ein zentrales Kompositionsmotiv ex negativo: „Ein junger Mann wird plötzlich in drei junge Männer zerrissen, jeder mit dem anderen identisch, aber jeder mit einem anderen Namen: Rockefeller, Ferguson und der lange, unaussprechliche Name X.“ So räsoniert Ferguson IV, der sich zum Schriftsteller entwickeln wird - und als einziger überleben. Da ist es 1975, und der Roman ist aus.

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Auster ist ein gewiefter Konstrukteur, aber bisweilen unterschätzt er seine Leser. So auch hier: Den Schlüssel zum Verständnis des Romans liefert er erst ganz am Ende, aber da haben wir uns längst einen Dietrich gefertigt. Doch auch in der Bestätigung von Vermutungen liegt ja Reiz; nur kommt bei Auster zu häufig zum Ausdruck, dass er sich allein als Türöffner sieht. Das ist in „4 3 2 1“ wieder so, aber das ist auch der einzige Einwand.

Alle starren sehnsüchtig auf New York

Frauen spielen bei Auster meist keine gewichtigen Rollen, aber im neuen Roman gibt es gleich zwei unvergessliche weibliche Figuren: Archies Mutter Rose und die mit ihm fast gleichalte Amy Schneiderman, Enkelin eines Fotografen, bei dem seine Mutter ehedem lernte und arbeitete. Wo diese zum Vorbild fürs künstlerische Streben der vier Fergusons wird, gibt Amy deren Sehnsuchtsbild ab, und auf jeweils unterschiedliche Weise scheitern sie an ihm. Ferguson II ist schon tot, bevor er ernsthaft an die Liebe denken könnte, aber Ferguson I, III und IV müssen jeweils erleben, wie mal das (Familien-)Schicksal ihnen in die Karten pfuscht, mal die eigene Unzulänglichkeit gegenüber einer jungen Frau, die sich zur politischen Aktivistin wandelt und mehr von einem Partner erwartet als nur Sex.

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