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Patrick Süskind zum Sechzigsten : Der Ruhm des Unsichtbaren

Schon der blutjunge Patrick Süskind soll davon gesprochen haben, dass er den einen Roman schreiben werde, von dessen Erträgen er dann werde leben können. Mit seinem „Parfüm“ hat er dies eingelöst, nach dem Erfolg des Romans tauchte er ab. Bis heute ist er ein Rätsel geblieben, ein poetisches.

          Es sind ja nicht die Werke, es sind deren Schöpfer, die wir hier feiern wollen - und bei Patrick Süskind ist die Frage, was man ihm zum sechzigsten Geburtstag wohl wünschen soll, ganz besonders schwer zu beantworten. Wir wissen ja so wenig über ihn: Ums Jahr 1985 herum lebte und verschwand in der Gegend von München ein Mann, der zu den erfolgreichsten und rätselhaftesten Schriftstellern seiner Zeit gehört hatte - so müsste man, Süskind zitierend, wie er Kleist zitiert, die Geschichte vom Herrn S. wohl enden lassen. Und so hat sie ja recht eigentlich begonnen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Solange Patrick Süskind noch unter uns war, ein Mann, von welchem es Fotos gab, eine Adresse und den man, wenn man seinen Werken glauben darf, wohl auch in Münchens Bars und Restaurants treffen konnte - denn woher sonst hätte er gewusst, wie jene Leute reden, die er, zusammen mit Helmut Dietl, dann so wunderbar zum Sprechen brachte? -, so lange war Süskind, die Person, nur von mäßigem Interesse. Sicher, sein „Kontrabass“, dieses ebenso lustige wie schlechtgelaunte Einpersonenstück war Anfang der achtziger Jahre an deutschen Bühnen - und nicht nur dort - unglaublich populär, wurde öfter gespielt als Shakespeare und Tschechow zusammen. Aber vielleicht war gerade das der Grund, warum eigentlich niemand, außer ein paar sehr entschlossenen Theaterenthusiasten, den Autor besonders wichtig nahm.

          Patrick soll nicht besonders brav gewesen sein

          Und dass sein Name immer wieder auf den Bildschirmen stand, als Co-Autor der genialen Serien „Der Moncao Franze“ und „Kir Royal“, das haben die Kenner damals zwar bemerkt. Aber wenn dann Helmut Dietl, der andere Autor, der Erfinder jener Serien und ihr Regisseur, angemessen hymnisch gefeiert war, blieb anscheinend keine Konzentration mehr für die Frage, was die Stimmung, der Klang, die Poesie dieser Serien dem Autor Süskind verdanke. Helmut Dietl hat später gesagt, dass Süskind zwar ein Autor, aber kein Drehbuchschreiber sei, und was hätte man als Fan und Zuschauer wohl für einen Grund, Helmut Dietl nicht zu glauben? Aber wer den „Kontrabass“ gesehen oder gelesen hat, wer Süskinds Prosa kennt, dieses Deutsch, dessen reichste Ressource ein unerreicht feines Ohr für Jargons, Nuancen, Dialekte zu sein scheint: der hört aus Dietls Münchnern immer auch Patrick Süskind sprechen. Es gehört schon großer literarischer Feinsinn dazu, den Monaco Franze „ein Scheißdreck war's“ sagen zu lassen, so wie es der Monaco Franze eben sagt, im schicken Restaurant, unter lauter schicken Angebern, die gerade eine „Walküre“ gesehen und gehört haben und einander jetzt versichern, sie hätten einer Sternstunde der Musikgeschichte beigewohnt.

          Es ist die Folge, in der auch Joachim Kaisers Double eine Rolle spielt, was, einerseits, natürlich naheliegt, bei einer Serie die in München spielt und von München handelt. Und andrerseits hat dieser Joachim Kaiser einmal einen Besuch bei Süskinds Vater, dem Schriftsteller und Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Wilhelm Emanuel Süskind, beschrieben; da heißt es, die Söhne, Patrick und sein Bruder Martin, seien nicht besonders brav gewesen.

          Die Spuren des Autors

          Später hieß es dann, schon der blutjunge Patrick Süskind habe davon gesprochen, dass er den einen Roman schreiben werde, welcher ihn reich machen werde und von dessen Erträgen er dann leben wolle - und als „Das Parfüm“ herauskam, dieser Roman, in dem es keine einzige Behauptung über die suggestive Kraft der Düfte gibt, welche nicht durch die suggestive Kraft dieser Prosa gedeckt wäre, da, so schien es, war das Publikum so erregt, wie es die Leute in Paris sind, wenn Grenouille, Süskinds Held und Bösewicht, am Schluss die Duftgeister aus der Flasche lässt. Und die Kritiker, so schien es, mochten und genossen dieses Buch. Und misstrauten zugleich ihrer Lust an der Lektüre. Marcel Reich-Ranicki schrieb, er behaupte nicht, man solle so schreiben; man dürfe es aber schon. Wolfram Schütte grub die Sätze so lange um, bis er, tief unten, die subversiven Strategien fand. Und Joachim Kaiser pries Süskind. Und machte sich doch die Sorge, dass die Fernseharbeit den Dichter Süskind korrumpieren könnte.

          Er ist dann verschwunden, abgetaucht, hat sich unsichtbar gemacht. Keine Preise angenommen, kein Interview gegeben. Hat die Filmpremiere zu „Rossini“, Dietls Spielfilm, den er mitgeschrieben und in dem er sich angeblich selbst porträtiert hat, genauso geschwänzt wie die Premiere von Tom Tykwers Verfilmung des „Parfüms“. So ist er zu unserem Salinger geworden, unserem Pynchon, zu einer Figur, deren ungeheurer Ruhm sich auch daraus speist: dass wir nichts wissen, dass wir ihn nicht kennen. Ein Rätsel, das selbst schon wieder ganz poetisch ist - auch wenn die Texte jener Reporter, die ihm hinterhergeschnüffelt haben und ihn, irgendwo in Schwabing oder Südfrankreich, gefunden zu haben glaubten, literarisch nicht so besonders wertvoll waren. Im Internet, wo es alles gibt, kann man auch Texte und Tabellen finden, da haben sich Fans die Mühe gemacht, in jeder einzelnen Süskind-Figur die Spuren des Autors und die Hinweise auf sein Leben zu identifizieren.

          Seine Ruhe, seine bayerische

          Und so möchte man ihm, diesem Schriftsteller, dessen Sprache man so sehr liebt, dass naturgemäß diese Sympathie auch auf deren Schöpfer übergeht, diesem Mann, dessen Unsichtbarkeit man angesichts der allgemeinen und unentrinnbaren Präsenz und Meinungsproduktion so vieler seiner Kollegen man gar nicht laut und heftig genug preisen kann, zum Sechzigsten das wünschen, was er sich seit fast fünfundzwanzig Jahren selber gönnt: seine Ruhe, seine bayerische.

          Und uns, die wir „Parfüm“ anlässlich der Verfilmung noch einmal gelesen und geliebt haben und die DVDs mit den Dietl-Serien ohnehin dauernd wieder ansehen (schon weil die deutsche Fernsehgegenwart nichts Vergleichbares zu bieten hat), uns wünschen wir das Gegenteil: dass er, ganz kurz nur, herauskomme aus seinem Versteck und auf unsere vielen Fragen antworte.

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